Verbale Misshandlung in der Kindheit hinterlässt ihre Spuren

· 21. August 2018

Verbale Misshandlung in der Kindheit wirkt sich direkt auf die Gesundheit des Kindes aus. Trotzdem sind vielen nicht alle Auswirkungen dieses „Erziehungsstils“ bewusst. Das liegt daran, dass verbale Misshandlung manchmal mit der schlichten Benutzung von bösen Wörtern verwechselt wird. Tatsächlich geht das Ganze aber viel tiefer.

Verbale Misshandlung in der Kindheit greift das Selbstwertgefühl des Opfers an. In diesem Fall ist die Attacke auf das sich entwickelnde Selbstwertgefühl von Kindern gerichtet. Außerdem bedeutet eine Misshandlung durch Worte auch Misshandlung auf mentaler Ebene. Tatsächlich verfügt das National Child Traumatic Stress Network (NCTSN) über Daten dazu. Ihm zufolge sei psychologische Misshandlung die häufigste Form von Gewalt.

Für Eltern ist es sehr wichtig, vorsichtig mit dem zu sein, was sie zu ihren Kindern sagen. Deshalb sollten sie die Art und Weise, wie sie mit ihnen zu sprechen, reflektieren. Besondere Vorsicht ist geboten, wenn den Kindern Fehler aufzeigt werden.

Wieso hinterlässt verbale Misshandlung in der Kindheit solch tiefe Spuren?

Es gibt einen Grund dafür, wieso diese Misshandlung ein tiefe Spur hinterlässt. Das liegt daran, dass die Kindheit eine sehr entscheidende Phase der Entwicklung ist. Das Nervensystem und das Gehirn sind in dieser Phase sehr empfindlich gegenüber jeder Art von Stimulus aus der Umgebung. Dadurch beeinflusst alles, was außerhalb passiert, das Kind auf dem einen oder anderen Wege auch innerlich.

Außerdem setzt sich die Entwicklung des Nervensystems in der nachgeburtlichen Phase fort und endet nicht bis zum Erwachsensein. Deshalb ist es so, dass Kinder gegenüber neuropsychologischen Schäden vermehrt anfällig sind.

Junge mit traurigem Gesichtsausdruck

Im Beitrag Neuropsychology of Child Maltreatment and Implications for School Psychologists  von Andrew Davis und Kollegen wird erklärt, dass verbale Misshandlung in der Kindheit Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprobleme sowie Schwierigkeiten beim Spracherwerb und in der intellektuellen Entwicklung verursachen könne. Dies könne zu akademischem Scheitern führen.

„Funktionale und strukturelle Änderungen im Gehirn erklären scheinbar zukünftige neuro-psychologische Funktionsweisen von Misshandlungsopfern in der Kindheit.“

Andrew Davis

Wie also wird dieses Fehlverhalten verschleiert, um es anders zu nennen? Manchmal rechtfertigen Eltern sich damit, dass sie ihr Kind so gut sie können „erziehen“ oder „belehren“.

Die Bestrafung ist schuld

Viele Eltern wissen nicht, wie sie ihre Kinder anders erziehen sollen, als auf das Negative zu achten. Gleichzeitig loben sie nicht, wenn das Kind etwas gut macht. Sprechen betroffene Kinder diesen Missstand an, tendieren Eltern zur Aussage: „So solltest du das machen, das muss nicht extra erwähnt werden.“

Das Fokussieren auf negative Aspekte hat ernste Konsequenzen in dieser empfindlichen Phase. Tatsächlich sagen die Eltern ihren Kindern meist nicht nur, was sie falsch gemacht haben, sondern erzeugen auch Schuldgefühle dafür, dass sie Ärger verursacht haben. Hinzu kommt die schlechte Wortwahl, mit der das den Kindern beigebracht wird.

Kinder miteinander zu vergleichen oder einem zu sagen, dass es dumm wäre, kann harmlos klingen. Es mag auch gerechtfertigt erscheinen, wenn Eltern genervt sind oder ihre Fassung verlieren. Tatsächlich kann all das aber permanente Spuren im Geist dieser Kinder hinterlassen. Das ist besonders dann der Fall, wenn sich die Vorfälle häufen.

Angenommen, man sagt einem Kind, dass es dumm wäre, weil es eine Matheaufgabe beim ersten Mal nicht richtig gelöst hat. Gleichzeitig betont man, dass seine Freunde es immer richtig machen. Daraus schlussfolgert das Kind, dass es schlecht in Mathe wäre. Gleichzeitig erkennt es, dass es schlechter als all seine Freunde wäre. Es glaubt außerdem, nichts daran ändern zu können, denn diese Möglichkeit wird nicht besprochen. Deshalb wird es Mathe in Zukunft zurückweisen. Weiterhin können ihm Versagensängste aufkommen. Beim kleinsten Widerstand wird es in Zukunft aufgeben, weil es sich für „unfähig“ hält.

Vater schimpft mit seiner Tochter

Welche Art von Selbstbild, das das Kind durch diese Form der Erziehung bekommt, kann also erwartet werden? Es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass während der Kindheit die Identität entwickelt wird. Diese Identität kann mit Gedanken wie „Ich bin nichts wert“  geplagt werden. Auch kann „Es ist meine Schuld, dass meine Eltern böse sind“  verinnerlicht werden. Oder auch „Ich kann nichts richtig machen“„Ich bin dumm“. Vielleicht denkt das Kind irgendwann: „Ich verdiene nur das Schlimmste.“ All das behindert die Entwicklung eines soliden Selbstvertrauens.

… dies sind schädliche Handlungen, besonders die verbalen, die dem Kind permanent vermitteln, es sei abscheulich, hässlich, dumm. Oder es eine unerwünschte Bürde. Vielleicht nennt man diese Eigenschaften nicht einmal bei ihrem Namen. Eher werden sie mit Du, Idiot oder ähnlichen, beleidigend formulierten Phrasen ausgedrückt.

Wie wir sehen, beeinflusst verbale Misshandlung in der Kindheit die Entwicklung Betroffener. Sie tut das auf signifikante Weise. Außerdem soll erwähnt werden, dass Eltern oft nicht klar ist, was sie auf ihre Kinder projizieren. Vielleicht ist es die Frustration auf der Arbeit, ein hohes Maß an Stress, Beziehungsprobleme oder der Druck der Verantwortung. Projiziert wird all das durch den Umgang mit den Kindern. Man sollte das im Hinterkopf behalten, wenn man will, dass die Kinder glücklich sind.

Es ist wichtig, die eigenen Emotionen entsprechend der Situation zu kontrollieren. Auch sollte man sich in die Kinder hineinversetzen und, allem voran, lernen, positiv mit ihnen zu kommunizieren. Deren Selbstvertrauen darf nicht außer Acht gelassen werden. Schlussendlich sollen sie ja nicht als schüchterne, traurige Erwachsene enden, als Erwachsene, die über sich selbst denken, sie wären zu nichts fähig, und die sich dadurch auf Dauer Grenzen setzen.