Was fünf Minuten Ruhe in deinem Gehirn bewirken können

· 6. August 2018

Manchmal genügen lediglich fünf Minuten Ruhe, um die innere Ausgeglichenheit und den Frieden wiederherzustellen. Nur einen kurzen Moment Auszeit fürs Gehirn, entfernt von Lärm und endlosen Gesprächen, und plötzlich beginnen unsere grauen Zellen, auf einer ganz anderen Ebene zu arbeiten. Wie verschiedene Studien zeigen, benötigen Menschen daher auch Stille, um neue Verknüpfungen zwischen Neuronen zu schaffen.

Das Thema ist zweifellos sehr interessant. Eigentlich weiß jeder, dass bewusste Stille eine bedeutende therapeutische Wirkung entfaltet. Wir schreiben „bewusst“, da verschiedene Experimente belegt haben, dass bei völliger Isolation und Stille über mehrere Tage oder Wochen negative Auswirkungen zu erwarten sind. Es kommt also auf die Dosis und die Rahmenbedingungen an.

Als Menschen sind wir soziale Wesen und daher brauchen wir Interaktionen mit anderen und eine Umgebung voller Impulse. Erst damit können wir leben und wachsen. Doch, genauso wie wir diese Momente voller Dialog, Musik und Geselligkeit brauchen, sehnt sich unser Gehirn auch nach Momenten der Stille. Das ist keine Laune unseres Denkorgans, sondern ein physiologisches Grundbedürfnis, wie Nahrung oder Schlaf.

Wenn wir an die Bedürfnispyramide nach Abraham H. Maslow denken, könnten wir fast sagen, dass Stille zur untersten Stufe der Existenzbedürfnisse zählt.

Eine dreidimensionale Darstellung des menschlichen Gehirns

Fünf Minuten Stille und dein Gehirn verändert sich

Können nur fünf Minuten Stille wirklich so viele Vorteile mit sich bringen? Die Antwort auf diese Frage lautet schlicht und einfach: Ja. Wir schreiben das hier auch nicht leichtfertig, sondern beziehen uns auf eine Studie, die in der Zeitschrift Brain Structure and Function  veröffentlicht wurde. Im Zeitalter des Lärms gewinnt die Stille mehr und mehr an Bedeutung. Selbst die Tourismusbranche ist dabei, sich auf das Thema Stille auszurichten. Abenteuer- und Actionurlaub war gestern.

Der Retreat oder Rückzug ist bereits ein Teil von touristischen All-inclusive-Paketen. In südostasiatischen Ländern auch gern in der Kombination mit Meditation und Yoga. Besonders geeignet sind Orte, die eine Umgebung der vollständigen Ruhe bieten können. Wie dem auch sei, wir müssen nicht unbedingt um die halbe Welt reisen, nur weil uns in Indien oder Thailand ein Urlaub voller Ruhe versprochen wird. Eine gewisse Logik sollte bei der Auswahl nicht fehlen, denn eine Auszeit fürs Gehirn findet sich auch im eigenen Land.

Stille hilft uns, neue Verknüpfungen zu entwickeln

Wir leben in einer Welt voller Lärm. Ständig läuft der Fernseher, unsere Lieblingsmusik dröhnt aus den Boxen oder in unseren Kopfhörern, wenn wir die Straße entlanglaufen. Da ist der Verkehr, die Gespräche mit anderen, Hintergrundmusik in Geschäften und Supermärkten … Wir leben in Städten, in denen es keine Stille gibt, in denen die ständige Geräuschkulisse ein grundlegender Bestandteil unseres Lebens ist. Das geht an unsere Substanz.

Nueronen und Gliazellen vor einem menschlichen Gehirn

Wenn wir nun fünf Minuten Stille pro Tag genießen könnten, würden mehrere Dinge passieren. So könnten vermehrt neue Verbindungen zwischen unseren grauen Zellen hergestellt werden und möglicherweise könnten sich im Hippocampus gar neue Neuronen bilden. Mit diesen Zellen bekämen wir die Chance, klarer zu denken und uns besser mit unserer Umwelt und uns selbst zu verbinden.

Ruhe verbessert unsere Sensibilität und Empathie

Diese Entwicklungen sind interessant. Wie wir bereits wissen, gibt es viele Bereiche des Gehirns, die mit Sensibilität und Empathie verbunden sind. Einer dieser Bereiche ist der rechte Colliculus superioris. Es wurde beobachtet, dass unsere Empathie abnimmt, wenn dieser Bereich geschädigt wird. Außerdem werden wir bei Entscheidungen langsamer und zeigen weniger Interesse an unserem Umfeld.

Kleine Momente des Friedens zu genießen oder einfach nur fünf Minuten Stille hingegen verbessern die Funktionalität der Colliculi superiores. Folglich verstärkt Stille die Fähigkeit unseres Gehirns, Empathie zu empfinden und enthusiastischer zu sein.

Weniger Stress, bessere Entscheidungen

Wenn unsere Umgebung übermäßigen Lärm bereithält, wird die Amygdala aktiv. Dieser kleine Teil des limbischen Systems fungiert wie unser Beschützer vor Gefahren und Bedrohungen. Er interpretiert die Risiken um uns herum und entscheidet, ob wir vor ihnen fliehen müssen. So erstaunlich es auch klingen mag: Lärm ist für diesen Bereich des Gehirns Stress. Denn die Geräusche erzeugen ein körpereigenes Abwehrsignal, welches die Freisetzung von Kortisol begünstigt und eine Stressreaktion einleitet.

Jetzt ist es leicht zu verstehen, warum wir fünf Minuten Auszeit fürs Gehirn haben sollten. Denn, wie eine von der American Psychological Association  veröffentlichte Studie zeigte, ist Stille nicht nur ein ausgezeichneter Weg, um Stress abzubauen, sondern auch um Serotonin, Endorphine und Oxytocin freizusetzen.

Darüber hinaus verbessern Momente der Stille unser allgemeines Wohlbefinden. Wir werden sicherer in der Art und Weise, wie wir uns selbst wahrnehmen, und wir werden konzentrierter, wenn wir Entscheidungen treffen. Wir sollten beim Thema Stille auch nicht deren positive Wirkung auf unsere kognitiven Prozesse unterschätzen.

Schweigen stärkt unser Gedächtnis, fokussiert unsere Aufmerksamkeit und erlaubt es uns, Informationen schneller zu verarbeiten. Es lässt uns förmlich spüren, dass unser Gehirn „erwacht“ ist. Wir fühlen uns mehr mit dem Hier und Jetzt verbunden und darauf vorbereitet, was es uns bringen kann.

Ein Mann steht am Meer und beobachtet die Brandung

Lass uns zum Abschluss noch Friedrich Nietzsche zitieren, der da sagte: „So lernte ich bei Zeiten schweigen, so wie, dass man reden lernen müsse, um recht zu schweigen.“  Lasst uns deshalb öfter daran denken. Lasst uns von Zeit zu Zeit den Schalter für unsere geräuschvolle Außenwelt umlegen, damit wir die so notwendige Einkehr in unser Inneres vollziehen können. Wenn wir dann wieder hinaus in die Welt gehen, werden wir nicht mehr dieselben sein.