Unheilbare Krankheit und palliative psychologische Betreuung

03 Oktober, 2020
Die Diagnose "unheilbare Krankheit" erschüttert einen Menschen zutiefst. Welche Art psychologischer Intervention kann Menschen in dieser Situation helfen?

Die Anpassung an die äußeren Umstände des Lebens stellt immer eine Herausforderung dar. Letztendlich verändern sie sich fortlaufend und du kannst sie nur in sehr begrenztem Ausmaß kontrollieren. Darüber hinaus hast du dich vielleicht schon einmal gefragt, warum Menschen, die in ihrem Leben finanziell abgesichert sind, trotzdem neue Projekte starten oder sich daran beteiligen. Nun, auf der anderen Seite dieser natürlichen Tendenz, sich neue Aufgaben oder Probleme zu suchen, gibt es Situationen, die vermutlich die größte Herausforderung für deine Anpassungsfähigkeiten darstellen: die Diagnose unheilbare Krankheit.

Wir alle wissen, dass wir eines Tages sterben werden. Du wachst beispielsweise morgens auf und weißt nicht, dass du später an diesem Tag bei einem Autounfall sterben wirst. Dennoch leben die meisten von uns in der Annahme, sie hätten noch viele Lebensjahre vor sich. Und sei es nur, weil es noch einige Dinge gibt, die wir unbedingt noch erleben oder tun wollten.

Das ist unsere Art zu leben. Wir machen Pläne für morgen, nächste Woche, nächsten Monat und das kommende Jahr. Mit anderen Worten, wenn wir uns den Tod als ein weit in der Zukunft liegendes Ereignis oder als eine weit entfernte Möglichkeit vorstellen, verortet uns das auf einzigartige Weise in Raum und Zeit. 

Allerdings beginnt dieses seltsame Konstrukt, das wir um uns herum aufgebaut haben, zusammenzubrechen, wenn der Arzt uns eine unheilbare Krankheit diagnostiziert. In unserem heutigen Artikel wollen wir über den Trauerprozess sprechen, den eine derartige Diagnose auslöst. Außerdem werden wir über die wichtigen Aspekte diskutieren, auf die sich Psychologen normalerweise in diesem Kontext konzentrieren.

unheilbare Krankheit - trauriger Mann

Diagnose unheilbare Krankheit und der antizipatorische Trauerprozess

Wenn bei einem Menschen eine unheilbare Krankheit diagnostiziert wird, reagiert der Körper häufig so, als würde er einer Bedrohung ausgesetzt sein. Auf emotionaler Ebene ist Angst die häufigste Reaktion. Aber auch andere Reaktionen sind möglich. Zu einem Großteil hängt sie davon ab, wie der Betroffene diese Neuigkeit verarbeitet. Unmittelbar nach der Diagnose nehmen viele Menschen zunächst eine ablehnende und leugnende Haltung ein. Insbesondere, wenn diese unheilbare Krankheit sehr unerwartet und plötzlich kommt.

Wenn diese Nachricht nach einer Behandlung folgt, die die Krankheit heilen oder verlangsamen sollte, können die Reaktionen möglicherweise anders sein.

Infolgedessen ist eines der wichtigsten Dinge, die Psychologen tun können, dem Patienten dabei zu helfen, diese Information auf für ihn sinnvolle Weise zu verarbeiten. Daher besteht die erste Aufgabe psychologischer Experten darin, zuzuhören und für den Betroffenen da zu sein. Wir müssen unsere Patienten kennenlernen und verstehen.

Eine gute Evaluation wird uns all das aufzeigen, was neben der Hoffnung des Patienten zerbrochen ist. Darüber hinaus werden wir auch mehr über die schmerzlichsten Bedauernisse erfahren, die der Betroffene angesichts der ihm noch verbliebenen Lebenszeit empfindet.

Wenn der Patient beginnt, uns als wertvolle Ressource zu betrachten, wird unsere Hilfe bedeutsam und sinnvoll. Dann werden wir zu einer Anlaufstelle für ihn, die ihm wirksame Strategien zur Bewältigung seines Leidens aufzeigen kann. Allerdings ist es nicht die unheilbare Krankheit an sich, die unsere Aufmerksamkeit erfordert, sondern vielmehr das Leiden, das sie verursacht.

Erste Schritte

Nach den durch diese Nachricht verursachten Ängsten ist es wichtig, mit dem Patienten auch an der Identifizierung seiner Emotionen auf unterschiedlichen Ebenen zu arbeiten. Auf der kognitiven Ebene können wir ihm dabei helfen, einen Platz in dieser neuen Raum-Zeit-Dimension zu finden.

