Tod durch Ehrlichkeit: Es ist nicht immer die richtige Entscheidung, gnadenlos ehrlich zu sein

19 Februar, 2018

Im Laufe des Tages sagt jeder von uns Dinge, die wir nicht 100% ehrlich meinen. Und das wissen wir auch. Eine Lüge dient uns als Schutz vor dem, was passieren könnte. Wenn wir die Lage so deuten, dass etwas geschehen würde, das jemandem schaden könnte, dann verdrehen wir die Wahrheit gern zu unseren Gunsten. Auf diese Weise bewahren wir uns unser Selbstwertgefühl und befreien uns von möglichen negativen Konsequenzen.

Man sagt, dass Ehrlichkeit nicht bedeute, dass du alles aussprechen musst, was dir gerade so einfällt. Es heißt, niemals das Gegenteil von dem zu sagen, was du denkst.

Der Grund für einen Mangel an Ehrlichkeit ist jedoch nicht immer die Angst. Unser Mitgefühl für andere bringt uns dazu, dass wir uns manchmal für eine kleine Notlüge entscheiden. Diese Art der Lüge ist eher milderer Natur. Sie ist fast gänzlich unwichtig und bleibt einem nur kurz im Gedächtnis. Sie kommt uns ganz gelegen und kann sogar für alle Beteiligten vorteilhaft sein. Denn sie verhindert größere und unnötige Konflikte.

Wir versuchen hier nicht, das Lügen zu verteidigen. Wir möchten aber gern die Anregung geben, dass das Ehrlichsein um jeden Preis zu jeder Zeit mit jedermann auch nicht die klügste Idee ist. Außer wir legen es darauf an, dass wir in spannungsgeladene Situationen geraten.

Willst du ehrlich oder unhöflich sein?

Psychologen haben – mit einem zwinkernden Auge – den Terminus Tod durch Ehrlichkeit  geprägt, um das Verhalten einer Person mit den folgenden Eigenschaften zu beschreiben: Sie glaubt, dass sie aufrichtig und mutig sei und deshalb zu anderen todehrlich sein müsse. Sie verfügt über keinerlei Filter und vielleicht bitten die anderen sie in einer gegebenen Situation gar nicht um ihre Meinung. Und doch bringt sie sie zum Ausdruck. Immer. In aller Ehrlichkeit.

Tod durch Ehrlichkeit bezeichnet dabei den Mord, den man an sich selbst begeht. Weil man es mit der Wahrheit übertreibt.

Zeichnung eines Paares, das sich gerade mitten in einem Streit befindet.

Diese Übereifrigkeit mit der Wahrheit ist als unüberlegte und taktlose Handlung zu betrachten. Tod durch Ehrlichkeit führt schlussendlich zu Konflikten, wo immer er praktiziert wird. Man könnte ihn mit unhöflichem Verhalten in Verbindung bringen. Er ließe sich sicherlich auch als solches einstufen.

Damit du am Ende nicht zum Buhmann für alle wirst, wäre der ideale Ablauf so: Bevor du den Mund aufmachst, überlege genau, was du sagen willst. Schätze vorher ab, ob die Person, an die die Nachricht gerichtet ist, diese auch verdauen kann.

Ehrlichkeit ist nicht immer eine Tugend. Dagegen sollten gute Erziehung und Respekt für deine Mitmenschen immer an erster Stelle stehen. Und die können mit der Ehrlichkeit kollidieren. Dies trifft noch mehr auf Aussagen zu, die für niemanden nützlich oder interessant sind. Wenn man alles unmittelbar ausspricht, was einem in den Sinn kommt, ist das ein Zeichen sozialer Unreife. Man hält sich nicht an die Spielregeln.

