Warum wir vergessen müssen: die Metapher von Lethe und Mnemosyne

Der griechische Mythos von Lethe und Mnemosyne erinnert uns daran, wie wichtig es ist, unnötige Dinge zu vergessen, um uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Warum wir vergessen müssen: die Metapher von Lethe und Mnemosyne
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 24. Dezember 2022

Informationen zu vergessen ist manchmal genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, als sie sich zu merken. Oft sind wir jedoch frustriert, weil unser Gehirn Daten, Erfahrungen und Bilder vernebelt, die wir nicht klar abrufen können. Gesichter verblassen und es fällt uns sogar schwer, uns zu erinnern, wo wir bestimmte Leute getroffen haben, wo wir unsere Schlüssel aufbewahrt haben oder wie das Hotel hieß, in dem wir uns so wohlfühlten.

Die Wahrheit ist, dass wir in einer Welt leben, die die Vorstellung vermittelt, dass das Gedächtnis ein Spiegelbild der kognitiven Gesundheit ist. Es ist die klassische exekutive Funktion, die wir in der Schule am meisten trainieren. Wir lernen auswendig, um neue Informationen zu verinnerlichen, um zu lernen und Prüfungen zu bestehen, doch ein Teil dieser Informationen verblasst und verschwindet wie Rauch, der durch das Fenster entweicht.

Das Grundprinzip des Gehirns lautet: Was nicht genutzt wird, wird eliminiert, und das ist auch gesund. So wird das subtile neurologische Gleichgewicht, das unsere geistige Gesundheit erfordert, optimiert. Denn im Gegensatz zu dem, was uns oft gesagt wird, ist das Gehirn kein Computer. Es ist ein Organ mit begrenzten Kapazitäten, das seine Ressourcen sparsam einsetzen muss.

Durch das Vergessen können wir besser leben und das erinnert an eine schöne griechische Legende, die diesen Prozess des Erinnerns und Auslöschens hervorragend veranschaulicht.

Unnötige Details zu verwerfen ist ein Prinzip der kognitiven Effizienz, das für unser Überleben grundlegend ist.

zwei Bäume, die miteinander kommunizieren, symbolisieren den Gedankenaustausch und das Vergessen
Vergessen ist gut für das Gedächtnis.

Die Metapher von Lethe und Mnemosyne

Die griechische Mythologie und Platons “Politeia” berichten über zwei Flüsse im Hades, der Unterwelt: Lethe und Mnemosyne. Wer das Wasser des Lethe trinkt, verliert alle Erinnerungen, das Wasser des Mnemosyne hingegen, stärkt die Erinnerungen und verleiht die Gabe der Allwissenheit. In einigen Grabinschriften aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. heißt es, dass die Toten aus dem Fluss Lethe tranken, um ihr Leben zu vergessen und sich bei ihrer Wiedergeburt nicht mehr an ihr früheres Leben zu erinnern.

Platon berichtet, dass es in Griechenland Gruppen gab, die die mystische Religion praktizierten. Ihre Eingeweihten wurden aufgefordert, aus dem Fluss Mnemosyne zu trinken, um Erleuchtung zu erlangen. Sich an jedes Detail ihres jetzigen und früheren Lebens zu erinnern, wurde als eine Form der Offenbarung empfunden. In Wirklichkeit würde uns eine solche Vorstellung jedoch in den Wahnsinn treiben.

Das Gehirn ist nicht in der Lage, jede Information, jedes Detail, jedes Bild, jedes Wort und jede Erfahrung zu speichern. Tatsächlich müssen Menschen und Tiere vergessen, um sich erinnern zu können. Was ist der Grund für dieses Paradoxon? Wir analysieren sie.

Jede Form von Organismus ist darauf programmiert, unwichtige Informationen zu vergessen. So setzt sich neues Lernen durch und das Überleben wird gefördert.

Lethe, das Vergessen zur besseren Entwicklung

Die Griechen glaubten, dass die Wirkung des Wasser aus dem Fluss Lethe bis in die frühe Kindheit anhielt. Dieser Mythos erklärt, warum wir uns nicht an unsere Geburt und die ersten zwei oder drei Lebensjahre erinnern können. Heute wissen wir jedoch, dass der Grund in einem notwendigen und faszinierenden Prozess zu finden ist: der Neurogenese des Gehirns.

