Was ist platonische Liebe?

· 1. Oktober 2018

„Platonische Liebe“ ist ein gebräuchlicher Ausdruck im alltäglichen Sprachgebrauch. Wenn wir ihn benutzen, sprechen wir normalerweise von nicht-sexueller, nicht-romantischer Liebe unter Freunden. Obwohl sie, in Anlehnung an Platons Philosophie, „platonisch“ genannt wird, wirst du in diesem Artikel sehen, dass die heutige Bedeutung der Phrase nur wenig mit Platons Idee von Liebe zu tun hat.

Liebe war schon immer eines der meistdiskutierten Themen. Seit Anbeginn der Zeit ist sie eine Quelle der Inspiration für Dichter, Schriftsteller, Denker und Philosophen und daran hat sich nie etwas geändert. Und der antike griechische Philosoph Platon stellt hier keine Ausnahme dar.

Ein paar Informationen über Platon

Platon war ein griechischer Philosoph. Zuerst war er Sokrates‘ Schüler und später Aristoteles‘ Lehrer. Er schrieb über viele Themen, aber seine bekanntesten Werke sind wahrscheinlich Symposion  und Allegorie der HöhleIn Symposion  spricht er über seine Idee der Liebe und diese Ausführungen führten schließlich zu unserer Auffassung von „platonischer Liebe“.

Statue von Platon

Platon betrachtete Liebe als eine Motivation für uns, Schönheit um ihrer selbst willen zu entdecken und zu erfahren. Aber wir müssen die Schönheit durch den Dualismus verstehen, der eine der wichtigsten Ideen in seiner Philosophie ist. Dualismus ist das philosophische Konzept, das besagt, dass die Art und Weise, wie wir unsere Realität sehen, von zwei unabhängigen Substanzen herrühre, die sich niemals vermischen können: dem Materiellen oder Physischen und dem Immateriellen oder Spirituellen.

Sie könnten zusammentreffen, aber sich niemals vereinen. Platon dachte, dass Menschen aus Körper und Seele bestehen und dass die Seele mit unseren Ideen zu tun habe, während der Körper zur materiellen Welt gehöre. Die Seele müsse mit dem Körper koexistieren, in dem sie gefangen sei, aber sie bestehe völlig unabhängig von letzterem.

Dies ist also das philosophische Konzept, auf dem Platon seine Vorstellung von Liebe aufbaute. Im Laufe der Zeit haben sich viele Menschen daran versucht, eben diese Vorstellung zu interpretieren, und sind dabei immer weiter vom Weg abgekommen. Es kam der Punkt, an dem sie die „platonische Liebe“ als abstinente, spirituelle Art der Liebe verstanden. Aber das ist nicht der Fall. Der Liebesgedanke dieses Philosophen schlug einen Mittelweg vor: Es ging ihm nicht darum, promiskuitiv oder abstinent zu sein, weil er Vollkommenheit in der Stabilität sah.

Liebe

Dieser Terminus wird ganz unterschiedlich verwendet und es ist also gar nicht so einfach, die Liebe zu definieren. Wir können jedoch sicher sagen, dass sie ein universelles Konzept ist, das mit unserer Verbindung zueinander zu tun hat.

Im Deutschen umfasst das Wort Liebe eine Menge verschiedener Gefühle. Liebe kann alles sein, von leidenschaftlichem Verlangen und der Intimität romantischer Liebe bis hin zur nicht-sexuellen emotionalen Intimität, die wir mit unserer Familie haben. Das Wort kann sogar tiefe Hingabe beschreiben, im Sinne religiöser Liebe.

Egal von welcher Art der Liebe wir reden, die damit verbundenen Emotionen sind immer sehr stark. Man könnte sogar sagen, dass sie unwiderstehlich seien, weil es im Grunde unmöglich ist, vor ihnen davonzulaufen. Platonische Liebe ist tatsächlich ein wirklich wichtiger Teil unserer zwischenmenschlichen Beziehungen und dient auch deshalb als Quelle der Inspiration für Philosophie und Künstler.

„Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber immer auch etwas Vernunft im Wahnsinn.“

Friedrich Nietzsche

Was ist die Idee hinter der platonischen Liebe?

Wenn wir das Wort „platonisch“ in Kombination mit Liebe verwenden, heißt das, dass wir über Platon und seine Philosophie sprechen. In einer Rede von Sokrates kam zum Ausdruck, dass Liebe die Motivation oder der Impuls sei, der uns dazu bringe, Schönheit zu begreifen. Es ging hierbei um liebende Formen oder ewige, perfekte und verständliche,Ideen, die über die körperliche Schönheit hinausgehen – was nicht bedeutet, dass letztere ausgeschlossen wäre.

Mit anderen Worten, der platonischen Philosophie zufolge rühre die Liebe von unserem Wunsch her, Schönheit zu entdecken und zu erleben. Der Prozess beginne, wenn wir körperliche Schönheit zu schätzen wissen und uns dann auf den spirituellen Aspekt konzentrieren. Die höchste Stufe ist damit jene der reinen, leidenschaftlichen und selbstlosen Erfahrung essenzieller Schönheit.

