Welche Vorteile hat ein 10-tägiger Retreat?

· 29. Dezember 2018

Ich könnte dutzende Artikel über die Vorteile eines 10-tätigen Retreats schreiben. Ich könnte stundenlang darüber erzählen, welche Vorteile ein spiritueller Rückzug hat. Man könnte so vieles darüber erzählen, aber ich möchte mich auf ein paar grundlegende Aspekte beschränken. In diesem Artikel werde ich ein paar allgemeine Vorteile aufzeigen, denn die meisten sind doch eher individueller Natur. Es handelt sich dabei um Erfahrungen, die sehr tiefgründig und nicht wirklich in Worte zu fassen sind. Der Grund dafür ist unter anderem, dass wir diese Erfahrungen in unserem Inneren, auf ganz persönlicher Ebene machen.

Als ich vor zwei Jahren meinen ersten mehrtätigen Retreat gemacht hatte, wollte ich bald anderen von dieser Erfahrung erzählen. Da fiel mir allerdings auf, dass nicht jeder dazu bereit ist, zu verstehen, was für manche eine verändernde Erfahrung sein kann. Seitdem spreche ich nicht viel darüber, es sei denn, ich werde danach gefragt. Nach meinem letzten Retreat wurde ich zuerst gefragt: „Zehn Tage ohne mit jemanden zu sprechen und ohne Handy?“ „Ja“,  antwortete ich. „Du bist schon seltsam“,  hat man mir geantwortet.

Was ist ein Retreat?

Ein Retreat besteht im Grunde genommen darin, sich eine Pause vom Alltag zu gönnen. Das hört sich vielleicht ein wenig eigenartig an. Ich erkläre dir nachfolgend, was das bedeutet.

In unserem Alltag begegnen uns sowohl Situationen als auch Menschen, die uns verärgern. Wir erleben Ereignisse, die uns traurig stimmen. Kurzum müssen wir mehr oder weniger häufig mit Situationen umgehen, die bei uns Unbehagen auslösen. Darüber hinaus verspüren wir so manches Verlangen nach etwas, das in Extremfällen als Sucht bezeichnet werden könnte.

Daher besteht ein Retreat darin, sich eine gewisse Zeit lang von dem zu distanzieren, das uns ein schlechtes Gefühl gibt, wie eine Sucht nach etwas, um zu lernen, nur mit uns selbst zu sein. In diesem Fall wird diese Ruhepause von einem hochqualifizierten Retreat-Lehrer geleitet und folgt einem bestimmten Programm.

Meditationsunterricht

Die ersten Augenblicke

Da es mein dritter Retreat war, hatte ich schon eine gewisse Erfahrung, doch die ersten Augenblicke sind immer anders. Darüber hinaus zielte dieser Retreat letztendlich darauf ab, am Ende des Programms als buddhistischer Meditationslehrer tätig werden zu können, weshalb ich eine große Verantwortung verspürte.

In unserem täglichen Leben weichen wir ständig unseren unangenehmen Gedanken aus. Wir tolerieren es nicht, darüber nachzudenken, was uns leiden lässt, und deshalb greifen wir immer wieder auf unser Handy oder andere Aktivitäten zurück, um uns abzulenken. In einem Retreat stellst du dich ganz allein dieser Gefahr, also deinem Verstand und deinen Gedanken. Wenn du durch die Tür des Retreat-Centers gehst, weißt du, dass du, obwohl du von mehr Kameraden begleitet wirst, allein mit deinem Geist sein wirst. Kein Handy, kein Computer, kein Internet, kein Kontakt zur Außenwelt.

Meditation und Gedanken bei einem stillen Retreat

Meditation

Da es sich beim Kurs zum Meditationslehrer um einen stillen Retreat handelte, meditierten wir zwischen fünf und sechs Mal am Tag als Praxis, plus die einzelnen Meditationen, die jeder von uns für sich durchführen wollte. Wir erhielten auch Belehrungen. Das war unser einziger akustischer Stimulus, die Worte des Lehrers für ein paar Stunden am Tag. Ansonsten Schweigen.

Während du meditierst, wirst du dir der Vielzahl an Gedanken bewusst, die dir immer wieder in den Sinn kommen. Gedanken, die du für „abgehakt“ hieltest und andere, aktuellere Gedanken. Einige bleiben in deinem Kopf wie ein Brett, das dir vorgehalten wird. Du sitzt im Schneidersitz, atmest tief, langsam und lässt den Gedanken vergehen. Du beobachtest ihn, ohne ihn zu verurteilen. Wenn du die Meditation beendet hast, kommt er dennoch wieder zurück.

Gedanken

Jene Gedanken, die wir unter Kontrolle zu haben schienen, beginnen, aus unserem Verstand herauszusprudeln, wie die Lava eines Vulkans, der völlig außer Kontrolle geraten ist. Sobald in unserem Alltag solch ein Gedanke aufkommt, schieben wir ihn beiseite, indem wir beispielsweise ins Internet gehen.

