Was passiert mit uns nach 30 Minuten der Ruhe und Einsamkeit?

· 5. März 2018

Wir brauchen Momente der Einsamkeit, Minuten der Ruhe und Distanz, um motiviert und authentisch zu bleiben. Sie wirken, als würde man auf den Neustartknopf drücken. Sie geben jedem Teil unseres Lebens mehr Sinn und sorgen dafür, dass die einzelnen Teile besser zusammenpassen. Sie geben uns die mentale Klarheit, um Menschen besser zu verstehen und um Prioritäten und persönliche Ziele zu festzulegen.

“Der Wert eines Menschen wird in der Menge an Einsamkeit gemessen, die er ertragen kann.“

Friedrich Nietzsche

Miles Davis, der berühmte Jazz-Trompeter und Komponist, gab diesen Rat an junge Musiker weiter, die auf sein Level des herausragenden Könnens und der Originalität kommen wollten. Wenn es keine Stille gäbe, könnte die Musik nie das sein, was sie ist. Es war ein Rat, den sie nie vergessen würden. Davis sagte seinen Schülern, dass das Leben eine Partitur sei. Es fände Rhythmen, indem es Momente der Tätigkeit mit Momenten der Einsamkeit, Minuten der Ruhe und des Nachdenkens kombiniere. Nur dann können wir Inspiration und Melodie in uns finden. Eine Melodie, die wir sonst nicht hören würden.

Das war unzweifelhaft ein weiser Rat. Jedoch setzen wir ihn nicht immer effektiv in die Tat um. In unserer modernen Welt ist die Isolation allgegenwärtig. Doch paradoxerweise gibt es nur ganz selten Momente der gesunden, regenerierenden Einsamkeit. Wir sprechen von der Überaktivität, der Hyperproduktivität und der Überstimulation, in der wir heute leben. Wir verbringen den Tag damit, zu arbeiten. Dabei sind wir technologisch bestens ausgestattet, universell verlinkt und erledigen Aufgaben wie Roboter. Wir realisieren Produktionsvorgaben, stellen andere zufrieden und sind am Lärm unserer Umgebung beteiligt.

Dieses permanente Grollen und die Arbeit verdienen aber nicht immer die Sorgen, die wir uns um sie machen, oder die Zeit, die sie uns rauben. Wenn wir hinzufügen, dass uns unsere Beziehungen manchmal mehr Einsamkeit als Glück bescheren, können wir verstehen, warum die Zahl der Depressionen und ähnlicher Erkrankungen jedes Jahr steigt.

Wald, der sich in einer Tasse befindet

Momente der Einsamkeit, die gut für unser Gehirn sind

Wir müssen als erstes eine wichtige Tatsache erwähnen. Die Einsamkeit ist gut für uns und stellt unsere körperliche und psychische Gesundheit wieder her. Jedoch trifft das nur zu, wenn auf diese Momente der Einsamkeit eine Öffnung gegenüber der Welt erfolgt. Mit ihren Geräuschen, ihren Farben, ihren sinnlichen Freuden und bereichernden Beziehungen.

Denn Menschen sind nicht dazu gemacht, in ständiger Isolation zu leben. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist der reflexionsarme Raum der Firma Orfield Laboratories aus Minnesota, USA. In diesem Raum studieren verschiedene Institutionen den Klang ihrer Produkte, wie Telefone, Motorräder oder Waschmaschinen. Es ist ein übermäßig ruhiger Raum, in dem 99,9 % der äußerlichen Geräusche von den Stahl- und Glasfaserwänden absorbiert werden. Psychologische Experimente finden hier auch statt.

Der Mensch hält es im Durchschnitt 45 Minuten in dem reflexionsarmen Raum aus. Oft kommt bei den Probanden Verzweiflung und Panik auf, wenn sie in absoluter Ruhe sein sollen. Das passiert, weil sie die Stille nicht aushalten, die so leer und erstickend ist.

Die Stille ist so extrem, das die Probanden regelmäßig die Geräusche ihres eigenen Herzschlags oder ihrer Blutzirkulation hören. Unser Gehirn ist darauf nicht vorbereitet. Es geht gegen unsere Natur, unsere genetische Programmierung. Im Endeffekt sind wir soziale Wesen, die eine Verbindung zu ihrer Umwelt brauchen. Wenn es unserer Umwelt an Reizen mangelt, geraten wir in Panik.

Reflexionsarmer Raum

Während die totale Isolation negative Auswirkungen haben könnte, hat die gelegentliche und kontrollierte Einsamkeit viele Vorteile. Wissenschaftler erzählen uns, dass Momente der Einsamkeit und Minuten der Ruhe, die wir über den Tag verteilt einlegen, wie Neustarts wirkten. Dass sie uns dabei helfen, unsere Energiereserven aufzuladen, unsere Bedeutung neu zu definieren und unsere Inspiration wiederzufinden.

Plane dir Minuten der Ruhe ein, um gesundheitliche Vorteile zu sehen

Wir leben in einer Gesellschaft, die die Unabhängigkeit liebt. Und doch in einer, die gehorcht und die kulturellen Normen der Überaktivität intensiviert. Neue Technologien machen es für uns leichter, miteinander noch verbundener zu sein als je zuvor.

Unsere Städte sind zunehmend überbevölkert. Wir befinden uns immer öfter im künstlichen Licht. Und wir bewegen uns weniger, weil es viele Dinge gibt, die wir auf bequeme Weise tun können, ohne dafür aufstehen zu müssen. Neurologen und Psychologen wissen, dass unser Gehirn heute ganz anders verschaltet ist als noch vor 100 Jahren. Wir erhalten den ganzen Tag lang Reiz auf Reiz. Und diese Reize kommen aus so vielen verschiedenen Quellen, dass wir dazu gezwungen sind, das Chaos anzuerkennen.

Was wir brauchen, ist es, uns zu beruhigen. Wir brauchen ab und zu die Stille und Einsamkeit, um die Informationsflut verarbeiten zu können. Um eine Bedeutung in unserem Leben zu finden. Nur ein paar Minuten der Ruhe, immer mal wieder.

Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch Wolken im Kopf bahnen

Jedoch verstehen manche Menschen nicht, warum die Einsamkeit gut sein sollte. Oder sie haben sogar Angst vor ihr. Mit deinen Gedanken allein zu sein kann genauso furchterregend sein, wie sich für eine Dreiviertelstunde im reflexionsarmen Raum aufzuhalten. Genauso wie wir in diesem Raum die Geräusche unseres eigenen Körpers hören, können Minuten der Ruhe die Leere unseres eigenen Seins hervorbringen. Selbst in einer angenehmeren Umgebung macht uns die Einsamkeit auf unsere Ängste, unser Leiden und den Knoten unserer Sorgen aufmerksam.

Lasst uns mutig sein. Lasst uns jeden Tag ein paar Momente der Einsamkeit einplanen. Momente, in denen wir mit uns selbst einen Kaffee trinken gehen und einen klaren Kopf bekommen können. In denen wir die Ströme der Sorgen schwinden lassen und sehen, was wirklich getan werden muss. Lasst uns die Einsamkeit zu einer bewussten Form der Selbstsorge machen.