Wem ist das noch nicht so ergangen? Jemand erzählt uns beiläufig, dass wir nicht die zum Anlass passende Kleidung tragen. Oder dass er den Ex-Partner mit jemandem Neuen gesehen habe. Eine Tugend, die wir wertschätzen könnten, ist die folgende Vorgehensweise: Wir finden im passenden Rahmen den richtigen Moment und wir wissen auch, wann wir uns besser zurückhalten. Es gibt Kommentare, die einfach überflüssig sind. Oder in anderen Umständen eher angebracht wären.

Ehrlich sein mit einer dünnen Schicht Zuckerguss über der Wahrheit

Wir haben alle ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren. Aber wir haben auch das Recht, dieser Wahrheit unsere persönlichen Grenzen entgegenzusetzen. Als erwachsene Menschen wäre es ideal, emotionale Stärke und Akzeptanz gegenüber den Widrigkeiten des Lebens zeigen. Von dieser gerechten Warte aus können wir auf die Wahrheit dann Taten folgen lassen.

Das Problem ist, dass die Wahrheit in bestimmten Situationen sehr schmerzlich sein kann. Nicht jeder Mensch kann sich sofort darauf einstellen, wenn er negative oder dramatische Neuigkeiten mitgeteilt bekommt.

Gezeichnetes Paar unterhält sich gut gelaunt.

Stell dir vor, dass dir eine schwere Krankheit attestiert wurde. Würdest du erfahren wollen, ob du an ihr sterben musst? Würdest du wollen, dass die Wahrheit im Verborgenen bleibt? Oder würdest du wissen wollen, wie viel Zeit du noch zur Verfügung hast? Auf welche Art und Weise würdest du diese schlechte Nachricht gern erhalten? Deine Antworten auf diese Fragen unterscheiden sich sicher von denen, die deine Mitmenschen geben würden.

Wie wir schon gesagt haben – eine Art von Eigentraining tut uns gut. Damit können wir jeder Tatsache ins Gesicht sehen, die das Leben an uns heranträgt. Es ist aber darum auch nicht weniger wahr, dass es besser sei, wenn man die Wahrheit mit etwas Zuckerguss überziehe. Das machen wir auch für andere Menschen, um die Wucht unserer Nachrichten etwas abzumildern.

Wenn wir in der Lage sind, Empathie für die andere Person zu zeigen, werden wir vorsichtig genug sein, um ihr nicht zu schaden. Wir werden die richtigen Worte finden. Solange wir nicht das genaue Gegenteil der Wahrheit erzählen.

Die Kunst der Ehrlichkeit

Ehrlich zu sein, ohne dass es zum Tod durch Ehrlichkeit kommt, ist eine Kunst. Dazu gehört, dass du dich an die Stelle des anderen versetzt. Dann weißt du auch, ob die Umstände passen, damit der andere die Wahrheit aufnehmen kann. Es ist darüber hinaus auch sehr wichtig, die geeigneten verbalen und nonverbalen Werkzeuge anzuwenden.

Der Psychologe Rafael Santandreu sagt, dass man immer die Wahrheit sagen sollte, um mit sich selbst im Reinen zu bleiben. Aber andere Experten sind damit nicht einverstanden. Sie meinen, wir sollten die Wahrheit, die wir bereits kennen, nicht für uns persönlich mit Zuckerguss übertünchen. Dann würden wir Opfer eines Selbstbetrugs. Es sei aber wichtig, Vorsicht walten zu lassen und zwischen dem Erzählen der Wahrheit und dem Verteilen von übermäßiger Kritik und Hiobsbotschaften zu unterscheiden.

Hier zwei Beispielsätze dazu: “Du hast mit deinem Patienten keine besonders gute Sitzung gehabt”  ist nicht dasselbe wie “Du bist ein grauenvoller Psychologe. Du solltest deinen Job für immer an den Nagel hängen”, nicht wahr?

Es ist auch nicht die beste Wahl, mit sich selbst den Tod durch Ehrlichkeit zu praktizieren. Wie für jeden anderen Lebensbereich gilt: Die Tugend liegt darin, den Punkt zu finden, an dem wir eine gesunde Balance erreichen.