Von Menschen, die sich ihre Fehler nicht eingestehen können

· 22. Dezember 2018

Der englische Dichter Alexander Pope sagte einmal: „Wenn uns Fehler menschlich machen, sollte uns das Eingeständnis des Fehlers und das Bitten um Vergebung göttlich machen.“  Wir leben jedoch in einer Zeit, die von einer vermeintlichen Unfehlbarkeit geprägt ist. In einer Zeit, in der es viele Menschen gibt, die sich ihre Fehler nicht eingestehen können, Politiker, die keine Verantwortung für ihre Fehler übernehmen, und Institutionen, die die Tragweite ihrer Fehler nicht akzeptieren wollen.

Warum ist es so schwierig, uns Fehler und Unwahrheiten einzugestehen? Merkwürdigerweise entschuldigen wir uns oft eher, als mutig und erhobenen Hauptes zu einem Fehler oder Irrtum zu stehen. Das hat zum Beispiel eine an der Ohio State University (Ohio, USA) durchgeführte Studie gezeigt: Die Psychologen Roy Lewick und Leah Polin fanden heraus, dass es für uns immer einfacher ist, zu sagen „Entschuldige bitte, wenn dich das gestört hat“  als „Es ist wahr, ich lag falsch und habe einen Fehler gemacht“.  Damit versuchen wir, die emotionalen Folgen zu kompensieren, aber solch ein Verhalten zeugt nicht von echtem Verantwortungsbewusstsein, bei dem wir uns unsere Schuld wirklich eingestehen, indem wir sie offen, aufrichtig und mutig zum Ausdruck bringen.

Es fällt also nicht leicht, anderen gegenüber zuzugeben, dass wir nicht unfehlbar sind. In diesem klassischen Bestreben, makellos und fehlerfrei zu erscheinen, erzeugen wir  unangenehme, komplexe und oft festgefahrene Situationen. Vielleicht vergessen wir, dass Glück nicht darin besteht, fehlerfrei zu sein. Denn in Wahrheit genügt es, menschlich zu sein. Wer Fehler zugeben kann, bekommt schließlich die außergewöhnliche Chance, zu wachsen und sich zu verbessern.

„Der einzige Mensch, der sich niemals irrt, ist ein Mensch, der nie etwas tut.“

Johann Wolfgang von Goeth

Mann mit einer Kamera als Kopf schaut auf einen Vogel

Menschen, die sich ihre Fehler nicht eingestehen können

Welche Faktoren erklären dieses Verhalten?

Menschen, die sich ihre Fehler nicht eingestehen können, machen uns in erster Linie das Leben schwer. Später versuchen wir dann, ihnen ihre Fehler mit Beweisen deutlich zu machen, und letztendlich denken wir, dass bei ihnen Hopfen und Malz verloren sei. Denn es handelt sich hierbei um Persönlichkeitsprofile, die oft so starrsinnig sind und über keinerlei soziale Kompetenzen verfügen, dass wir uns bewusst werden müssen, dass es sich nicht lohnt, unsere Energie und sogar Gesundheit im Umgang mit ihnen leiden zu lassen.

Im vergangenen Jahr hat die New York Times  einen interessanten Artikel zu diesem Thema veröffentlicht. Paul Krugman, Professor an der Princeton University (New Jersey, USA), wies darauf hin, dass die Welt derzeit eine seltsame Epidemie der Unfehlbarkeit erlebe. Das beginne bei Politikern und anderen „hohen“ Akteuren, die es sich zur Aufgabe machen, ein Bild von absoluter Makellosgikeit vermitteln zu wollen, und ziehe sich durch sämtliche soziale Schichten. Sich Fehler einzugestehen, Verantwortung für Irrtümer und schlechte Entscheidungen zu übernehmen, die schwerwiegende Folgen hatten, ist eine Grenze hin zu Unannehmlichkeit, die niemand überschreiten will.

Dies liegt vor allem an der klassischen Vorstellung, dass sich einen Fehler einzugestehen damit gleichzusetzen wäre, Schwäche zu zeigen. Und in einer Welt, die von ständiger Unsicherheit geprägt ist, bedeutet Schwäche zu zeigen, sich selber klein zu machen. Abgesehen von dieser bekannten Makrosituation, unter der wir alle leiden, bleiben wir doch an diesem alltäglichen und für uns nachvollziehbaren Verhalten interessiert.

