Soziales Lernen nach Albert Bandura

6. Februar 2019

Wir kennen Albert Bandura als Vater des sozialen Lernens. Außerdem ist er einer der bekanntesten Psychologen aller Zeiten. Er war so einflussreich, dass ihm im Weißen Haus im Jahr 2016 eine Ehrenmedaille verliehen wurde.

In einer Zeit, in der der Behaviorismus die Psychologie des Lernens dominierte, ging Bandura einen Schritt weiter und formulierte seine Theorie des sozialen Lernens. Mit dieser Theorie haben die kognitiven und sozialen Prozesse, die das Lernen der Menschen regulieren, an Anerkennung gewonnen. Anders als beim Behaviorismus ging es Bandura nicht nur um Stimuli und Reizreaktionen, die sich auf das Verhalten auswirken.

„Die Person ist keine Marionette mehr von Umweltereignissen. Sie ist vielmehr in der Lage, Prozesse wie Aufmerksamkeit oder Denken einzusetzen, um zu lernen.“

Albert Bandura

Trotzdem erkannte Bandura die Rolle der Konditionierung durch unsere Umgebung an. Er wusste auch, dass dies ein wichtiger Teil des Lernens ist. Darüber hinaus war er jedoch überzeugt, dass dieser nicht der einzige wichtige Faktor ist. Nach Meinung von Bandura sei Verstärkung nur für die Durchführung notwendig, nicht für das Lernen selbst.

Wir müssen unser Inneres berücksichtigen, wenn wir ein neues Verhalten in unsere Datenbank aufnehmen wollen oder Verhaltensweisen ausführen, die wir bereits einprogrammiert haben, die wir jedoch bisher nicht ausführen konnten. Viele unserer derzeitigen Verhaltensweisen beruhen zudem auf dem Nachahmen oder dem indirekten Lernen an Modellen, die nur bedingt relevant für uns sind.

„Wer hat nicht gelernt, bei einem Gespräch die gleichen Gesten wie ein Elternteil einzusetzen oder Angst zu überwinden, als er gesehen hat, dass sein bester Freund zu etwas in der Lage war?“

Albert BanduraAlbert Bandura vor einer Tafel stehend

Die Bedeutung des sozialen Lernens

Laut Bandura gebe es drei Komponenten, die in Bezug auf das Lernen wechselseitig interagieren. In ihrer Gesamtheit werden sie als reziproker Determinismus oder als triadische Reziprozität bezeichnet. Diese drei Komponenten sind die Person oder das Subjekt, die Umgebung und das Verhalten. Triadische Reziprozität heißt so viel wie, die Umgebung beeinflusst das Subjekt und sein Verhalten. Aber das Subjekt beeinflusst durch sein Verhalten auch die Umwelt und das Verhalten des Subjekts wirkt sich sowohl auf die Umgebung als auch auf das Subjekt selbst aus.

Menschen lernen durch die Beobachtung anderer Menschen in ihrer Umgebung. Sie lernen nicht nur durch Verstärkung oder Bestrafung, wie manche Verhaltensforscher sagen. Das bloße Beobachten anderer führt zu bestimmten Lerneffekten in unserem Gehirn, ohne dass es einer direkten Verstärkung oder Bestrafung bedürfe.

Wir können diese Effekte in Banduras berühmtem Bobo-Puppenexperiment beobachten. Bandura führte dieses Experiment mit Kindern zwischen drei und fünf Jahren durch. Er teilte diese Kinder in drei Gruppen ein: Der einen Gruppe wurde ein Film gezeigt, in der jemand für sein aggressives Verhalten belohnt wurde. Die zweite Gruppe sah einen Film, in dem jemand für sein aggressives Verhalten getadelt wurde. Die letzte Gruppe sah einen Film, in der es keine Konsequenzen für die Person gab, die sich aggressiv verhielt. Die Kinder aus der ersten Gruppe tendierten dazu, gegenüber einer Puppe eher aggressiv zu sein. In der zweiten Gruppe vermieden die Kinder aggressives Verhalten gegenüber der Puppe. Die letzte Gruppe verhielt sich ähnlich wie die zweite Gruppe.

Dieses Experiment ermöglicht uns, zu verstehen, warum sich manche Menschen so verhalten, wie sie es tun. Zum Beispiel mag das schwierige Verhalten einiger Teenager, die unangemessene Verhaltensweisen in der eigenen Familie beobachtet haben, der Grund für ihr jetziges Verhalten sein. Ihre Umgebung hat sie gelehrt, ihre Referenzmodelle nachzuahmen, und sie haben deren Handlungen in ihre eigenen integriert.

