Was ist die Neurogenese?

· 24. Dezember 2018

Das Konzept der Neurogenese lässt sich in wenigen Worten erklären: Es geht um die Bildung neuer Nervenzellen. Lange Zeit nahm man an, dass sich Neuronen nur in unserer Kindheit bilden könnten. Diese Aussage ist jedoch falsch. Hierbei handelt es sich um eine sehr bedeutende Entdeckung, die aufgrund der großartigen Vorteile für uns derzeit von Wissenschaftlern auf der ganzen Welt eingehend untersucht wird. Die anhaltende Neurogenese stellt einen der wichtigsten Aspekte der Neuroplastizität dar und macht so wichtige Prozesse, wie Lernprozesse und Gedächtnis, erst auf Dauer möglich.

Schlussfolgerungen aus unterschiedlichen Forschungen zeigen, dass wir auch im Erwachsenenalter stets neue Nervenzellen bilden und dass es äußerst wichtig ist, deren Entstehung zu fördern. Willst du wissen, wie wir davon profitieren können? Dann begleite uns auf unserer Reise zur Entstehung neuer Neurone!

Wo findet die Neurogenese statt?

Dieses Phänomen tritt in der subventrikulären Zone (unter dem Seitenventrikel gelegener Bereich) auf, aber auch in der subgranulären Zone des Zahngyrus des Hippocampus (Ehnenger und Kempermann, 2007). Diese Struktur befindet sich im Temporallappen und ist Teil des limbischen Systems. Zu den Hauptfunktionen des Hippocampus gehören das Gedächtnis, das Lernen, die räumliche Orientierung und emotionale Regulierung.

Die neuen Zellen können in zwei Gruppen eingeteilt werden. Auf der einen Seite finden wir Stammzellen mit der Fähigkeit zur unbegrenzten Teilung, und auf der anderen Seite haben wir neuronale Vorläuferzellen, deren Fähigkeit zur Selbsterneuerung geringer ist als die der ersten Gruppe von Zellen.

Neuronenverbindungen

Warum ist die Neurogenese so wichtig?

Laut einer Forschungsarbeit von Dr. Couillard-Després und seinen Mitarbeitern (2011) „wirkt sich das Lösen von Lern- und Gedächtnisaufgaben, wobei der Hippocampus involviert ist, positiv auf die Neurogenese im Hippocampus eines Erwachsenen aus“.  Diese Aussage unterstreicht die Bedeutung von aktiven Lern- und Gedächtnisprozessen für die Bildung neuer Neuronen. Mit anderen Worten, wenn wir ein Leben lang neue Zellen bilden wollen, dürfen wir Aktivitäten, die unser Gehirn stimulieren, nicht vernachlässigen.

Etwas Neues zu lernen bedeutet nicht nur, eine neue Fertigkeit zu erwerben, sondern auch mehr neuronale Masse zu schaffen. Eine neue Sprache zu sprechen, ein Instrument zu spielen oder eine Aktivität, die den Geist fit hält, wird die Bildung neuer Neuronen fördern. Und das können wir für den Rest unseres Lebens tun. Aus diesem Grund ist es nie zu spät, etwas zu lernen. Im Gegenteil: Wir verlangsamen dadurch den natürlichen kognitiven Verfall im Alter.

„Neuronen sterben nicht aufgrund von zu viel Aktivität, sondern genau das Gegenteil ist der Fall. Sie sterben aufgrund von Inaktivität.“

José Manuel García, Professor für Zellbiologie

Zu wenig Bewegung und Inaktivität haben jedoch den gegenteiligen Effekt. Sie beeinträchtigen nicht nur die Neurogenese, sondern tragen auch dazu bei, dass kognitive Beeinträchtigungen ungehindert ihren Lauf nehmen. Entgegengesetzt der allgemeinen Meinung ist es nicht etwa übermäßige Aktivität, sondern Inaktivität, die den Neuronen schadet. Alkohol, Tabak, unruhiger Schlaf und eine unausgewogene Ernährung zerstören unsere Neuronen.

Mehr Sport und weniger Stress!

Schon lange wissen wir, dass Sport Stress abbaut und uns in Form bringt. Aber das ist noch längst nicht alles. Seit Kurzem wissen wir auch, dass er die Neurogenese begünstigt. Morales-Mira M. und Valenzuela-Harrington M. (2014) erklären uns, dasskörperliche Betätigung die Neurogenese im erwachsenen Hippocampus nachweislich verstärkt, wobei diese mit einer Verbesserung der davon abhängigen Aufgaben verbunden ist und ein großes therapeutisches Potenzial zur Verzögerung und Reparatur von Hirnschäden durch Verletzungen oder Krankheiten darstellt.“

Joggende Frau mit grünem Shirt

Wenn wir akut gestresst sind oder unter chronischem Stress leiden, setzt der Hypothalamus Hormone frei, die die Hypophyse aktivieren und die Ausschüttung von Glukokortikoiden wie Kortisol anregen. Falls wir nicht dazu in der Lage sind, diese Freisetzung von Kortisol zu vermindern, wird dieses Hormon schließlich die Neuronen des Hippocampus angreifen. Somit würde keine Neurogenese stattfinden.

Während einer körperlichen Aktivität regulieren wir den Glukokortikoidspiegel und deaktivieren den stressbelastenden Kreislauf in unserem Gehirn, was die Regeneration des Hippocampus fördert. Kurzum, ein gestresster Hippocampus führt keine Neurogenese durch, ein gesunder Hippocampus schon.

„Der Hippocampus bildet das ganze Leben lang für Lern- und Erinnerungsprozesse grundlegende Neuronen.“

Sandrine Thuret, Neurowissenschaftlerin

Wenn wir auch weiterhin einen gesunden Verstand genießen wollen, der unser Leben lang neue Zellen bildet, müssen wir lediglich unseren Geist fit halten. Wir haben jetzt keine Entschuldigungen mehr dafür, nichts zu tun und uns von unserem natürlichen kognitiven Verfall mitreißen zu lassen. Wir wissen nun, dass wir das Potenzial haben, die Neurogenese zu fördern und unser Oberstübchen länger fit zu halten als wir bislang angenommen haben.

Lesen, Gitarre spielen, Klavier spielen lernen, sich für einen Chinesisch-Sprachkurs anmelden, spazieren gehen, meditieren, Sport treiben etc. Ausreden zählen nicht! Wir müssen unseren Geist einfach fit halten!