Ultracrepidarianism: Ewige Besserwisser, die trotz ihres Unwissens immer ihre Meinung kundtun müssen

2. August 2019
Sie sind diejenigen, die nie still sind, die die anderen korrigieren, die für fast jedes Thema einen Ratschlag haben, die jeden Tag aufs Neue die Welt retten wollen und diejenigen, die die wahren Experten in einem Bereich unterschätzen.

Menschen der Gattung des Ultracrepidarianism (engl.) oder Besserwisser sind weit davon entfernt, vom Aussterben bedroht zu sein. Ganz im Gegenteil scheinen sie jeden Tag mehr und mehr zu werden. Es handelt sich hierbei um jene Menschen, die sich über alles eine Meinung bilden, ohne auch nur irgendetwas über das Thema zu wissen.

Sie sind diejenigen, die nie still sind, die die anderen korrigieren, die für fast jedes Thema einen Ratschlag haben, die jeden Tag aufs Neue die Welt retten wollen und diejenigen, die die wahren Experten in einem Bereich unterschätzen.

Es erscheint womöglich merkwürdig, wie reich unsere Sprache an Begriffen und Worten ist, um diese Verhaltensweise zu definieren, die wir so oft in unserem Umfeld wahrnehmen können. Ultracrepidarianism (engl.) scheint ohne Zweifel eines dieser Wörter zu sein, das so kompliziert zu merken ist, dass man es kaum aussprechen kann.

Dennoch ist es überraschend zu wissen, dass dieses Wort bereits seit sehr langer Zeit in unserem Sprachgebrauch. Es ist an fast jedem Ort der Welt Anwendung zu finden.

Im Englischen lautet es ultracrepidarianism, in Französisch ultracrepidanisme, auf Bosnisch ultrakrepidarianizam,… Wir haben diesem Profil einen Namen gegeben, das eine zwanghafte Tendenz aufweist, ständig die eigene Meinung und Ratschläge zu geben. Auch in Bereichen, die der Person eigentlich gar nicht bekannt sind. Es ist jedoch ganz klar, dass wir alle das Recht dazu haben, zu jedem Aspekt eine eigene Stellungnahme abzugeben.

Dennoch sollten wir dies mit einer gewissen Demut tun, ebenso wie aus einer Perspektive, die uns zeigt, dass wir nicht jede Angelegenheit des Lebens beherrschen können. Dies kann viel über uns aussagen. Daher ist es auch interessant zu wissen, dass das Verhalten von diesen ewigen Besserwissern für das Gebiet der Psychologie von sehr großem Interesse ist. Im Folgenden sehen wir noch mehr Details hierzu. 

„Über die Dinge, die man nicht kennt, hat man immer eine bessere Meinung.“

Gottfried Wilhelm Leibniz

Mann und Frau, die miteinander diskutieren - Besserwisser

Die ewigen Besserwisser: Wie und warum sind sie, wie sie sind?

Wenn du deine Meinung zu den Bildern der verborgenen Seite des Mondes, die von der chinesischen Sonde Chang’e-4 gezeigt werden, abgibst, versuchen die Besserwisser, dir darauf mit einen Kommentar von Carl Sagan zu antworten. Ebenso, wenn du deine politische Meinung zum Ausdruck bringst, werden sie wohl auch zum Rednerpult hinauftreten und versuchen eine Rede, wie jene von Winston Churchill, zu halten. Sprichst du über Fußball, Wirtschaft oder Quantenphysik, werden sie ebenso immer danach streben, dir zu zeigen, wie viel sie zu diesem Thema wissen.

  • Diese besserwisserischen Menschen haben immer eine Antwort auf alles. Sie können nicht einfach ruhig sein. Ebenso sind sie sich nicht ihrer Grenzen bewusst. Und was noch schlimmer ist: Sie respektieren auch die Grenzen der anderen nicht. Sie sind auch diejenigen Menschen, die um jeden Preis auffallen wollen und deshalb niemals zögern, wenn es darum geht andere Menschen zu disqualifizieren.
  • Wenn du uns jetzt fragst, woher dieses Wort überhaupt stammt, müssen wir zu Appeles von Kolophon zurückkehren. Er war ein hervorragender Maler des Jahres 352 v.C.
  • Die Geschichte erzählt, dass, während der Lieblingskünstler von Alexander dem Großen gerade dabei war ein Werk zu vollenden, ein Schuhmacher in seine Werkstatt trat, um ihm einen Auftrag zu hinterlassen. Als dieser die Bilder und Gemälde des Künstlers sah, begann er sofort damit, viele Kleinigkeiten und Details zu kritisieren.
  • Zu diesem Kommentar äußerte sich Appeles von Kolophon mit folgenden Worten: „Ne supra crepidam sutor iudicaret“ (Der Schuhmacher soll seine Meinung nicht zu anderen Dingen, als seinen Schuhen, äußern). Daher stammt auch der klassische Ausdruck „Schuster, bleib bei deinem Leisten.“

