Wenn aus Liebe Abhängigkeit wird

· 20. Mai 2017

Das Wort „Abhängigkeit“ bezieht sich auf gewisse Bedingungen, Begrenzungen oder Einschränkungen, die uns von unserer Umwelt auferlegt werden. Um leben zu können, hängen wir zum Beispiel von Sauerstoff, Wasser, Nahrung und Schlaf ab. In diesem Sinne sprechen wir über absolute Bedürfnisse, ohne deren Befriedigung niemand in der Lage wäre, zu überleben. Anzuerkennen, dass man bestimmte Dinge braucht und von ihnen abhängig ist, um leben zu können, ist daher vernünftig und sinnvoll.

Andererseits haben wir auch relative Bedürfnisse, von denen wir nicht per se abhängig sind. Denn dabei handelt es sich einfach nur um Vorlieben für Umstände und Dinge, die das Leben ein bisschen angenehmer gestalten. Auch wenn wir sie nicht erfüllen, können wir immer noch ganz normal weiterleben. Wenn du etwa einen Nagel in die Wand schlagen willst, wäre die Behauptung, dass du dazu das absolute Bedürfnis nach einem Hammer hast, töricht, da du ja auch ein anderes Werkzeug, wie zum Beispiel einen schweren Stein, benutzen könntest. Das Bedürfnis nach einem Hammer ist relativ, obwohl du ihn sicher dem Stein vorziehst, weil er natürlich angenehmer zu gebrauchen ist.

Wenn man diesen Unterschied verstanden hat, kann er leicht auf das Gebiet der Psychologie übertragen werden. Im besonderen auf die Liebe. Wir glauben irrigerweise, dass wir Liebe brauchen, um glücklich zu sein oder zu überleben. Obwohl dazu Studien angestellt wurden, konnte man in keiner Untersuchung die Hypothese belegen, dass das Glück oder der Mangel an Glück der Teilnehmenden davon abhing, ob in ihrem Leben Liebe vorhanden war oder nicht.

Wenn du meinst, dass du Liebe in deinem Leben brauchst und darüber hinaus die Liebe eines bestimmten Menschen, wirst du am Ende noch von dieser Person abhängig. Ganz so, als ob dein Leben aus den Fugen geraten könnte, wenn sie nicht mit dir zusammen ist. Abhängigkeit legt dich an die Kette. Du brauchst diesen Menschen, so wie du Wasser in deinen Zellen brauchst, um zu überleben – obwohl du dir dieses Bedürfnis schlichtweg nur ausgedacht hast.

Worin unterscheiden sich Liebe und Abhängigkeit?

Es sind Hinweise auszumachen, die dir dabei helfen, zu erkennen, dass du in die Falle der emotionalen Abhängigkeit hineintrittst:

Du lässt es zu, dass dich der andere schlecht behandelt

Du hast die andere Person so stark idealisiert, dass du denkst, dass in der Liebe und besonders im Zusammenhang mit diesem Menschen „die gemeinsame Zeit alles Leid wert“  sei. Und dass es dir nichts ausmacht, dass er sich dir gegenüber respektlos zeigt und dass er sich ändern wird, usw. Tief in deinem Innersten weißt du jedoch, dass das nie passieren wird und du leidest darunter. Hast aber gleichzeitig Angst davor, dem Partner die Stirn zu bieten oder aus der Beziehung auszusteigen. Du entscheidest dich lieber dafür, das Unerträgliche zu ertragen.

Du wirst nervös, wenn die andere Person nicht in deiner Nähe ist

Weil du ein Bedürfnis nach ihr hast, bekommst du Angst, wenn sie nicht die ganze Zeit an deiner Seite ist. Das könnte ja bedeuten, dass du sie eventuell verlierst. Oder dass du ihren Aufenthaltsort nicht kontrollieren kannst. Und was sie dort tut. Es ist fast so, als ob du kein Trinkwasser findest und verdurstest: Du wirst genauso nervös – mit dem Unterschied, dass du nach Wasser ein wirkliches Bedürfnis hast.

