Virgnia Woolf: Biografie eines stillen Traumas

· 8. April 2019

Heute beschäftigen wir uns mit dem tragischen Leben und der hervorragenden Arbeit einer der wichtigsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts und einer der größten Reformatorinnen des modernen Romans. Der Name dieser großartigen Schriftstellerin ist mit dem anderer Größen, wie Thomas Mann, James Joyce und Franz Kafka auf eine Stufe zu stellen. Ihre Arbeiten zeichnen sich aus durch das literarische Instrument der Tiefe des inneren Monologs, welches sie bis zur Perfektion beherrscht hat und welches uns Eintritt gewährt in die intimisten Gedanken der Protagonisten. Wir sprechen über die faszinierende Virgnia Woolf.

Ihr Leben ist eine Reflexion der schädlichen Stille, die versucht, die verheerenden Folgen von sexuellem Missbrauch bei Kindern, fast bis zum heutigen Tag, zu verstecken. Ihre schreckliche Geschichte wurde in einem absurden Nebel verschleiert. Denn es wurde behauptet, das Virgnia eine psychische Krankheit geerbt habe.

Man hat angegeben, dass sie für die normalen Schwierigkeiten des Lebens zu empfindlich gewesen sei. Und sogar heute noch bleibt die Idee bestehen, dass der inzestuöse sexuelle Missbrauch, dem sie seit ihrer Kindheit zum Opfer gefallen war, nicht der Ursprung der in ihrem Leben erlittenen Psychosen gewesen sein müsse. Und auch, dass er nicht der Grund gewesen sei, warum sie schließlich Selbstmord beging.

Heute können wir mit Sicherheit sagen, dass diese Ausflüchte nicht der Wahrheit entsprechen. Der Ursprung der Krankheit von Virgnia lag in dem sexuellen und psychologischen Missbrauch, den sie bereits in sehr jungem Alter erlitten hat.

Heute wollen wir das Leben und das Werk einer revolutionären Frau kennenlernen, einer Frau, die es geschafft hat, mit Orlando  einen Mann in die Haut einer Frau zu stecken, einer Frau, die es gewagt hat, ihr Recht darauf, Ein Zimmer für sich allein  zu haben, zu beanspruchen.

In jungen Jahren

Virginia Woolf wurde am 25. Januar 1882 in London (England, Vereinigtes Königreich) in eine komplizierte Ehe geboren. Als sie auf die Welt kam, hatten ihre Eltern bereits mehrere Kinder aus früheren Ehen. Ihr Vater war ein berühmter Verleger, Kritiker und Biograf; er wirkte einschüchternd auf sie. Virginia sollte sich später nicht an einen einzigen Tag erinnern, an dem ihr ihre Mutter Aufmerksamkeit geschenkt hätte oder einen Moment mit ihr allein verbracht hätte. Ihr Zuhause war für das Mädchen wie ein Käfig, obwohl es als Treffpunkt der besten Literaten dieser Zeit diente.

Der frühe Tod ihrer Mutter und einer ihrer Schwestern sollten das Leben von Virginia zutiefst kennzeichnen. Der Verlust von Angehörigen ist immer traumatisch, doch in diesem Fall hatte der Vater den übrigen Familienangehörigen verboten, unter keinen Umständen über die Verstorbenen zu sprechen. Er fing damit an, eine erdrückende Umgebung zu schaffen, in der Virginia von Anfang an gezwungen wurde, keine Emotionen zum Ausdruck zu bringen.

Virgnia Woolf und ihr Vater

Im Erwachsenenalter

Nach dem Tod ihres Vaters zog sie zu ihren Brüdern und Schwestern. Hier begann sie, komplexe psychotische Episoden zu erleiden, die sie für den Moment zwar stets überwinden konnte, die jedoch stets wiederkehrten.

Ihr neues Zuhause in Bloomsbury (England, Vereinigtes Königreich) wurde zum Treffpunkt der ehemaligen Kommilitonen ihres Bruders. Unter diesen befanden sich Intelektuelle von der Größe Bertrand Russels. Sie bildeten eine Gruppe exzentrischer Schriftsteller, Dichter und Maler, die später als der „Bloomybury-Kreis“ bezeichnet werden sollten. Dort traf sie auch auf denjenigen, der später ihr Ehemann werden sollte, auf Leonard Woolf.

Virginia Woolf heiratete im Alter von dreißig Jahren. Da hatte sie bereits mehrere Nervenzusammenbrüche erlitten, die tiefe depressive Zustände zur Folge hatten. Ihr Ehemann begann, Tagebuch über ihre emotionalen Zustände zu führen. Virginia hingegen fand in der Literatur einen Zufluchtsort, um ihren schrecklichen Erlebnissen und ihren unterdrückten Gefühlen Ausdruck zu geben.

Die Beziehung zu ihrem Mann war solide und stark. Gemeinsam gründeten sie im Jahr 1917 den Verlag Horgarth Press, der die Werke von Virginia Woolf und anderen großen Autoren wie Sigmund Freud, T.S. Eliot, Katherine Mansfielf oder Laurens van der Post erfolgreich veröffentlichte.

