Was ist die Kontraabhängigkeit und wieso sind so viele Menschen von ihr betroffen?

1. Januar 2019

Das Konzept der Kontraabhängigkeit geht auf einen Neologismus zurück, der erschaffen wurde, um ein ebenfalls relativ neues Phänomen zu benennen: die verstärkte Neigung dazu, eben nicht von anderen abhängig sein zu wollen. Noch vor wenigen Jahrzehnten galt es als „normal“, die Beziehungen zu anderen zu stärken. Familiäre Bindungen wurden gehegt und gepflegt, ebenso wie Bindungen mit der Gemeinschaft. Diese gegenseitige Nähe wird auch heute noch in Dörfern und entlegenen Regionen geschätzt, wenn auch nicht mehr so intensiv wie früher.

Andererseits scheint es in den Städten, insbesondere in den großen Städten, eine weitverbreitete Kontraabhängigkeit zu geben. Viele Menschen wollen, dass sich niemand in ihr Leben einmischt. Die meisten Beziehungen werden als flüchtig oder umstandsbedingt verstanden. Es wird ein Leben in Einsamkeit bevorzugt.

„Ich bin allein und ich bin ein Mann ohne Spiegelbild.“

Jorge Luis Borges

Dennoch beschweren sich so einige Menschen über ihre Einsamkeit. Viele würden sich wünschen, dass die Dinge anders wären, aber sie sind nicht dazu bereit, sich dahingehend zu ändern. Es ist gerade so, als sie sich wünschen würden, dass jemand anders da wäre, doch ohne die Unannehmlichkeiten und Widersprüche, die dessen Andersartigkeit zwangsläufig verkörpern würde.

Wir wollen weder abhängig sein noch den Preis für die Gegenseitigkeit zahlen. Das ist der Widerspruch dabei.

Merkmale der Kontraabhängigkeit

Im Gegensatz zu dem, was wir vielleicht vermuten würden, sind Menschen, die Probleme mit der Kontraabhängigkeit haben, nicht einsam, isolieren sich nicht oder geben sich mit einem kleinen Freundeskreis zufrieden. Ganz im Gegenteil. Die Angst vor Intimität führt sie zum anderen Extrem: Sie sind Menschen, die sich ständig mit anderen treffen und immer auf Partys unterwegs sind. Sie sind „überall“ dabei.

Lachende Freunde

Das Hauptmerkmal der Kontraabhängigkeit ist, Schwierigkeiten damit zu haben, eine tiefe Verbindung zu einem anderen Menschen herzustellen. Darüber hinaus zeichnen sie sich durch folgende Merkmale aus:

  • Sie bauen leicht Beziehungen zu anderen auf, aber dann ziehen sie sich zurück und wollen in ihren Beziehungen keinen Schritt weiter gehen.
  • Sie distanzieren sich ohne jegliche Vorwarnung von anderen.
  • Sie sagen, dass sie sich „eingeengt“ fühlen, wenn jemand eine intimere Bindung zu ihnen aufbauen will.
  • Sie sind fast immer „beschäftigt“.
  • Sie bitten nicht um Hilfe, auch wenn sie sie brauchen.

Bevor sie leiden, fliehen sie lieber

Jemand, der von der Kontraabhängigkeit betroffen ist, ist davon überzeugt, dass er um jeden Preis vermeiden müsse, zu leiden. Er glaubt, dass eine engere Bindung zu jemandem große Risiken mit sich bringe. Er hat Angst davor, sich verletzlich zu fühlen und verlassen zu werden. Deshalb zieht er sich in sein Schneckenhaus zurück, um sich nicht auf diese Weise zu fühlen und verlässt den anderen, bevor er verlassen wird.

Frau schaut einen Weg zurück

Wer kontraabhänig ist, hat selten Konflikte mit anderen. Denn damit es zu einem Streit kommt, muss ein gewisses Maß an Intimität und eine bestimmte Bindung vorhanden sein, d. h. genau das wird vorausgesetzt, was sie vermeiden. Für ihre Mitmenschen kann ihrer Haltung sehr eigenartig und unverständlich erscheinen. Eines Tages verschwinden sie von der Bildfläche, ohne dass irgendein Umstand dazu geführt hätte und eine Erklärung gegeben worden wäre.

Dabei handelt es sich um einen Persönlichkeitstyp, der uns sagt, dass er mehr an Erfolg oder eigenen Projekten interessiert ist, als daran, eine Beziehung zu haben. Für diese Menschen ist letztere nichts Ernstes und weniger wertvoll als andere Dinge. Sie fühlen sich ihren Mitmenschen zudem ein wenig überlegen. Sie glauben, zu reif zu sein, um von anderen verstanden werden zu können oder dass andere sich an ihren unzähligen Tugenden bereichern wollen.

Ihre innere Welt wird von Angst bestimmt

Hinter kontraabhängigen Menschen verbirgt sich nichts weiter als Angst. Diese Vermeidungshaltung ist höchstwahrscheinlich durch Erfahrungen in der Vergangenheit entstanden, die sie noch nicht vollkommen verarbeitet haben. Besonders unverarbeitete Trauer oder traumatische Erlebnisse in der Kindheit stecken dahinter. Dabei handelt es sich um Menschen, die verletzt oder verlassen wurden und die sich dazu entschlossen haben, lieber nichts mehr zu fühlen, um nicht wieder so einen Schmerz erleben zu müssen.

Das Problem dabei ist, dass sie ihre eigene Lüge glauben. Sie sind nicht der Meinung, dass sie ein Problem haben, ganz im Gegenteil: Sie denken, dass sie besser als andere wären. Das ist ein Kompensierungsmechanismus, um die eigene Verletzlichkeit zu übergehen. Sie gehen darüber hinaus häufig sehr hart mit sich selbst und ihren eigenen Fehlern ins Gericht.

Mann sitzt zusammengekauert am Wasser

Kontraabhängige Menschen werden in sehr persönlichen oder intimen Situationen äußerst angespannt. Wenn sie irgendwann das Gefühl haben, dass sie einen anderen brauchen, schämen sie sich und machen sich selbst deshalb nieder. Auch sind sie sehr misstrauisch. Im Allgemeinen sind sie davon überzeugt, dass ihre Mitmenschen versteckte oder böse Absichten hätten.

Im Grunde genommen leiden Kontraabhängige sehr stark. Sie verspüren eine innere Leere und fühlen sich einsam. Der Erfahrung wegen treten sie lieber den Rückzug an und verzichten dafür auf ihr Glück, obwohl sie die Möglichkeit haben, positive Beziehungen mit anderen aufzubauen.

Eines ist klar: Diese Menschen brauchen Verständnis, Zuneigung und eventuell professionelle Hilfe, um die zerbrochenen Teile ihrer selbst, die ihr Leben einschränken, wieder zusammenzufügen.

Serrani, D. (2011). Luces y sombras del trastorno Borderline de personalidad. ALCMEON, 16.