Vom Zynismus als kritische Haltung zum unerträglichen Zynismus

1. Oktober 2017 en Psychologie 106 Geteilt

Diogenes von Sinope gilt als Gründervater des Zynismus. Er lebte während des vierten Jahrhunderts vor Christus im Alten Griechenland. Die Anhänger seiner Doktrin unterschieden sich aber sehr von den Zynikern unserer heutigen Zeit. Ihr Zynismus bestand in der puren Kritik: Sie waren mit vielen Heucheleien der Gesellschaft nicht einverstanden und wollten auf eine authentischere Art und Weise leben.

Das Wort „Zyniker“ stammt von dem griechischen Wort „kinus“, was „Hund“ bedeutet. Der Zynismus war demnach eine Doktrin, die mit dem „Hundedasein“ in Verbindung stand. Diogenes lebte in vollkommener Armut, so wie ein Hund. Gleichzeitig war er ein scharfsinniger Philosoph, einer der bissigsten Denker seiner Zeit. So wurde das eine mit dem anderen verknüpft.

„Der Zynismus funktioniert wie eine Droge, um Abstand zu gewinnen, wie ein Schmerzmittel, um nicht die Gefahr des Seins zu verspüren, bis es dich vergiftet. Anfangs bringt er zweifellos Erleichterung und du kannst über deine Ängste Scherze machen. Aber am Ende vergiftet er dich.“

Marcela Serrano

Heutzutage hat der Zynismus allerdings eine andere Bedeutung. Die Zyniker der modernen Welt glauben nicht an Werte und prahlen damit. Sie kritisieren die Gesellschaft, zeigen aber keine Alternativen auf, sondern sie verurteilen sie einfach öffentlich. Doch letztendlich tun sie nichts, um neue Perspektiven zu erkennen. Man nennt auch diejenigen Zyniker, die ganz offen andere ausnutzen und sogar noch stolz darauf sind.

Diogenes von Sinope und der frühe Zynismus

Diogenes werden wunderbare Taten zugeschrieben. Er besaß nicht einmal ein Haus, sondern lebte in einem Fass. Er wurde mit einem Bettler verwechselt, weil er Lumpen trug. Und dennoch war er einer der großartigsten Männer seiner Zeit. Platon nannte ihn den „wahnsinnigen Sokrates“.

Man erzählt sich, dass Alexander der Große daran interessiert gewesen sei, diesen Philosophen kennen zu lernen. Er ging wohl zu ihm und sagte ihm: „Ich bin Alexander der Große.“  Und der Zyniker antwortete: „Und ich bin Diogenes der Hund.“ Nach einem kurzen Gespräch sagte Alexander zu ihm: „Bitte mich, worum du willst.“  Diogenes antwortete daraufhin: „Geh mir aus der Sonne.“

Eine andere Anekdote besagt, dass Diogenes eines Tages auf dem Platz gewesen sei und Gemüse gegessen habe, das andere in den Müll geworfen hätten. Ein anderer Philosoph kam vorbei und meinte zu ihm: „Wenn du für die Adeligen arbeiten würdest, so wie ich, müsstest du kein weggeworfenes Gemüse essen.“  Diogenes entgegnete: „Wenn du Gemüse essen würdest, so wie ich, müsstest du nicht für die Adeligen arbeiten.“

Diese Geschichten verschaffen uns eine Vorstellung davon, wer dieser Denker war.

Der moderne Zynismus

Macht und Geld waren schon immer verantwortlich für Korruption, in jedem Zeitalter und überall auf der Welt. Doch mit dem Aufkommen des Kapitalismus, und besonders mit dem Fall großer Utopien, wurden sie so mächtig wie niemals zuvor. Geld und Macht haben den Menschen zu den abscheulichsten Handlungen bewegt.

Wir könnten sagen, dass der Vater des modernen Zynismus Machiavelli, der mächtige Philosoph aus dem Italien um 1500, ist. Von ihm stammt wohl der berühmte Satz: „Der Zweck heiligt die Mittel.“ Mit diesem Denker begann ein neues Zeitalter der Philosophie, mit Vertretern, die Individualismus verherrlichten. Ihrer Meinung nach sei der extreme Egoismus Teil des menschlichen Wesens. Jede Tat, die individuelle Vorteile mit sich bringt, sei deshalb gerechtfertigt.

Laut dieser modernen Denkweise hätten Menschen mit großer politischer oder wirtschaftlicher Macht in der Geschichte stets zynistisch gehandelt. Da es sich bei ihnen um Figuren handelte, die die Gesellschaft leiteten, sind sie für viele zu einem Idol geworden. Ein Großteil der Menschen sah ihr Handeln als für die Gesellschaft gewinnbringend an.

Der Zynismus in zwischenmenschlichen Beziehungen

Der Zynismus hat sich von den hohen Rängen der Macht in alle Schichten der Gesellschaft ausgebreitet und ist auch in alltäglichen Beziehungen zu finden. Ganz deutlich zeigt er sich vor allem in Beziehungen, in denen es regelmäßig Machtkämpfe gibt, wie beispielsweise zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Männern und Frauen, Erwachsenen und Kindern.

Und manchmal wird er auf sehr subtile Weise ausgedrückt, ist nur schwer erkennbar, z.B.- wenn der Arbeitgeber, der Mann oder der Erwachsene eigenmächtig ein Kriterium oder eine Regel ins Leben ruft. Und wenn der Arbeitnehmer, die Frau oder das Kind sich dem widersetzen, aber zur Antwort bekommen: „Wenn es dir nicht gefällt, kannst du ja gehen.“

Zynische Verhaltensweisen sind unangemessen. Sie in zwischenmenschlichen Beziehungen anzuwenden, hat zur Folge, dass deren Fundamente erschüttert werden. Auf kurze, mittel- oder langfristige Sicht haben sie außerdem auch negative Konsequenzen für denjenigen, der sich diese Verhaltensweisen angeeignet hat. Zuneigung wird zunichtegemacht, heimliche Verstoße werden gefördert und die Scheinheiligkeit genährt. Auch wenn sie sofortige Zufriedenheit mit sich bringen, ist das, was verloren geht, viel größer.

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Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Kylli Sparre

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