Was verbirgt sich aber hinter diesen Menschen, die sich ihre Fehler nicht eingestehen können, hinter diesen Persönlichkeitstypen?

Narzissmus

An der Brunel University (England, Vereinigtes Könirgreich) wurde eine interessante Studie durchgeführt, um Persönlichkeitstypen anhand ihrer Art der Interaktion in sozialen Netzwerken zu analysieren. Man fand heraus, dass Narzissten davon besessen sind, fast pausenlos ihre Errungenschaften, ihre erreichten Ziele, ihre scheinbaren Tugenden, ihre fachlichen Kompetenzen öffentlich zur Schau zu stellen.

Dieses Persönlichkeitsprofil, das sich durch ein starkes Selbstbild auszeichnet, gibt jedoch nie seine eigenen Fehler zu. Denn das wäre in ihren Augen eine direkte Verletzung ihrer Erwartungen an ihre eigene herausragende Kompetenz. Anstatt dessen ziehen es Narzissten vor, die Fehler anderer Menschen ausfindig zu machen, um ihre Mitmenschen bloßzustellen.

Nachdenklicher Mann schaut nach unten

Fehlendes Verantwortungsbewusstsein

Fehlendes Verantwortungsbewusstsein ist mit emotionaler Unreife und mangelnder sozialer Kompetenz verbunden. Deswegen haben Menschen, die sich ihre Fehler nicht eingestehen können, auch große Schwierigkeiten damit, mit anderen zusammenzuleben, sie zu respektieren, wichtige Bindungen herzustellen, im Team zusammenzuarbeiten oder sogar einem Projekt für die Zukunft nachzugehen. Der Grund dafür ist, dass ihnen schlichtweg die grundlegenden Fähigkeiten dazu fehlen.

Wenn wir keine Verantwortung für unsere Fehler übernehmen, gehen wir davon aus, dass sie nicht existieren, dass wir unfehlbar wären, unsere Handlungen keine Folgen hätten und dass wir daher zu allem fähig wären. Diese persönliche Einstellung hat zweifellos Misserfolge und unglückliche Situationen zur Folge.

Verteidigungsmechanismen

Wir alle machen Fehler, und wenn wir das tun, haben wir zwei Möglichkeiten. Die erste und vernünftigste ist, den Fehler zuzugeben und Verantwortung zu übernehmen. Die zweite Möglichkeit besteht darin, das nicht akzeptieren zu wollen, den Fehler abzublocken und einen ausgeklügelten Abwehrmechanismus um dieses fehlerhafte Verhalten herum aufzubauen. Die häufigste Verhaltensweise ist hierbei zweifellos die kognitive Dissonanz, bei der zwei widersprüchliche Situationen auftreten und jemand in einem bestimmten Moment beschließt, sie nicht zu sehen oder nicht zu akzeptieren, sodass seine Identität davon nicht betroffen wird.

So konnte beispielsweise in einem Artikel, der im European Journal of Social Psychology  veröffentlicht wurde, etwas sehr Auffälliges festgestellt werden: Menschen, die sich entschieden haben, keine Verantwortung für ihre Fehler zu übernehmen, glauben, dass sie dadurch stärker würden, mehr Macht über andere und mehr Kontrolle über sich selbst erreichten. Obwohl sie sich bewusst sind, dass sie einen Fehler gemacht haben und dass eine kognitive Verzerrung besteht, beschließen sie deshalb, lieber nicht über sie nachzudenken, um ihr Ego zu schützen.

Frau steht in einem brennenden Kleid am Strand

Wie wir gesehen haben, nutzen Menschen, die sich ihre Fehler nicht eingestehen können, eine Vielzahl von psychologischen Strategien, um sich schamlos ihrer Verantwortung zu entziehen. Um sie zur Besinnung zu bringen, müssen wir uns definitiv sehr bemühen, was keinesfalls eine einfache Aufgabe ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie diesen Schritt nicht gehen könnten.

Es ist nie zu spät, von unserem hohen Ross herunterzukommen und menschlich zu sein, Fehler zuzugeben und eine wunderbare Gelegenheit für unser persönliches Wachstum zu ergreifen.

Festinger, Leo (1990) Teoría de la disonancia cognitiva. Paidós (Madrid)

Lowen, Alexander (2000) El narcisismo, la enfermedad de nuestro tiempo. Paidós América

Festinger, Leo (1992) Métodos de investigación en ciencias sociales. Paidós (Madrid)