Über das Altern legt sich ein Schatten, wenn das Licht der Neugier ausgeht

· 9. April 2017

Das wirkliche Altern tritt dann ein, wenn sich über unser Leben ein ganz bestimmter Schatten legt: der Schatten der Antriebslosigkeit und des Verlustes der Neugierde. Vielleicht erleben wir eines Tages diesen Moment, in dem uns klar wird, dass es unvermeidbar ist, älter zu werden, doch tatsächlich entscheiden wir selbst, ob unser Herz altert.

Aber abgesehen von unserer Einstellung gegenüber dem Lauf der Zeit wissen wir alle, dass das physische Altern nicht das schönste Erlebnis im Herbst des Lebens ist. Wir spüren unser Alter in unseren schmerzenden Knochen, in unseren Gelenken und manchmal auch in unserer Seele, wenn wir mit dem Verlust des Ehepartners oder eines anderen Familienmitgliedes klarkommen müssen. Hier angekommen zu sein, bedeutet zweifellos, eine andere Art von Kräften zu sammeln, auf die wir uns nach und nach gezwungenermaßen vorbereiten müssen.

„Zu wissen, wie man altert, ist das Meisterwerk der Weisheit und eines der schwierigsten Kapitel der Lebenskunst.“

Herman Melville

Helen Kivnick, Sozialpsychologin an der University of Michigan (Michigan, USA) und Expertin auf dem Gebiet, gesund zu altern, erklärt uns, dass das Altern heutzutage nicht mehr so sei wie früher. Wir würden in einer Gesellschaft leben, in der ältere Menschen mittlerweile einen großen Stellenwert innerhalb unserer Bevölkerungspyramide einnähmen. Diese „reifen Jugendlichen“ seien sehr aktiv, würden in ihrem Umfeld eine wichtige Rolle spielen und diese Phase ihres Lebens auskosten.

Man hört immer wieder, dass es ein wahres Meisterstück sei, zu altern, und auch wenn es viele auf die bestmögliche Art und Weise tun und uns wahrhaft inspirieren, gibt es trotzdem immer noch viele Menschen, die das Voranschreiten der Zeit einfach nicht akzeptieren wollen. Es kann auch gut sein, dass nicht jeder weiß, dass uns nichts schneller altern lässt als der ständige Gedanke daran, dass wir älter werden.

Der Schatten über dem Altern

Susan Sontag war lange Zeit die kritische Stimme des Gewissens der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Essayistin, Schriftstellerin, Kinoregisseurin und Drehbuchautorin zeigte jahrzehntelang ihr Gespür dafür, dass man das ans Licht bringen sollte, das im Schatten eines Landes versteckt ist. Nach ihrem Tod im Jahr 2004 veröffentlichten ihr Sohn und dessen Partnerin, die Fotografin Annie Leibovitz, eine Reihe eingehender Bilder aus einem Archiv, in dem Sontag zum Ausdruck brachte, dass sie es liebte, am Leben zu sein.

Sie selbst schrieb in einigen ihren Büchern darüber, dass die wirkliche Angst davor, zu altern, entsteht, wenn uns auffällt, dass wir nicht das Leben führen, das wir uns in Wahrheit wünschen. Genau dann macht sich dieser Schatten breit, wodurch uns bewusst wird, dass wir die Gegenwart nicht wirklich ausleben. Trotz dessen, dass uns Verhaltensforscher sagen, dass jede Generation mit dem Altern auf Grundlage des erlebten sozialen und ökonomischen Zusammenhangs anders umgehen würde, gäbe es dennoch eine Reihe von Ereignissen, die dieses nicht gerade harmonische und nicht zufriedenstellende Altern stütze.

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Die Wichtigkeit unserer psychosozialen Gesundheit

Die sogenannte Lebenszyklus-Therapie handelt vor allem von der Notwendigkeit, der psychosozialen Gesundheit des Menschen mehr Beachtung zu schenken, um ein würdevolles und glückliches Altern zu gewährleisten. Dieser Fokus ermöglicht uns zweifellos von dieser Unzufriedenheit, von der Susan Sontag sprach, Abstand zu nehmen, von diesem Gefühl, die eigene Jugend vergeudet zu haben und sich in der Gegenwart in seiner Haut überhaupt nicht wohlzufühlen. Dieses enorme Unbehagen kann dazu führen, dass sich die betroffene Person extrem isoliert und das kann sogar in einer Depression enden.

Psychosozialen Gesundheitsproblemen kann ganz unterschiedlich entgegengewirkt werden. Zum Beispiel in Form einer Kontrolle der Frustgefühle, einer Impulskontrolle, einer Verbesserung der Anpassungs- und Integrationsfähigkeit des Betroffenen in Bezug auf sein soziales Umfeld und angemessener Strategien, um den Umgang mit den Gefühlen zu verbessern.

„Wer sich die Fähigkeit bewahrt, das Schöne zu sehen, wird niemals alt werden.“

Franz Kafka

Diese Strategien sollten nicht nur als hin und wieder verwendbare Hilfsmittel angesehen werden, mit denen man bei älteren Menschen, die unter der Abschottung von der Außenwelt und der emotionalen Zerbrechlichkeit leiden, gegen diese Gefühle angehen kann, denn das sind Bereiche, an denen wir jeden Tag unseres Lebens in jeder Altersgruppe arbeiten sollten. Denn zu altern gleicht letztendlich einem Bergaufstieg: Früher oder später wird uns bewusst, dass uns die Kraft fehlt.

Doch nur wer mit einem klaren Verstand und einem weisen Herzen am Gipfel ankommt, hat den besten, freisten und entspanntesten Ausblick, um die schönen Dinge, die das Leben bereithält, zu entdecken.

Wie wir unser Herz immer jung halten

Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation stehe uns ein Wandel in der Altersstruktur der Bevölkerung bevor, der uns vor eine wahre Herausforderung stelle. Man schätzt, dass auf unserem Planeten im Jahr 2050 ungefähr 2 Milliarden erwachsener Menschen lebten. Die Lebenserwartung ist mittlerweile wesentlich höher und daher muss das gesamte Gesundheits- und Pflegewesen daran arbeiten, ein würdevolles und zufriedenstellendes Altern zu gewährleisten.

Nicht nur für unsere Gesundheitsbehörden ist das Altern eine Herausforderung, sondern es ist unsere ganz persönliche Herausforderung. Wir selbst müssen mit Hilfe angemessener psychologischer und emotionaler Hilfsmittel dieser neuen Phase unseres Lebens die Stirn bieten. Ein paar einfache Hilfsmittel hierfür sind:

  • Wir sollten verstehen, dass sich der Schatten dann über unser Altern legt, wenn wir aufhören, Neues zu erlernen, nicht mehr neugierig sind und mehr in der Vergangenheit als in der Zukunft leben. Das bringt nichts weiter als Unzufriedenheit mit sich.
  • Wir sollten uns jeden Tag vornehmen, ein Projekt in die Tat umzusetzen, ein Ziel zu erreichen oder einer zufriedenstellende Aufgabe nachzugehen.
  • Wir dürfen uns nicht daheim verkriechen: Wir sollten uns an unserem Sozialleben erfreuen, an unseren Freundschaften, Spaziergängen, Reisen, Lächeln, Tanzeinlagen, usw.

Koste demnach die Gegenwart in vollen Zügen aus, aber vergiss dabei niemals, auf deinen Körper und deinen eigenen Rhythmus zu hören. Denke immer daran, dass er der Takt dieser Musik ist, der in junggebliebenen Herzen immer zu hören ist.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Des Brophy