In einem Retreat erscheint nicht nur die Spitze des Eisbergs, sondern er zeigt sich nach und nach in seiner ganzen Pracht. Und dieser Eisberg ist nicht gerade klein! Du erkennst, dass viele Gedanken wie der Eisberg sind, der die Titanic versenkt hat: Von außen betrachtet scheint es, dass er dir nicht so viel anhaben mag, während er dich tief im Inneren so sehr verletzt, dass er deine emotionale Gesundheit, deine Stimmung, dein Selbstwertgefühl mit der Zeit immer mehr zerstört. An diesem Punkt angekommen, kann ich nur sagen: Glückwunsch, du fängst gerade an, dich deinen eigenen Dämonen zu stellen!

In einem stillen Retreat scheint sich jeder verstörende Gedanke in einen wilden Drachen zu verwandeln. Wir müssen schlicht erkennen, dass er ein Hirngespinst ist und ruhig bleiben.

Frau mit geschlossenen Augen

Deshalb kann es vorkommen, obwohl alles so idyllisch erscheint, dass die Teilnehmer unter Angstattacken, Zittern, Schweißausbrüchen, Weinen, Herzklopfen, Hyperventilation und so weiter leiden. Diese Symptome werden bei Weitem nicht als beängstigend beschrieben, ganz im Gegenteil. Dadurch erfahren wir, was passiert, wenn wir unserem Geist aufgeschlossen gegenüberstehen, und wie viel wir uns vor uns selbst verstecken. Und wenn wir soweit sind, uns dem zu stellen, wissen wir nicht einmal, wo wir anfangen sollen.

In gewisser Weise könnte man diese Angst auch als ein Zeichen des Rückzugs aus dem Alltag erklären. Wir sind an eine bestimmte Routine gewöhnt, an den Wechsel von hier nach dort, aber in einem Retreat-Zentrum hast du einen festen Zeitplan. Du kannst nicht auf Technologien zugreifen, du kannst nicht mitten in der Nacht aus deinem Zimmer aufstehen und zu deinem Kühlschrank gehen, um Eis zu holen. Das sind Veränderungen, an die du dich anpassen musst, um einen anderen Zeitplan und ein anderes Verhalten anzunehmen, und das kann zu einem gewissen Unbehagen führen. Bei einem stillen Retreat kannst du auch nicht reden. Alles ist also anders.

Und wie sehen die Vorteile eines 10-tägigen stillen Retreats aus?

Meine bisherigen Erlebnisse waren immer etwas durchwachsen. Aber diese paar Tage zu nutzen, hängt tatsächlich von der Person, ihrer Lebensgeschichte, ihren Bewältigungsstrategien und davon ab, wie sehr sie sich an den meditativen Übungen beteiligen will.

Das wirklich Interessante ist, dass die Vorteile eines stillen Retreats erst dann wirklich spürbar werden, wenn man in den Alltag zurückkehrt. Wenn du wieder im Alltag angekommen bist, fühlst du dich ruhig, entspannt und gelassen. Auch wenn du ein paar Tage lang verschiedene Stimmungslagen erlebt hast, ist im Nachhinein doch wieder alles normal. Nur dein Geist ist viel ruhiger. Du musst nicht reden, brauchst nicht so viele äußere Reize, um glücklich zu sein. Du selbst und ein paar wenige andere Sachen sind dir genug.

Auf dem Heimweg vom Retreat-Center nimmst du den Lärm um dich herum wahr: Autos, Menschen, die reden, die schreien, laute Töne usw. Du wirst dir langsam des übermäßigen Lärms bewusst, von dem wir umgeben sind und der uns beinahe unbemerkt in einen gestressten Zustand versetzt. Wer allein lebt, hat diesen Vorteil der Stille, aber wer mit mehreren Menschen in einem Haus lebt, sieht, dass einer den Fernseher an hat, der andere mit dem Computer oder dem Handy spielt und fast alle auf etwas schauen, was in Wahrheit keinen Nutzen hat und nichts weiter als Lärm verursacht.

„Unser Körper und Geist haben die Fähigkeit, sich selbst zu heilen, wenn wir ihnen erlauben, sich auszuruhen.“

Thích Nhất Hạnh

Wenn du anfängst, dich wieder mit deinen Freunden und deiner Familie zu treffen, erkennst du, dass viele der Gespräche rein sozialer Natur sind. Das heißt, sie werden geführt, um eine Stille zu füllen. Sie sind Gespräche, die dich weder bereichern noch dir etwas bringen. Was nicht bedeutet, dass das negative Gespräche seien; das ist keine negative Kritik, sondern nur eine Reflexion. Wir sprechen ein wenig über unser Land, Freunde, Sport, aber … verändern wir uns dadurch als Menschen zu unserem Vorteil? Nach zehn intensiven Tagen der inneren Entwicklung wirst du dir der Menge an überflüssigen Informationen bewusst, die nur zum Zweck des Redens kommuniziert werden.

Du lernst, das Einfache zu schätzen, das, was unserem Leben wirklich einen Wert verleiht. Wenn man ein Einkaufszentrum besucht, sieht man nur Luxus, Konsumismus und Materialismus. Wir öffnen die Augen und erkennen, dass uns seit unserer Kindheit beigebracht wurde, das Glück in unserem Umfeld zu suchen. Doch dass wir es in uns selbst finden, das wurde uns nicht beigebracht.

