Vermeidende/restriktive Essstörung (ARFID): Was ist das?

Ist das selektive Essverhalten nur eine Marotte oder eine Essstörung? Die Grenzen sind fließend, deshalb lohnt es sich, über dieses Thema gut informiert zu sein.
Vermeidende/restriktive Essstörung (ARFID): Was ist das?
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 11. Mai 2024

Die vermeidende/restriktive Essstörung (ARFID) äußert sich durch eine eingeschränkte und selektive Nahrungsaufnahme und führt zu einem verzerrten Körperbild. In der Regel beginnt diese Störung in der Kindheit, doch auch Erwachsene können sie entwickeln.

Betroffene sind sehr wählerisch und weigern sich, bestimmte Lebensmittel zu essen. Sie entwickeln Eigenarten und Marotten und lehnen beispielsweise bestimmte Nahrungsmittel aufgrund ihrer Farbe, Konsistenz oder wegen ihres Geschmacks ab. Diese Umständlichkeit beim Essen geht jedoch über die üblichen Spleens vieler Kinder hinaus. Es handelt sich um eine komplexe Störung, die wir heute etwas genauer beleuchten werden.

Eine vermeidende/restriktive Essstörung wird diagnostiziert, wenn Betroffene ernste gesundheitliche Probleme entwickeln.

Vermeidende/restriktive Essstörung: Definition und Symptome

Die vermeidende/restriktive Essstörung, auch selektive Essstörung, ist eine in der Kindheit und Jugend sehr häufige Störung. Eine in der Fachzeitschrift Journal of Eating Disorders veröffentlichte Studie weist darauf hin, dass bei einer Stichprobe von 173 Kindern im Alter von 7 bis 17 Jahren 22,5 % die ARFID-Kriterien erfüllten. Dieser klinische Zustand unterscheidet sich von gewöhnlichen Essproblemen und Marotten.

Selektives Essverhalten ist in der Kindheit häufig, doch meistens handelt es sich nicht um eine psychopathologische Essstörung mit verzerrtem Körperbild, extremer Dünnheit oder Fettleibigkeit. Eine vermeidende/restritkive Essstörung verläuft hingegen pathologisch, da Betroffene ihre Nahrungsaufnahme so sehr einschränken, dass zum Teil ernste gesundheitliche Probleme folgen.

Arbeiten wie die der Johns Hopkins School of Medicine zeigen, dass das Bewusstsein und das Wissen über die vermeidende/restriktive Essstörung bei den Gesundheitsdienstleistern unzureichend ist. Deshalb ist ein stärkeres Bewusstsein hinsichtlich dieses Problems eine dringende Notwendigkeit.

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Vermeidende/restriktive Essstörung: Symptome

Es ist für Eltern nicht immer einfach, “normale Marotten” von einer Essstörung zu unterscheiden, der Übergang ist fließend. Das DSM-V beschreibt folgende Symptome, die für eine vermeidende/restriktive Essstörung charakteristisch sind:

  • Blutarmut (Anämie)
  • Magenreflux
  • Geschwächtes Immunsystem
  • Krämpfe, Schwindel und Ohnmacht
  • Kältegefühl
  • Häufige Magenverstimmungen
  • Darmprobleme wie Verstopfung
  • Trockene Haut, Muskelschwäche, Haarausfall
  • Angst vor dem Verschlucken
  • Auffälliger Gewichtsverlust, die Betroffenen selbst sind sich über ihre extreme Dünnheit nicht bewusst
  • Ablehnung vieler Produkte aufgrund ihrer Beschaffenheit, Farbe oder ihres Geschmacks
  • Ausbleiben der Menstruation
  • Psychosoziale Beeinträchtigung, lebensbedrohlicher Zustand
  • Geringeres Wachstum als erwartet
  • Angstzustände

Die selektive Ernährung verschlimmert sich zunehmend, Betroffene essen nur noch sehr wenige Lebensmittel und müssen schließlich häufig über eine Sonde ernährt werden.