Der Dunning-Kruger Effekt

Die Besserwisser zeichnen sich grundsätzlich durch ein sehr elementares Prinzip aus: Je weniger sie wissen, desto mehr glauben sie, über etwas Bescheid zu wissen. Diese Beziehung entspricht dem, was in der Psychologie als der Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet wird.

  • Der Dunning-Kruger-Effekt ist eine weit verbreitete kognitive Tendenz. Die Menschen mit weniger kognitiven und intellektuellen Fähigkeiten (im Durchschnitt, jedoch nicht in allen Fällen) neigen dabei dazu, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen.
  • Aus Sicht der Sozialpsychologie und durch verschiedene Studien, wie sie beispielsweise von den Psychologen Marian Krak und Andreas Ortmann von der Universität Berlin durchgeführt wurden, weisen auf Folgendes hin: Besserwisser können sogar so weit gelangen, eine Machtposition innezuhaben.
  • In unserer Gesellschaft gibt es sogar Menschen, die Positionen besetzen, für die sie nicht über die ausreichenden Fähigkeiten verfügen. Diese aufgeblasene Selbsteinschätzung gepaart mit einer extrovertierten und entschlossenen Haltung, kann es ihnen jedoch ermöglichen, Positionen zu erreichen, die andere Menschen, die besser geeignet wären, nicht erlangen.
Mann, der in einem Meeting in der Arbeit spricht - Besserwisser

Unterschätze die ewigen Besserwisser nicht: Ihre Wirkung kann sehr schädlich sein

Manchmal kann das Verhalten von diesen besserwisserischen Menschen anekdotenhaft sein. Nehmen wir zum Beispiel die sehr berühmte Geschichte von McArthur Wheeler. Ein Mann, der im Jahr 1990 in Pittburgh eine Bank ausgeraubt hat. Als die Behörden ihn schließlich festgenommen haben, war er mehr als überrascht: Er konnte nicht verstehen, wie es ihnen möglich war, ihn zu sehen.

Er behauptete, er habe sich Zitronensaft auf das Gesicht und den gesamten Körper aufgetragen, um unsichtbar zu sein. Es zeigte sich, dass der junge Wheeler unter einer psychischen Störung litt. Doch die Bestimmtheit, mit der er die Beziehung zwischen dem Zitronensaft und seiner Unsichtbarkeit verteidigte, erregte die Aufmerksamkeit von Experten.

Über diese besonderen Fälle hinaus gibt es noch einen weiteren Aspekt, über den wir uns im Klaren sein sollten. Die ewigen Besserwisser können auch dafür verantwortlich sein, großen Schaden anzurichten. Ein Vater, eine Schwester, ein Chef oder ein Nachbar, der davon besessen ist, unsere Fähigkeiten zu boykottieren, jeden unserer Kommentare zu entwerten und nichtig zu machen, kann eine große psychologische Erschöpfung zur Folge haben.

Wie wir wissen, wäre es am besten, nicht auf diese Provokationen hineinzufallen. Wenn wir jedoch verpflichtet sind, solche Menschen jeden Tag in unserer Nähe zu haben, sollten wir andere drastischere Maßnahmen ergreifen, um deren Wirkung einzudämmen.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass dieses schädliche Verhalten nur eine offensive Strategie von ihnen ist. Die zweite Variante wäre stärker und würde ohne Zweifel erfordern, dass ein angemessener Abstand zu dieser Art von Person eingehalten werden soll. Lasst uns darüber nachdenken.

  • Kruger, J., & Dunning, D. (1999). Unskilled and unaware of it: How difficulties in recognizing one’s own incompetence lead to inflated self-assessments. Journal of Personality and Social Psychology77(6), 1121–1134. https://doi.org/10.1037/0022-3514.77.6.1121
  • Krajc, M., y Ortmann, A. (2008). ¿Los no cualificados realmente son inconscientes? Una explicación alternativa. Journal of Economic Psychology , 29 (5), 724–738. https://doi.org/10.1016/j.joep.2007.12.006