Tote Mädchen lügen nicht: Die Folgen von Mobbing

5. Mai 2019

Tote Mädchen lügen nicht  (Originaltitel 13 Reasons Why, zu Deutsch 13 Gründe, warum) war zweifellos eine der meistdiskutierten Fernsehserien des Jahres 2017. Netflix behandelte in dieser Serie ein sehr kontrovers diskutiertes Thema, was uns die Augen für die Folgen von Mobbing öffnen sollte.

Tote Mädchen lügen nicht  ist eine Fernsehserie, die sich mit Problemen von Jugendlichen an der Oberschule beschäftigt. Sie zeigt uns vor allem die bittere Seite des Mobbings auf, aus Sicht des Opfers.

Die TV-Show beginnt damit, dass uns einige Schließfächer an einer US-amerikanischen Highschool gezeigt werden, die mit Fotos und Abschiedsbriefen gefüllt sind. Zur gleichen Zeit hören wir Hannah Bakers Stimme, die uns mitteilt, dass sie uns ihre Lebensgeschichte erzählen werde. Wir stellen schnell fest, dass Hannah Selbstmord begangen hat und wir die Gründe erfahren werden, warum sie sich so entschieden hat.

Obwohl das Leben an der Highschool weitergeht, scheint niemand angemessen verarbeitet zu haben, was mit Hannah passiert ist.

Eine umstrittene TV-Serie

Bevor sie starb, beschloss Hannah, die Technologie des 21. Jahrhunderts zu ignorieren. Sie zeichnete die dreizehn Gründe, warum sie Selbstmord begangen hat, auf Kassetten auf. Jede dieser Kassetten ist einer Person gewidmet, die etwas getan hat, das zu ihrem Selbstmord geführt hat. Hannah stellte zudem sicher, dass diese Kassetten nach ihrem Tod die Täter erreichen würden. Sie müssten sich die Kassetten anhören und sie dann an den Nächsten weitergeben. Wir sehen, wie diese Bänder schließlich in Clay Jensens Hände geraten. Er ist ein schüchterner junger Mann, der Hannahs Freund war.

Die Serie ist so umstritten, weil sie über Mobbing und Selbstmord spricht. Viele psychiatrische Fachkräfte waren gegen die Ausstrahlung. Man warnt uns jedoch von Anfang an, dass das, was wir sehen werden, unangenehm sein könne. Die Serie ermutigt auch diejenigen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, Hilfe zu suchen. All diese Warnungen reichten jedoch nicht aus, um die Kritiker zum Schweigen zu bringen, die glaubten, dass die Serie tatsächlich zum Selbstmord auffordern könne.

Tote Mädchen lügen nicht  und Mobbing

Hannah Baker ist eine Jugendliche, die gerade mit ihrer Familie in eine neue Stadt gezogen ist. Sie fand eine neue Freundin namens Kat, doch diese zog nach kurzer Zeit weg. So muss Hannah neue Leute kennenlernen und neue Freunde finden.

Die Pubertät ist keine leichte Etappe. In diesem Lebensabschnitt erkennen wir Menschen, wie die Welt tatsächlich funktioniert. Wir sind keine Kinder mehr, aber auch keine Erwachsenen und unterliegen vielen Veränderungen. Während wir also darum kämpfen, unseren Platz in der Gesellschaft zu finden, ist unser Selbstwertgefühl von entscheidender Bedeutung.

Es scheint, dass sich während der Pubertät alles um Freunde, Kontakte und Anerkennung drehe. Zentraler Schauplatz ist dabei in der Regel die Schule, wo wir mit Menschen zu tun haben, versuchen, akzeptiert zu werden und herauszufinden, wer wir sind. Wie die meisten anderen Mädchen beginnt auch Hannah, sich für Jungen zu interessieren. Sie möchte außerdem Freunde finden und das Gefühl haben, dass sie an der neuen Schule dazugehört.

Hannah muss jedoch ernüchtert feststellen, dass sie keinen Anschluss findet, und die Einsamkeit beginnt, sich in ihr breitzumachen. Nach und nach wird das Gefühl der Verzweiflung und der Frustration sie zur Überzeugung bringen, dass es keine andere Wahl gäbe, als sich ihr Leben zu nehmen. Es ist nicht so, dass Hannah sich von den anderen Mädchen unterscheiden würde. Ihre Umstände und Schwierigkeiten kommen jedoch so geballt, dass ihr Leben zusammenbricht, als wäre es ein Kartenhaus.

Hannah Baker mit kurzen Haaren

Sexuelle Belästigung

Wenn du die Serie noch nicht gesehen hast und darüber nachdenkst, sie dir anzusehen, solltest du vielleicht nicht weiterlesen. Denn dieser Artikel verrät dir möglicherweise, was du noch nicht wissen möchtest.