Die vermeidende/restriktive Essstörung führt häufig zu Angststörungen.

Wer ist besonders gefährdet?

Die meisten Studien konzentrieren sich auf Kinder und Jugendliche, diese Essstörung kann sich jedoch auch erst im Erwachsenenalter entwickeln. So zeigen Arbeiten wie die der University of Pennsylvania, dass Erwachsene mit selektiven Essgewohnheiten eher an dieser Krankheit leiden. Andererseits ist das Risiko für eine ARFID bei Personen auf dem Autismus-Spektrum höher.

Vermeidende/restriktive Essstörung: Diagnose

Die Diagnose einer ARFID erfolgt multidisziplinär: Spezialisierte Ärzte und Psychologen untersuchen folgende Kriterien:

Medizinische Diagnose

Eine vermeidende/restriktive Essstörung wird nur dann diagnostiziert, wenn das selektive Essverhalten ernste körperliche Folgen hat. Eine Ärztin oder ein Arzt beurteilt einen möglichen Nährstoffmangel und die Notwendigkeit von Nahrungsergänzungsmitteln oder einer enteralen Ernährung.

Psychologische Diagnose

Ein in der Zeitschrift Pediatric Review veröffentlichter Artikel verweist auf die Bedeutung des DSM-V für die Festlegung der Diagnosekriterien. Folgende Kriterien werden bei der Diagnose berücksichtigt:

  • Die Krankengeschichte des Patienten
  • Deutliches Desinteressa em Essen
  • Angst vor dem Verschlucken oder vor physiologischen Begleiterscheinungen
  • Das Vorhandensein anderer Essstörungen wie Magersucht
  • Die selektive Nahrungsaufnahme kann nicht auf kulturelle Gründe oder den Mangel an Lebensmitteln zurückgeführt werden.
  • Vermeidung oder selektive Aufnahme von Lebensmittel aufgrund von Geruch, Beschaffenheit oder Geschmack.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Auch die Behandlung dieser Essstörung ist multidisziplinär: Ernährungswissenschaftler, Gastroenterologen, Psychiater oder Psychologen müssen zusammenarbeiten, um Betroffenen helfen zu können. Deshalb sind auf Essstörungen spezialisierte Kliniken der beste Anlaufpunkt.

Die Ursachen definieren

Um eine effiziente Intervention planen zu können, müssen zunächst die Ursachen für die vermeidende/restriktive Essstörunganalysiert werden. Häufig liegt eine Komorbidität mit anderen klinischen Krankheiten vor, unter anderem:

Therapeutische Ansätze

Die Therapie muss an die individuellen Umstände jedes Patienten angepasst werden. Eine auf Essstörungen spezialisierte Klinik kann unter anderem folgende Strategien umsetzen:

  • Regelmäßige medizinische Betreuung
  • Psychosoziale Intervention zur Verbesserung der Essgewohnheiten
  • Einsatz von Psychopharmaka je nach den Bedürfnissen der Patientin oder des Patienten
  • Behandlung der körperlichen Komplikationen, die durch schlechte Essgewohnheiten entstehen
  • Das Massachusetts General Hospital führt eine Pilotstudie, in der die Wirksamkeit der kognitiven Verhaltenstherapie untersucht wird. Auch die Familie wird in die Therapie mit einbezogen. Die Wirksamkeit dieser Therapieform muss genauer untersucht werden, es handelt sich jedoch um ein Modell, das bei anderen Essstörungen erfolgreich zum Einsatz kommt.

Vermeidende/restriktive Essstörung: Fortschritte in der Behandlung

Es handelt sich um eine Essstörung, die noch nicht ausreichend erforscht ist. Sobald mehr wissenschaftliche Literatur über die vermeidende/restriktive Essstörung zur Verfügung steht und tieferes Verständnis ermöglicht, können spezifische und effektive Therapien entwickelt werden. Das breitere Bewusstsein über diese Essstörung kann ebenfalls einen wichtigen Beitrag leisten.


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