Das Leben im Hier und Jetzt, welches so viele Selbsthilfebücher anregen und beschreiben, ist für unheilbar kranke Patienten keine geeignete Option. Wenn du das Haus verlassen möchtest, ziehst du dich an. Bevor du schlafen gehst, putzt du dir die Zähne. Wenn du eine Reise unternimmst, packst du deinen Koffer. Mit anderen Worten, todkranke Patienten werden über die Zukunft nachdenken.

Die meisten Interventionen in diesem Kontext fokussieren sich auf das Gefühl, bedroht zu werden durch:

  • Kompromittierte Lebensintegrität.
  • Die Unsicherheit darüber, was nach dem Tod geschehen wird.
  • Den Mangel an Ressourcen.
  • Eine negative Einstellung gegenüber der Krankheit.

Auf psychologischer Ebene löst Angst eine Aktivierung aus. Genau diese Emotion half unseren Urahnen dabei, den Raubtieren im Dschungel zu entkommen. Daher wird es für den Patienten sehr hilfreich sein, wenn es ihm gelingt, diese Überaktivierung zu stoppen.

Entspannungstechniken und körperliche Übungen können dabei helfen. Allerdings hängt die Auswahl der Maßnahmen entscheidend von der körperlichen Verfassung des Patienten ab. Außerdem werden sein Lebensstil, die Krankengeschichte, seine Bereitschaft und das Unterstützungsnetzwerk ebenfalls eine Rolle spielen.

Palliative psychologische Betreuung muss sich an den Bedürfnissen des Patienten orientieren

Daher ist die Identifikation der Bedürfnisse des einzelnen Patienten der wichtigste Aspekt. Dies geht aus dem Artikel Die Rolle des Psychologen in der palliativen Pflege [deutsche Übersetzung des spanischen Titels] von Mariant Lacasta hervor. Demzufolge hängt die Effektivität jeder Intervention davon ab, ob es uns gelingt, die Bedürfnisse des Patienten zu erfüllen, welche sich innerhalb unserer Möglichkeiten befinden.

Wir haben über das Zuhören gesprochen. Dies umfasst auch die folgenden Aspekte: Normalisierung der Emotionen des Patienten (insbesondere Widersprüche, die während des Prozesses auftreten können), Bewältigung der bereits erwähnten Angst, Angst vor dem Verlassenwerden durch nahestehende Menschen und Bewältigung der Hoffnung, die fast immer besteht, egal wie schlimm die Nachrichten auch sein mögen.

Es ist sehr wichtig, keine unrealistischen Erwartungen zu wecken. Allerdings sollten wir den Patienten auch nicht von einem mäßigen Optimismus bezüglich zukünftiger Ereignisse abhalten. Tatsächlich ist dies vermutlich einer der heikelsten Aspekte jeder Behandlung oder Intervention, denn er erfordert großes Einfühlungsvermögen. Du solltest dir vor Augen führen, dass du nicht immer mit jemandem arbeiten wirst, der sich der Tatsache voll bewusst ist, dass er bald sterben wird oder dessen Zustand sich nicht wieder verbessern wird.

unheilbare Krankheit - Mann beim Arzt

Diagnose “unheilbare Krankheit”: Interventionen mit Freunden und Verwandten

Eine unserer Aufgaben könnte auch darin bestehen, mit dem Unterstützungsnetzwerk des Betroffenen zu arbeiten. Auch unter diesen Menschen gibt es solche, die mit antizipatorischer Trauer und möglichen psychischen Gesundheitsproblemen fertig werden müssen. Es wird Momente geben, in denen der Patient möglicherweise nicht reden möchte und die Menschen um ihn herum diese Kommunikation brauchen und umgekehrt.

Was auch immer der Fall ist, wenn du bemerkst, dass sich jemand in einer riskanten oder schwierigen Situation befindet, solltest du diesem Menschen direkt eine Behandlung vorschlagen. In den meisten Fällen empfiehlt es sich aber, einen anderen Experten für diese Person hinzuzuziehen, wobei eine offene Kommunikation zwischen den beiden Therapeuten erfolgen sollte.

Idealerweise findet die Intervention mit dem Input aller involvierten medizinischen und psychologischen Fachleute statt. Diese Art der Zusammenarbeit erhöht die Chancen erheblich, dass der Patient das Gefühl bekommt, die Kontrolle über den Prozess zu haben.

Möglicherweise ist der Patient nicht mehr dazu in der Lage, eigenständig das Haus zu verlassen, aber er kann entscheiden, wann er das tun oder welche Kleidung er tragen möchte. Obwohl dies unbedeutend erscheinen mag, ist es für den Patienten sehr wichtig, denn er muss mit weitaus mehr Einschränkungen fertig werden.

Sánchez Sobrino M y Sastre Moyano P (1996). Cuidados paliativos domiciliarios y hospitalarios. En González Barón M, Ordoñez A, Feliu J, Zamora P, Espinosa, E. Medicina Paliativa. Madrid: Médica Panamericana.