Es fühlt sich so an, als ob das Leben ohne die Person sinnlos wäre

Du fürchtest den Gedanken an eine Zukunft ohne diesen Menschen. Du denkst, dass du ohne ihn nicht glücklich sein könntest, dass du nicht mehr in der Lage wärst, irgendetwas zu genießen, dass du dann bis zu deinem Lebensende allein sein müsstest, etc. Alle diese extrem unrealistischen Gedanken entspringen dem Glauben, dass du Liebe brauchst, um funktionieren zu können. Aber Abhängigkeit ist keine Lösung.

Du bist nicht mehr der gleiche Mensch wie am Anfang der Beziehung

Freizeitaktivitäten oder Dinge, die du vorher leidenschaftlich betrieben hast, übst du nicht mehr aus. Du siehst auch deine Freunde weniger häufig. Jetzt machst du lieber das, was dein Partner mag. Und du hast dich sogar in Sachen vertieft, von denen du niemals annahmst, dass sie dich interessieren würden. Kurz gesagt, du bist nicht mehr dieselbe authentische Person, die du vorher warst. Du bist eher wie ein siamesischer Zwilling mit deinem Partner zusammengewachsen und in dir drin fühlst du dich deswegen leer.

Eine Auswahl an Strategien gegen die Abhängigkeit

Wenn du dich mit irgendeinem der besagten Punkte identifizieren kannst und du aus dem Gefängnis ausbrechen willst, in das du dich selbst manövriert hast, musst du dich deiner Angst stellen, allein zu sein. Bemerke, dass der Schlüssel zum Beenden dieser Abhängigkeit bereits in deiner Hosentasche steckt – du brauchst ihn bloß zu benutzen!

  • Ändere deine übermäßig romantischen Gedanken. Romantik ist schön und macht Spaß – in normalen Dosen und solange du sie im Griff hast. Aber wenn sie dir entgleitet, dann  fängst du vielleicht damit an, falschen Vorstellungen nachzuhängen, wie „ohne dich bin ich nichts wert,“ „ohne dich würde ich sterben“  oder „deine Abwesenheit schmerzt mich“. Diese Vorstellungen erfüllen dich nur mit ständiger Verlustangst.
  • Du bist nicht das Eigentum deines Partners und er nicht das deine. Obwohl wir Worte wie „mein Freund“, „mein Lebensgefährte“  oder „mein Mann“  gebrauchen , ist dieses Possessivpronomen nur ein Kommunikationswerkzeug. In Wirklichkeit ist diese Person frei und gehört dir nicht. Sie ist in dein Leben gekommen, weil sie das so wollte, und kann jederzeit wieder gehen, wenn sie das möchte. Ob du das jetzt gut findest oder nicht. Deshalb solltest du anfangen, dich von der beschriebenen Idee zu lösen. Du musst verstehen, dass – obwohl sie im Moment dein Partner ist und ihr euer Leben miteinander teilt – diese Person für dich wieder zu einem x-beliebigen Menschen auf der Welt werden kann. Und dass du ohne sie überleben wirst.
  • Überprüfe deine Glaubenssätze. Warum brauchst du die Liebe dieser Person? Was machst du mit dieser Liebe? Warum möchtest du sie haben? Schenkt sie dir Glück und Befriedigung oder geht es darüber hinaus? Wo steht geschrieben, dass du einen Partner brauchst, um glücklich zu sein?

Ändere dein Verhalten. Wenn du an diesen unrealistischen Gedanken und Glaubenssätzen gearbeitet hast, ist es notwendig. sie in die Praxis umzusetzen. Ändere deine Verhaltensmuster. Hör damit auf, den Aufenthaltsort deines Partners zu überprüfen oder zu bestätigen. Und hör damit auf, ihm dafür überflüssige Erklärungen zu geben. Genieße seine Gesellschaft, aber genieße auch deine eigene Gesellschaft sowie die anderer Leuten.

Mach, was du gern tust, und nicht das, was du tun solltest, bloß weil du einen Partner hast. Wenn dein Partner die Veränderung akzeptiert, ist das wunderbar. Wenn nicht, dann mach, dass du wegkommst! Dieser Mensch hat dich nicht verdient und du brauchst ihn nicht. Dein Glück hängt nicht von einer anderen Person ab.