Was beeinflusst indirektes Lernen?

Laut Bandura gebe es zusätzlich zu den drei oben genannten Grundkomponenten eine Reihe von Prozessen, die erforderlich seien, um durch Beobachtung zu lernen:

  • Beachtung. Beobachtung ist grundlegend. In diesem Prozess können Variablen wie Intensität des Stimulus, Relevanz, Größe, Neuheit oder Frequenz Einfluss nehmen. Weitere wichtige Variablen sind eng mit dem ausführenden Modell, also der Person, die das Verhalten zeigt, verknüpft. Dazu gehören Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Alter und Bedeutung, die dem Modell vom Beobachter zugeschrieben werden. Diese können alle Einfluss auf die Aufmerksamkeit des Beobachters nehmen. In Bezug auf die Variablen der Situation haben die Forscher festgestellt, dass die schwierigsten Aufgaben nicht problemlos kopiert werden können, während bei einfacheren Aufgaben die Aufmerksamkeit schnell schwindet.
  • Speichern und Erinnerung. Dies ist ein Prozess, der das Gedächtnis fordert. Dadurch kann der Beobachter das Verhalten auch dann durchführen, wenn das Modell nicht mehr zur Verfügung steht. Die Assoziation des Wahrgenommenen mit zuvor bekannten Elementen sowie die Überprüfung des Gelernten können dazu beitragen, die Speicherfähigkeit zu erhöhen.
  • Initiierung und Motor. Diese Termini bezeichnen den Übergang vom Wissen über Bilder, Symbole oder abstrakte Regeln zu konkreten und beobachtbaren Verhaltensweisen. Dazu muss der Beobachter über wesentliche Fähigkeiten verfügen, um das Verhalten auszuführen. Der Beobachter muss die grundlegenden Komponenten des Verhaltens bereits in seinem Verhaltensrepertoire haben.
  • Motivation. Dies ist ein weiterer wichtiger Prozess für die Ausführung des erlernten Verhaltens. Der Eigenwert des Verhaltens kann bedingen, dass jemand es ausführt oder nicht. Der Wert hängt von direkten, stellvertretenden, selbst produzierten oder intrinsischen Anreizen ab.
Eine Mutter und ein Kind stehen vor einem Spiegel und putzen sich die Zähne.

Welche Auswirkungen hat das Lernen durch Beobachtung?

Es gibt drei verschiedene Arten von Auswirkungen, die beim Beobachten des Verhaltens eines Modells auftreten können. Sie sind der Akquisitionseffekt, der hemmende oder enthemmende Effekt und die Förderung.

  • Auswirkung des Erwerbs neuer Verhaltensweisen. Das Subjekt erwirbt neue Fähigkeiten und Verhaltensweisen durch Nachahmung und Kenntnis jener Regeln, die notwendig sind, um diese zu vervollständigen. Das Subjekt entwickelt zudem Verhaltensweisen, die dem beobachteten Verhalten ähneln. Erworbene Verhaltensweisen sind nicht nur motorische Fähigkeiten, sondern auch emotionale Reaktionen.
  • Hemmende und enthemmende Wirkung. Wenn neue Verhaltensweisen gewonnen wurden, fördert dies die Enthemmung oder Hemmung bestehender Verhaltensweisen durch Motivationsänderungen. In dieser Variablen kommt die Wahrnehmung der Kapazität des Subjekts zum Tragen.
  • Förderungseffekt. Schließlich bezieht sich dieser Effekt auf die Leichtigkeit, die das beobachtende Lernen bietet, um vorhandene Verhaltensweisen auszuführen, die nicht unterdrückt werden.

Wir haben viele unserer Verhaltensweisen durch Nachahmung erworben. Die Genetik spielt zwar eine wichtige Rolle für unser Handeln, aber die Modelle und die Umgebung, die uns umgeben, beeinflussen uns ebenfalls. Die Eigenschaft, schüchtern zu sein, langsamer oder schneller zu sprechen, unsere Gesten, eine mehr oder weniger ausgeprägte Neigung zur Aggressivität und verschiedene Arten von Phobien können durch das Nachahmen von Modellen erlernt werden.

Die Theorie des sozialen Lernens von Bandura hat nicht nur dazu beigetragen, zu verstehen, warum sich Menschen auf eine bestimmte Weise verhalten. Diese Theorie geht auch auf Verhaltensweisen ein, die als unangemessen angesehen werden und durch das Nachahmen von neuen Modellen dennoch entstehen.