Vom Abenteuer, geboren zu werden

· 17. April 2018

Geboren werden – das passiert nicht in einem Augenblick, sondern ist ein Prozess. Wir werden sogar mehrmals im Laufe unseres Lebens geboren. Beim Menschen hat die Geburt damit zu tun, sich von jemandem für immer zu trennen. Die Schnur, die uns und einen anderen Menschen verbindet, zu durchtrennen. In eine unbekannte Welt einzutauchen und diese Herausforderung, individuell und somit allein auf uns gestellt zu sein, anzunehmen. Das ist es, was uns ausmacht.

In unserem Leben finden wir uns oft in Situationen wieder, die dem Moment der Geburt ähneln: ein großer Bruch, ein Lebewohl für immer, den Herausforderungen eines Neuanfangs begegnen usw. Dabei handelt es sich um Situationen, die wunderschön und gleichzeitig beängstigend sein können. Eine große Herausforderung, die alles, was wir sind, auf die Probe stellt.

In den meisten Fällen beschert uns das Leben selbst diese Erfahrungen. Doch eine Geburt kann auch ein freiwilliger Prozess sein. Eine Entscheidung, die wir treffen, wenn es offensichtlich ist, dass sich ein Kreis schließt und es an der Zeit ist, einen neuen zu beginnen.

„Wer nicht damit beschäftigt ist, geboren zu werden, ist damit beschäftigt, zu sterben.“

Bob Dylan

Weinendes Neugeborenes

Das Trauma der Geburt

Oft hört man vom Trauma der Geburt. Gleichzeitig weiß man allerdings sehr wenig darüber. Man geht davon aus, dass der Fötus bei der Geburt besonders furchteinflößende Momente erlebt. Sich seinen Weg bahnen und durch einen sehr engen Geburtskanal auf eine kalte Welt kommen zu müssen, ist ein dramatischer Augenblick. Wortwörtlich spielen wir in diesem Moment mit dem Leben.

Ein erster Schrei und Weinen kündigen an, dass wir nun auf der Welt sind. Von nun an sind wir ein individuelles Wesen, das sich für immer mutig der Einsamkeit stellt, nachdem wir es zuvor so schön im warmen Bauch unserer Mutter hatten. Die Welt, in die wir hineingeboren werden, ist uns feindseliger gesinnt und strahlt bei Weitem nicht diese Wärme aus, die wir bisher empfanden.

In dieser neuen Lebensphase ist es kalt. Wir verspüren erstmals Hunger und Durst. Das sind neue Gefühle, die wir im Mutterleib nie gehabt haben. Vorher mussten wir nie um etwas bitten, jetzt aber schon. Es kann sein, dass man auf unser Schreien reagiert, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht versteht man unsere Bedürfnisse, doch es könnte auch das Gegenteil passieren. Die absolute Sicherheit weicht der Unsicherheit.

Wiedergeburten

Wir werden niemals wieder so hilflos sein wie das erste Mal, wenn wir geboren werden. Aber wir müssen wiederholte Male wiedergeboren werden. Und die Traumata, die diese Prozesse begleiten, werden wir ebenfalls wiederholen. Das ist ein unvermeidlicher Kreislauf des Lebens.

Wir werden abermals spüren, dass es in unserm Inneren zwei konkurrierende Kräfte gibt. Eine dieser Kräfte lädt uns dazu ein, eine noch viel größere Welt zu entdecken, die über die uns bekannten Grenzen hinausgeht, und etwas zu riskieren. Die andere hingegen möchte, dass wir bei all dem bleiben, das wir bereits kennen. Sie zeigt uns die Vorteile auf, die es hat, das Bekannte nicht zu verlassen.

Rot-schwarzer Schmetterling

Oftmals haben wir keine Wahl. Wir müssen uns einer neuen Lebensphase, einer neuen Welt stellen, ohne dass jemand um unser Einverständnis bittet. Der Tod eines geliebten Menschen ist zum Beispiel nichts, das wir akzeptieren oder zurückweisen könnten. Es passiert einfach und bringt uns wieder einmal in eine belastende Situation, in der wir selbst dafür sorgen müssen, wiedergeboren zu werden. Dasselbe passiert nach jedem anderen großen Verlust oder bei einer radikalen Veränderung in unserem Leben.

Der große Schritt …

In manchen Fällen sind wir selbst dafür verantwortlich, eine Veränderung herbeizuführen und den Zeitpunkt sowie den Ort zu bestimmen, um wiedergeboren zu werden. Das passiert, wenn wir letztendlich akzeptiert haben, dass wir unseren Selbstverwirklichungsprozess mit all seinen Wundern und Grenzen vervollständigen sollten.

Das tritt ein, wenn wir zum Beispiel von zu Hause ausziehen oder uns dazu entschließen, eine Beziehung zu beenden, die wir als Antwort auf unsere Einsamkeit gesehen haben. Oder aber, wenn wir anerkennen, dass etwas zu schwerwiegend und es notwendig ist, in einem unbekannten Umfeld, vielleicht tausende Kilometer von zu Hause entfernt, neu zu beginnen. Genauso verhält es sich auch mit einer Sucht, die wir hinter uns lassen, oder damit, uns von einem Traum zu verabschieden, den wir endlich als falsche Vorstellung anerkennen.

Frau am Meer bei Sonnenaufgang

Es ist unmöglich, ohne irgendeine Art von Trauma wiedergeboren zu werden. Diese Prozesse finden niemals vollkommen gelassen und unter absoluter Zurückhaltung statt. Im Gegenteil, es sind Entscheidungen, die uns schwerfallen, uns Tränen, Unbekanntes und Zweifel bringen sowie kräftezehrend sind. Doch so wie beim ersten Mal, wenn wir geboren werden, erwartet uns am Ende dieses engen Geburtskanals eine neue Welt, die es zu entdecken gilt.

In jedem von uns schlummert dieser abenteuerlustige Kapitän, der dazu fähig ist, tausende Male in See zu stechen, um neue Welten zu entdecken. Auch verbirgt sich dort dieses verängstigte Kind, das sich jedes Mal nach seiner Mutter sehnt, wenn es die Tür öffnet, um das Haus zu verlassen. Es kostet uns Zeit und Kraft, uns dafür zu entscheiden, wiedergeboren zu werden. Aber dort draußen erwartet uns all das, was wir in der Lage sind, zu sein.