Wie wir sehen können, geht es bei der platonischen Liebe nicht nur um nicht-romantische Liebe. Die Phrase beschreibt eher eine Art von Liebe, die über die körperliche Schönheit hinausgeht, so schwer das auch sein mag. Platonische Liebe umfasst keine sexuellen Elemente, auch wenn sie da sein mögen, denn Platon ging schlicht davon aus, dass Liebe auf die transzendente Essenz der Schönheit ausgerichtet sei.

Das schrieb Platon in Symposion:

„[…] dann aber muss er innewerden, dass die Schönheit an jedem einzelnen Körper der an jedem anderen Körper verschwistert ist; und wenn er doch überhaupt der Schönheit der Gestalt nachgehen soll, so wäre es ja großer Unverstand, wenn er nicht endlich die Schönheit an allen Körpern für eine und dieselbe erkennen würde. „

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Schönheit und platonische Liebe

Laut Platon beginnen wir, Liebe zu erfahren, wenn wir auf Schönheit stoßen. Ihm zufolge gebe es mehrere Stufen, auf denen wir Liebe erfahren können:

  • Physische Schönheit: Diese ist die erste Stufe. Sie beginnt mit einem Gefühl der Liebe zu einem physischen Körper und entwickelt sich dann zur Wertschätzung der Schönheit im Allgemeinen.
  • Schönheit der Seele: Nachdem die Grenze zwischen Wertschätzung und Liebe zum physischen Körper einer Person überschritten wurde, beginnen wir, uns darauf zu konzentrieren, wer sie wirklich ist. Diese Phase hat also mit dem moralischen und kulturellen Hintergrund zu tun. Sie ist die Stufe, in der wir über das Materielle, den Körper hinausgehen und uns auf das Immaterielle, die Seele, zubewegen.
  • Schönheit der Weisheit: Der Weg zur Wertschätzung spiritueller Schönheit führt immer auch zur Liebe zu Wissen und Ideen.
  • Schönheit an und für sich: Wenn die ersten drei Stufen erklommen wurden, öffnet sich eine letzte Tür. Sie verbirgt die Chance, Liebe zur Schönheit selbst zu erfahren, die nicht an ein Subjekt oder Objekt gebunden ist. Deshalb ist dies die absolut höchste Ebene der Liebe.

Der letzte Schritt beinhaltet es, leidenschaftlich, rein und selbstlos Schönheit zu erleben. Er hat mit einem Gefühl zu tun, das niemals verschwindet, sich niemals ändert. Es geht also nicht um nicht-romantische Liebe, sondern darum, Immaterielles wie Seele und Wissen zu schätzen.

Warum verstehen wir platonische Liebe als nicht-romantische Liebe?

Die wohl erste Person, die den Ausdruck „platonische Liebe“ verwendete, war Marsilio Ficino im 15. Jahrhundert. Ficino beschrieb eine Liebe, die sich auf die Intelligenz und die Schönheit eines Charakters konzentrierte, nicht auf seine körperliche Erscheinung, eine Liebe, die nur in der Welt der Ideen existiert, eine perfekte, unbestechliche Art von Liebe.

Nach Platon können wir niemals eine reine Version dieses Gefühls erreichen. Er sagte, das sei so, weil es bei der Liebe nicht um Interessen gehe, sondern um Tugend. Mit anderen Worten wäre das eine perfekte Liebe; aber Perfektion sei nur eine Illusion. Es gebe nichts Perfektes in der realen Welt, denn Perfektion kann nur im Bereich der Ideen existieren.

Wir wollen es einfacher ausdrücken: Im Grunde genommen ist die platonische Liebe eine ideale Art von Liebe, in kein sexuelles Verlangen besteht. Unser Verständnis von platonischer Liebe passt also gewissermaßen zu dem, was Platon über die Liebe sagte. Aber er berührt nur ein wenig von dem, was platonische Liebe wirklich beinhaltet. Wir liegen mit unserer Auffassung nicht falsch, aber die Art, wie wir den Ausdruck heutzutage verwenden, schränkt dessen eigentliche Bedeutung stark ein.

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Was beinhaltet die platonische Liebe?

Nach Platon sei Schönheit dasselbe wie Gerechtigkeit, Güte und Wahrheit. Deshalb handele Liebe notwendigerweise immer von diesen Dimensionen. Platonische Liebe hat im Grunde damit zu tun, die Seele einer anderen Person zu erkennen, als eine Repräsentation dessen, was wir als gerecht, gütig und wahr verstehen.

Letztendlich ist platonische Liebe nicht zwangsweise die Art von nicht-romantischer, freundschaftlicher Liebe, für die wir sie halten. Sie ist eine Art Mittelweg, der offensichtlich sexuelle Aspekte umfassen kann, aber sich aber nicht auf diese fokussiert. Es geht darum, sich in die Ideen der Seele einer anderen Person verlieben zu können. Aber das heißt nicht, dass wir das Körperliche und Sexuelle ablehnen müssten – platonische Liebe geht allerdings weit darüber hinaus.