Höhlenphase, Talphase und Friedhofsphase

Die Rückkehr in den Alltag ist ein wichtiger Aspekt, da viele unter Umständen einzig und allein daran denken, nun über das zu sprechen, was ihnen bei ihrem inneren Wachstum geholfen hat. Am besten ist es aber, ein Gleichgewicht zu finden. Du solltest uns weder von deinen Freunden noch von deiner Familie distanzieren, ihnen deine Meditationspraktiken nicht aufdrängen, sie aber auch nicht vernachlässigen.

Lama Rinchen Gyaltsen leitete den Meditationskurs und sprach immer von den drei Phasen des spirituellen Weges:

  • Höhlenphase. Diese erste Phase besteht darin, dich von allem zurückzuziehen, was dich negativ beeinflusst oder wonach du regelrecht süchtig bist. Sie soll dich vorbereiten. Dabei handelt es sich um mentales Training.
  • Talphase. Wenn du denkst, dass du bereit seist, gehe ins Tal hinunter, um dich mit dem Alltag auseinanderzusetzen und zu sehen, wie weit du dich entwickelt hast.
  • Friedhofsphase. Schließlich gibt es noch die Friedhofsphase, die aus einer alten Zeit stammt. Im alten Indien waren Friedhöfe Orte, an denen verfaulte Körper zu sehen waren. Deshalb sagte man, dass der Entwicklungsstand eines Meditierenden sehr hoch war, wenn er auf einem solchen Friedhof meditieren konnte. Glücklicherweise musst du nicht auf einen Friedhof gehen, um zu meditieren. Du kannst beim Meditieren einfach von der Höhlenphase zur Talphase übergehen.

Viele Menschen, die aus dem Retreat zurückkehren, erwarten, dass alles so ruhig wie in der „Höhle“ bleibe, aber das ist sehr schwierig und unrealistisch. Hunderte von Reizen bombardieren uns jeden Tag und wir müssen mit verschiedenen Situationen und Rückschlägen zurechtkommen. Jedoch ist es auch ungesund, sich von dem toxischen und extrem materialistischen Wirbelwind der Talphase mitreißen zu lassen. Daher sollten wir also wissen, wie wir mit unserer Umgebung interagieren, um eine gewisse Ruhe zu bewahren und unseren persönlichen Ritualen für unser inneres Gleichgewicht nachkommen zu können.

Kerze an einem See

Empfehlungen für einen stillen Retreat

Zunächst ist es ratsam, mit einem kurzen Retreat von zwei oder drei Tagen zu beginnen. Und vor allem sollte uns ein Lehrer durch diese Erfahrung leiten. Die drei Retreats, die ich gemacht habe (7 Tage, 3 Tage und 10 Tage), waren von einem Lehrer geführte Retreats. Ich begann direkt mit einem 7-tägigen Retreat, der mein Leben verändert hat. Aber mit einem so langen Retreat zu beginnen, mag anderen Menschen in gewisser Weise Angst einjagen.

Außerdem ist es wichtig, das Zentrum zu kennen. Das heißt, nach Referenzen zu suchen, zu versuchen, Menschen kennenzulernen, die diese Erfahrung dort gemacht haben, sich die Webseite des Zentrums anzusehen und zu schauen, wer die Lehrer sind. Diese Informationen geben Aufschluss darüber, in welche Art Zentrum du dich begibst.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass nicht alle Retreats still sind. Viele bestehen aus meditativen Übungen, die aber kein Schweigen vorschreiben. Auch wenn es Tatsache ist, dass manche Menschen in gewisser Weise, vielleicht unbewusst, dazu neigen, dabei weniger zu sprechen. Es ist wichtig, zu wissen, dass du, wenn du einen stillen Retreat wählst, eventuell ein paar Tage lang Angst und Unbehagen empfinden wirst. Das ist eine ganz normale Angelegenheit. Falls du nicht weißt, wie du damit umgehen sollst, ist es am besten, den Lehrer um Hilfe zu bitten. Er kann dir Hinweise geben, wie du die Situation meistern kannst. Aber du solltest dich vor allem nicht vor dieser Lage fürchten.

Noch ein paar letzte Anmerkungen

Viele Menschen sagen mir, dass sie niemals einen stillen Retreat machen würden. An dieser Stelle möchte ich dir dieses Erlebnis wärmstens empfehlen, auch wenn es nur ein Wochenende ist. Wir geben viel Geld aus einer Laune heraus aus, wir investieren viel Zeit in sinnlose Aufgaben. Wieso investieren wir nicht lieber ein wenig Geld und Zeit in etwas so Nützliches wie unser inneres Wachstum? Einen Versuch ist es wert oder?

„Tiger, Löwen, Elefanten, Bären,
Schlangen und alle möglichen Feinde,
die wachsamen Wesen der Hölle,
böse Geister und Dämonen:
Indem wir den Geist gefangen halten,
werden auch sie alle gefangen gehalten.
Nur allein mit der Kontrolle des Geistes
werden sie allesamt kontrolliert.“

Shantideva