Sexueller Missbrauch und Selbstmord

Virgnia Woolf wurde im Alter von sieben Jahren zum Opfer sexueller und inzestuöser Misshandlungen durch ihre beiden Stiefbrüder, die beide etwa zwanzig Jahre älter waren als sie. Der Missbrauch fand bereits statt, als ihre Eltern noch am Leben waren. Obwohl gesagt wurde, dass Virginia nie von diesem grausamen Verbrechen, unter dem sie unglaublich leiden musste, berichtet hätte, ist es durchaus vorstellbar, dass die Eltern über das Leiden von Virginia Bescheid wussten.

Sie sprach und schrieb offen darüber, seit sie zehn Jahre alt war. Es war ein enorm traumatischer Missbrauch, mit und ohne Penetration, der bis zu ihrem 24. Lebensjahr andauerte. Und es war ein offenes Geheimnis, das von ihrer gesamten Umgebung ignoriert wurde.

Virginia entwickelte eine psychische Erkrankung, die heute als bipolare Störung bekannt ist. Nachdem sie das Manuskript ihres letzten Romans fertiggestellt hatte, geriet sie in eine Depression, die jenen ähnelte, an denen sie bereits in der Vergangenheit gelitten hat. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und die Zerstörung ihres Hauses in London verschlimmerten ihren Zustand und sie fühlte sich allmählich unfähig, zu arbeiten.

Am 28. März des Jahres 1941 zog Virginia ihren Mantel an, füllte dessen Taschen mit Steinen und warf sich in den Fluss Ouse, der sich in der Nähe ihres Hauses befand. Sie schrieb einen letzten Brief an ihren Mann, in dem es heißt:

„Ich habe das Gefühl, dass ich wieder verrückt werde. Ich denke, wir können nicht noch einmal eine schreckliche Zeit durchmachen. Und ich kann mich dieses Mal nicht davon erholen. Ich höre Stimmen und ich kann mich nicht konzentrieren. Also tue ich, was ich für das Beste halte. Ich kann nicht mehr kämpfen. Wie du siehst, kann ich nicht einmal mehr richtig schreiben. Ich kann nicht lesen. Ich habe alles verloren, bis auf die Gewissheit deiner Güte. Ich kann dein Leben nicht länger ruinieren. Ich glaube nicht, dass zwei Menschen glücklicher sein können, als du und ich.“

Virginia Woolf 

Bild von Virginia Woolf

Die psychische Verfassung von Virginia Woolf

Heutzutage kennen und verstehen Psychologen, Psychiater und Pädagogen die schwerwiegenden Folgen, die Kinder und Jugendliche erleiden, die Opfer von sexuellem Missbrauch werden. Glücklicherweise bestätigen und belegen viele akademische Studien, dass der Missbrauch, den Virgnia Woolf durch ihre beiden Stiefbrüder erlitten hat, ebenso wie die stillschweigende Zustimmung der Menschen, die sie eigentlich hätten schützen sollen, die eigentliche Ursache für ihre psychische Störung war und nicht das Erbe einer Geisteskrankheit oder ihr eigenwilliger Charakter.

Heute können wir endlich klar darüber sprechen, was sexueller Missbrauch für Kinder bedeutet. Es ist notwendig, ein für alle Mal mit den gefährlichen Versuchen aufzuhören, die Verhaltensweisen und Situationen zu minimieren, die völlig unerträglich und nicht zu rechtfertigen sind.

Es gibt keinen zwingenden Grund dafür, anzunehmen, dass Virginia eine psychische Krankheit geerbt hätte. Es ist viel plausibler, dass die Verantwortung für ihre emotionalen Probleme bei denjenigen liegt, die sie missbraucht haben, sexuell und unaufhörlich, und ebenso von denen, die dies zugelassen haben.

Die Geschichte der sexuellen Viktimisierung von Virgnia wurde im Format einer Fallstudie vor dem Hintergrund der aktuellen Literatur über die Auswirkungen von sexuellem Missbrauch von Kindern auf die menschliche Entwicklung überprüft. Viele der bei ihr beobachteten psychischen Symptome stimmen mit der klinischen Literatur über sexuellen Missbrauch von Kindern überein.

Trotz der Tragik in ihrem Leben hinterließ diese Autorin ein unvergleichliches Erbe, prägte die Literatur und den Kampf von Frauen um die Gleichberechtigung mit den Männern. Mit ihrem berühmten Essay Ein Zimmer für sich allein  zeigte sie klar und deutlich das Problem der Frauen auf: Ihnen fehlte es an wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Die Frauen brauchten ihre Unabhängigkeit, um sich einen eigenen Raum zu schaffen. Und im Fall von Virginia selbst bedurfte es eines Ortes, an dem sie mit aller Ruhe ihre Romane schreiben konnte.

Mit Orlando  wagte sie es, einen Mann in die Haut einer Frau zu stecken, um der Welt zu zeigen, dass eine Person einen viel leichteren Weg haben kann, wenn sie ein Mann ist und keine Frau. Sie wagte es, von Tabus wie Homosexualität und Sexualität im Allgemeinen zu sprechen. Andere bemerkenswerte Werke dieser Frau sind Die Wellen  oder Mrs. Dalloway.  Kurz gesagt, Virginia war eine Frau, die für ihre Zeit, für ihre Umgebung und für das Schweigen bestraft wurde. Heute liegt es bei uns, nicht die Opfer zu beschuldigen und jenen Menschen, die unter Missbrauch leiden, eine Stimme zu geben.