Neugeborene entwickeln eine große Anzahl neuronaler Verbindungen, um ein hochkomplexes Netz zu bilden. In den darauffolgenden Jahren verringert sich die Anzahl der Synapsen jedoch wieder, was wichtig ist, um effiziente und spezialisierte neuronale Netzwerke zu bilden. Durch diesen Prozess werden Erinnerungen gelöscht, aber es wird eine größere kognitive Stärke und Beweglichkeit erreicht. In der Neurowissenschaft ist das Vergessen ein aktiver Mechanismus, der schon in einem sehr frühen Alter zu funktionieren beginnt.

Jede Spezies, die ein Gedächtnis hat, vergisst

Die Metapher von Lethe und Mnemosyne erinnert uns daran, dass jedes Lebewesen, das ein Gedächtnis hat, vergessen muss, um zu überleben. So zeigt zum Beispiel eine Studie des Scripps Research Institute in Florida, dass Dopamin nicht nur für den Aufbau von Erinnerungen und das Lernen wichtig ist, sondern auch für das Vergessen. Nicht nur Menschen, auch andere Säugetiere, Reptilien, Vögel, Fische, Insekten und sogar Pilze nutzen den Mechanismus des Vergessens zu ihrem Vorteil.

Der Kognitionspsychologe Oliver Hardt von der Universität McGill in Montrealn (Kanada) weist beispielsweise darauf hin, dass jeder Organismus, so einfach er auch sein mag, ständig Informationen löschen muss. Nur so können sich Lebewesen besser an ihre Umgebung anpassen.

Wir erinnern uns an das Wesentliche

Experten für forensische Psychologie wissen, dass sich ein Zeuge selten mit absoluter Genauigkeit an ein Ereignis erinnert. In diesen Erfahrungen erfüllt sich die Metapher von Lethe und Mnemosyne: Bestimmte Informationen müssen vergessen werden, um sich an andere erinnern zu können (das Gehirn muss Prioritäten setzen). Die Tatsache, dass wir kein fotografisches und genaues Gedächtnis haben, dient also einem ebenso logischen wie effektiven Anpassungszweck.

Denken wir an eine Person, die einen Raubüberfall mit Aggression erleidet. Wenn sie sich an die Farbe der Schnürsenkel, den Riss in der Jeans oder das Geräusch der Jacke des Diebes erinnern würde, wären das nur nutzlose Daten im Gehirn. Das Gehirn konzentriert sich auf die wesentlichen Informationen, um auf zukünftige Gefahren vorbereitet zu sein. 

Menschen, die das Wasser des Mnemosyne trinken (Hyperthymesie)

Das hyperthymestische Syndrom bezeichnet einen seltenen Zustand, der bewirkt, dass sich Personen an außergewöhnlich viele Einzelheiten ihres Lebens erinnern. Es gibt nur sehr wenige Menschen mit diesem Syndrom, die Universität von Kalifornien beschrieb im Jahr 2005 in einer Studie den Fall einer davon betroffenen Frau.

Betroffene haben die Fähigkeit, sich an ungewöhnliche Details und belanglose Einzelheiten zu erinnern und grübeln lange über ihre Vergangenheit nach. Die Symptome sind teilweise ähnlich wie Autismus-Spektrum-Störungen. Betroffene fühlen sich geistig erschöpft, was ihre kognitive Leistung beeinträchtigt. Sich an so viele Details zu erinnern, ist alles andere als ein Vorteil.

Menschen mit Hyperthymesie verbringen übermäßig viel Zeit damit, über ihre Vergangenheit nachzudenken und sind nicht in der Lage, die Erinnerungen, die in ihrem Kopf auftauchen, zu kontrollieren. Das hindert sie daran, sich auf die Realität zu konzentrieren.

Vergessen ist eine grundlegende Funktion des Gehirns
Vergessen und Erinnern bilden ein perfektes Gleichgewicht, das unsere kognitive Leistungsfähigkeit sichert.

Das Gedächtnis erleichtert uns das Lernen und die Anpassung an unsere Umwelt. Es ermöglicht uns, Erfahrungen zu sammeln und unser Wissen und unsere Weisheit täglich zu aktualisieren. Das Vergessen ermöglicht es uns jedoch, uns als Spezies weiterzuentwickeln, indem wir ein agileres, effizienteres Gehirn modellieren, das in der Lage ist, wertvolle Informationen zu speichern und unnütze Daten zu eliminieren. Unser kognitiver Erfolg liegt im Gleichgewicht.

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