Sind die Menschen, denen die Kassetten gewidmet sind, nun schuld an Hannah Bakers Tod? Die Wahrheit ist, dass wir uns beim Hören der Tonbänder fragen, ob Hannahs Gründe tatsächlich überzeugen. Hannah fühlte sich allein und isoliert und die Jungen bezeichneten sie aufgrund unterschiedlicher falscher Gerüchte als „leicht zu haben“. Was die Jungs als „leicht zu haben“ empfanden, verstanden die Mädchen jedoch als Bedrohung und psychische Belästigung.

Wir kommen auch nicht umhin, als zu denken, dass Gründe wie eine Liste der schönsten Mädchen oder schönsten Hintern nicht so ernst sein könne wie eine Vergewaltigung. Aber Hannah setzt all diese Gründe auf ihre Liste: von Missverständnissen über falsche Gerüchte bis hin zur Vergewaltigung. Die Serie bringt damit zum Ausdruck, dass die Folgen einer Reihe von Handlungen, von denen manche sicher schwerer wiegen als andere, für eine bestimmte Person in der Tat ein Problem sein können, egal wie die Gesellschaft sie generell einschätzt.

Hannah hatte eine wirklich schwierige Zeit und sie versuchte, ihren Platz in der Welt zu finden. Sie versuchte, sich an ihrer neuen Schule akzeptiert zu fühlen, aber sie konnte keine Chance des Glücks, die in ihrem Leben auftauchte, für sich nutzen.

Jungen auf dem Schulhof lachen, während sie auf ein Handy schauen

Tote Mädchen lügen nicht  und Selbstmord

Die Serie nennt, wie der Originaltitel 13 Reasons Why  vermuten lässt, die 13 Gründe, aus denen Hannah Baker Selbstmord begangen hat. Wir können jedoch alle ihre Gründe in einem Wort zusammenfassen: Depression. Diese Depression wurde durch Unsicherheit und Veränderungen verursacht, die sich Hannah völlig allein, benutzt und misshandelt fühlen ließen. Es war keine einzelne, besonders tiefe Wunde, sondern eine Reihe von Situationen, die sie zum Selbstmord führten. Sie alle zusammen beendeten Hannahs Leben.

Nach zahlreichen Angriffen auf ihr Selbstwertgefühl sowie nach Erniedrigung und psychischem Missbrauch erlebte Hannah, was den Ausschlag für sie gab, zu handeln: eine Vergewaltigung. Obwohl Hannah schon seit einiger Zeit versucht hatte, aus ihrer bodenlosen Grube herauszukommen, rutschte sie nun in eine noch schlimmere Situation.

Nach der Vergewaltigung beschloss Hannah, den Vertrauenslehrer um Hilfe zu bitten. Er konnte ihr jedoch keine wirkliche Lösung für ihr Problem geben. In diesem Moment verlor Hannah ihre letzte Hoffnung und traf die schreckliche Entscheidung, ihr Leben zu beenden.

Junge hält eine Kassette in seiner Hand

Für manche Menschen war Hannah Bakers Selbstmord eine Art Rache und deshalb war die Produktion auch so umstritten. Tatsächlich ist es so, wenn wir über die verdrehte Idee der Kassetten nachdenken, die sie den Schuldigen geschickt hat, ihre Tat von Rachsucht und Verbitterung motiviert erscheint.

Die Folgen von Mobbing

Dennoch ist die Idee, die die Serie vermitteln wollte, wohl nicht die der Rache. Vielmehr ging es darum, einzuklagen, dass Jugendliche mit den Konsequenzen ihrer Handlungen konfrontiert werden sollten. Außerdem zeigt Tote Mädchen lügen nicht, wie Mobbing und Hannahs Selbstmord sich auf viele verschiedene Charaktere auswirken, was das Bewusstsein für diese Probleme erhöhen kann.

In der ersten Folge sehen wir einige Mädchen, die neben Hannahs Schließfach Selfies machen, um ihr Mitgefühl in den sozialen Medien zu zeigen. Dieses stellt sich aber bald als Fälschung heraus. In der Serie sind Clay und Alex Standall die am meisten betroffenen Charaktere: Alex, aufgrund der Zuneigung, die er Hannah gegenüber empfand, und weil er sich machtlos fühlt. Clay hingegen ist Hannah sehr ähnlich. Er ist emotional instabil und kann die Schuld nicht ertragen, einer von denen zu sein, die für Hannahs Tod „verantwortlich“ sein sollen.

Nicht alle Personen, denen eine Kassette gewidmet wurde, sind „schlecht“. Einige leiden und tragen selbst innere Kämpfe aus. Das Problem ist, dass es vor allem in der Pubertät manchmal nicht so einfach ist, die Konsequenzen unserer Handlungen vorherzusehen. Wir sollten deshalb bereit sein, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn es unangenehm wird, und zurückzurudern, wenn es nötig ist.