Pablo Neruda und die Stille: Von der Kunst, uns mit unserem wahren Wesen zu verbinden

· 21. April 2018

Das Gedicht Still sein  von Pablo Neruda ist möglicherweise eines der schönsten Gedichte, die je geschrieben wurden. Es animiert uns dazu, still zu sein, zumindest für einen Moment lang. Es ist eine Einladung dazu, unser Sein der Natur anzupassen. Es geht darum, uns mit unserem Wesen zu verbinden, um gütig und respektvoll zu sein, was uns ermöglicht, die zerbrochenen Teile unserer selbst wieder zusammenzufügen.

Bekanntermaßen begegnet uns das Thema der Stille auf dem Gebiet der Psychologie immer wieder. Doch wir sollten dabei nicht vergessen, welcher Wert ihr schon immer in der Kunst und Literatur zugeschrieben wurde. Claude Debussy pflegte zu sagen, dass die Stille nichts anderes sei als das, was zwischen einer Note und einer anderen zu hören sei. Auf ihre ganz eigene Weise verleihe sie jedem Musikstück Schwung und Eleganz. Der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges brachte seinerseits in einem seiner Gedichte die Schönheit und Tiefgründigkeit der Stille als aufschlussreiche Dimension zum Ausdruck, die uns daran erinnert, wer wir sind und war wir lieben.

Aus allen musikalischen und poetischen Werken Nerudas, die aus so vielen Gründen ein unschätzbares kulturelles Vermächtnis bilden, sticht die Botschaft des Gedichts Still sein  besonders hervor. Es ist eine Einladung dazu, innezuhalten, die Maschinen und diese oberflächliche und leere Menschlichkeit einmal anzuhalten, um uns darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist.

Pablo Neruda als Schwarz-Weiß-Fotografie

Die Stille als Lehrmeister

Normalerweise verabscheuen Menschen die Stille auf die gleiche Weise, wie die Natur Leere verabscheut und sie augenscheinlich mit Gestrüpp füllt. Die Stille nährt unsere Vorstellungskraft, aber lässt uns auch in den Abgrund der Angst und den Gedankenstrudel der Sorgen fallen. Wir sind nicht an die Stille gewöhnt, genauso wenig wie unsere Städte, die ständig von dem mechanischen Raunen der Autos, von Geschäften, die niemals schließen, oder den Geräuschen der schlaflosen Industrie heimgesucht werden.

Wir haben vergessen, dass die Stille mächtig, didaktisch ist und dass sie wie von Zauberhand Aspekte in uns verstärken kann, die wir vergessen glaubten. Neruda ruft in seinem Gedicht zur gemeinsamen Reflexion auf, ganz unabhängig von unserer Sprache. Er schlägt uns vor, dass wir bis zwölf zählen und dann still sein sollen, so wie wir es manchmal mit Kindern machen. Aus diesem Grund sei es an der Zeit, mit allem aufzuhören und innezuhalten, so sagt er uns. Es sei an der Zeit, völlig ruhig zu sein, nur für einen Augenblick, nicht mehr mit unseren Händen zu spielen, um in die Stille einzutauchen, die manchmal ungemütlich sei. Vielleicht erkennen wir, was wir mit unserem Leben anstellen, und mit der Welt, wenn wir uns dieser Stille, diesem Raum zwischen Note und Note hingeben, wie Debussy es formulierte.

„Wir werden jetzt bis zwölf zählen.
Und dann alle ganz still sein.
Einmal nur wollen wir alle
Nicht in unseren vielen Sprachen sprechen,
Nur für eine Sekunde völlig ruhig sein,
Und nicht so viel mit unseren Händen spielen.

Es wäre ein ungewohnter Augenblick,
Ohne Hektik, ohne den Lärm von Maschinen und Mündern.
In einem einzigen Augenblick
Wären wir alle von einer plötzlichen Befangenheit befallen.

Die Fischer auf den kalten Meeren
Würden keine Wale töten.
Und der Arbeiter in der Saline
Würde seine geschundenen Hände wahrnehmen.

Jene, die Schreibtischkriege führen,
Jene, die mit Feuerwaffen Krieg führen,
Die Siege ohne Überlebende vorbereiten,
Würden saubere Kleider anlegen
Und zusammen mit ihren Brüdern
Im Schatten lustwandeln und nichts tun.

Was mir da vorschwebt, möge niemand
Mit völliger Passivität verwechseln.
Die Rede ist vom Leben;
Ich will nicht in den Spuren des Todes wandeln.

Wären wir nicht so einseitig
Auf dauernde Geschäftigkeit eingestellt,
Um den vermeintlichen Schwung
In unserem Leben aufrechtzuerhalten,
Könnten wir nur einmal wirklich „nichts“ tun,
Vielleicht würde eine gewaltige Stille
Diese unsere Traurigkeit unterbrechen;
Die Traurigkeit darüber,
Dass wir uns nicht verstehen
Und uns mit dem Tod bedrohen.

Vielleicht kann die Erde uns lehren,
Dass es den Tod gar nicht gibt,
Wenn alles tot zu sein scheint,
Und sich später zeigt, dass nichts tot ist.

Und nun werde ich bis zwölf zählen
Und Ihr werdet ganz still sein,
Und ich werde hinausgehen.“

Die Natur als Synonym für Güte

Die Stille ist ein therapeutisches Werkzeug, das oft missachtet wird und von dem wir alle mehr Gebrauch machen sollten. Die Stille tut unseren Gedanken gut und wir können durch sie lernen, andere besser zu verstehen und den Menschen in unserem Umfeld gegenüber empathischer zu sein. Denn die Stille ermöglicht uns, zuzuhören. Darüber hinaus können wir durch sie alles klarer und aufmerksamer betrachten.

Ein See bei Nacht

Neruda vermittelt uns durch die Natürlichkeit der Stille. Er legt uns diese Verbindung zur Erde nahe, um uns unserem wahren Wesen anzunähern. Denn dort gibt es keine Maschinen, Eile oder Kriege, die den Ton angeben. Das Natürliche ist außerdem das Ursprüngliche, mit dem wir uns von Zeit zu Zeit verbinden müssen, um Prioritäten setzen und unseren Blick auf das Wesentliche richten zu können.

Die Stille ist in dieser poetischen Komposition ein kreativer Hauch, der uns dazu motiviert, auf eine andere Weise zu existieren. Eine, in der wir uns selbst besser verstehen können; eine, in der wir transparenter und respektvoller sein können. Es gibt nur wenige kulturelle Vermächtnisse, die in ein paar Versen so voller Stärke sind. Wir sollten uns öfter an sie erinnern, um eine schönere, würdige und wohltuendere Realität für alle zu gestalten.

So sollten wir bis zwölf zählen und still sein und uns von der Stille umarmen lassen.