Warum fällt es uns so schwer, in Beziehungen Grenzen zu setzen?

Warum setzen wir Grenzen? Warum tun es manche Menschen nicht? Wie wirkt sich das Setzen oder Nicht-Setzen von Grenzen auf unser Seelenleben aus? In diesem Artikel erzählen wir dir alles darüber!
Warum fällt es uns so schwer, in Beziehungen Grenzen zu setzen?
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 07. September 2022

In Beziehungen Grenzen zu setzen ist oft schwierig und es gibt dafür verschiedenste Gründe. Wir sind komplex und die soziale Interaktion kann chaotisch sein. Doch wenn gewisse Linien überschritten werden, ist dies sehr unangenehm, verletzend und zum Teil auch schmerzlich.

Manche Grenzen sind im kollektiven Bewusstsein verankert, unter anderem das Inzest-Tabu, andere müssen in jeder Beziehung individuell festgelegt werden. Wenn du beispielsweise nicht möchtest, dass dein Partner Zugang zu deinem Handy hat, musst du ihn darauf hinweisen und er muss das tolerieren. Grenzen zu setzen kann allerdings Konsequenzen haben, die nicht immer angenehm sind. Im Extremfall kann es zu verbaler oder physischer Gewalt kommen.

Wenn das Selbstvertrauen gering und die Konsequenzen negativ sind, ist es besonders schwierig, die rote Linie festzulegen. Wir vertiefen uns anschließend in dieses Thema.

Frau versucht, in Beziehung Grenzen zu setzen
Menschen mit Selbstwertproblemen und Angst vor Zurückweisung fällt es schwer, Grenzen zu setzen.

Warum ist es manchmal schwierig, in einer Beziehung Grenzen zu setzen?

Es mag einfach erscheinen, ist es aber nicht, denn die Konsequenzen sind nicht immer angenehm. Wenn du zum Beispiel verlangst, dass dein Chef deine Überstunden bezahlt, da du deine Grenze erreicht hast, könnte er dir kündigen. Es gibt verschiedenste Gründe, warum es in Beziehungen schwerfällt, eine rote Linie zu ziehen.

1. Angst vor Konflikten

Auch wenn die meisten Konflikte friedlich gelöst werden können, handelt es sich dabei um angespannte, unangenehme Situationen. Um diese Momente zu vermeiden, verzichten viele darauf, sich für ihr Recht einzusetzen, besonders dann, wenn sie wissen, dass der Partner oder die Partnerin empfindlich reagiert.

2. Angst vor Ablehnung

Die Angst vor Ablehnung ist eng mit der Konfliktscheu verbunden und eine der häufigsten Ursachen. Ein Beispiel: Wenn du deinen Partner darum bittest, dein Handy nicht zu kontrollieren, könnte er eifersüchtig reagieren. Vielleicht akzeptierst du deshalb die Kontrolle, anstatt dich abzugrenzen.

3. Probleme mit dem Selbstwertgefühl

Wenn eine Person sich selbst nicht respektiert, ist es für sie sehr schwierig, Grenzlinien zu ziehen, die andere respektieren sollen. Selbstwertgefühl und Selbstachtung sowie Durchsetzungsvermögen sind die wichtigsten Variablen, wenn es darum geht, Grenzen zu setzen.

4. Schlechtes Emotionsmanagement

Grenzen sind Entscheidungen, die auf Emotionen basieren. Wenn dich jemand ohne Erlaubnis berührt und du dich unwohl dabei fühlst, bittest du diese Person, es nicht mehr zu tun. Wenn du jedoch Schwierigkeiten hast, die eigenen Gefühle oder die anderer zu kontrollieren (aufgrund von fehlendem Durchsetzungsvermögen), ist der Kampf aussichtslos.

5. Das Bedürfnis, anderen zu gefallen

Letztlich versteckt sich hinter der Unfähigkeit, Grenzen zu setzen, oft das Bedürfnis, anderen zu gefallen. Das wiederum ist mit der Vorstellung verbunden, dass dadurch Liebe und Respekt erlangt werden können. Dies muss nicht so sein, denn viele nutzen die Situation aus.

Warum fällt es uns so schwer, in Beziehungen Grenzen zu setzen?
Menschen mit Identitätsproblemen und dem Bedürfnis, es anderen recht zu machen, um sich besser zu fühlen, setzen oft keine Grenzen.

6. Identitätsprobleme

Wenn jemand seine eigene Identität nicht richtig kennt, sind Schwierigkeiten normal: Diese Person ist nicht in der Lage, sich von anderen abzugrenzen und zu bestimmen, welche Verhaltensweisen oder Situationen sie nicht bereit ist, zu tolerieren. Dies wirkt sich auch auf den persönlichen Raum aus, sowohl physisch als auch psychisch, da diese Person sich nicht darüber im Klaren ist, was sie benötigt, um ihre eigenen Emotionen zu regulieren. In der Folge kommt es häufig zu toxischen Beziehungen.

7. Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen

Auch Unsicherheit macht es schwer, Grenzen zu setzen. In der Regel sind betroffene Menschen von der Anzahl der zu berücksichtigenden Faktoren überwältigt und nicht in der Lage, eine Prioritätenliste aufzustellen. Deshalb steht das Bedürfnis, eine Grenze zu ziehen, in ständigem Konflikt mit den Konsequenzen und Möglichkeiten.

Wie du siehst, sind die Gründe vielfältig und überschneiden sich. Das Durchsetzungsvermögen ist in jedem Fall grundlegend, denn Konflikte wird es im Leben immer geben: Wenn du lernst, mit ihnen umzugehen, ist das eine Versicherung für deine psychische Gesundheit.

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