Seriensucht, eine neue (und lukrative) Lebensart

Für nicht wenige Menschen sind Serienmarathons zu einer Lebensweise geworden.
Seriensucht, eine neue (und lukrative) Lebensart

Letzte Aktualisierung: 11. Juli 2021

Auf der Suche nach abendlicher Unterhaltung stöberst du in einem Streaming-Service und findest eine interessante Fernsehserie. Du siehst dir ein Kapitel an und kannst nicht mehr davon ablassen. Plötzlich stellst du fest, dass es schon sehr spät ist, aber du möchtest unbedingt das Ende der Staffel sehen. Seriensucht oder Binge Watching ist ein immer häufiger auftretendes Phänomen, das ernste Folgen haben kann.

Die Filmindustrie weiß dieses Phänomen zu nutzen: Das Streming-Geschäft ist lukrativ und erfolgreich. Marktführer wie Netflix, HBO, Amazon und Disney erfreuen sich an der zunehmenden Anzahl an Abonnenten, die Serien vermehrt in ihr Leben integrieren. Sie dienen als Grundlage für tägliche Gespräche und prägen das Leben von Paaren, Familien und Freunden. Außerdem vermitteln sie einsamen Menschen das Gefühl, eine Ersatzfamilie zu haben, die immer präsent ist.

Doch wie wirkt sich die Seriensucht auf unsere Psyche aus? Wir gehen in unserem heutigen Artikel dieser Frage nach. Lies weiter!

Ich hasse das Fernsehen auf die gleiche Weise, wie ich Erdnüsse hasse. Aber ich kann nicht aufhören, Erdnüsse zu essen.

Orson Wells

Seriensucht, eine neue (und lukrative) Lebensart

Seriensucht oder moderner Lebensstil?

Als die Serie “Lady´s Gambit” die halbe Welt begeisterte, stieg das Interesse am Schachstiel deutlich an. In vielen Geschäften waren Schachspiele sogar ausverkauft. Zu Weihnachten war Baby Yoda aus der Serie “The Mandalorian” ein viel begehrtes Geschenk. Vielleicht hast du auch die Streaming-Serie “The Bridgertons” an einem Wochenende bis zum letzten Kapitel der Staffel gesehen? Kluge Produzenten erfreuen Seriensüchtige mit immer neuen Geschichten, Charakteren und Staffeln.

Das Geschäftsmodell der Serien steht erst am Beginn seiner Blütezeit. Die Auswirkungen der endlosen Serienmarathons können jedoch ernst sein. Wir werden diese nachfolgend eindrücklicher betrachten.

Unsere Freizeitunterhaltung hat sich verändert

Disney setzte sich bereits 2019 zum Ziel, bis zum Jahr 2024 zwischen 60 und 90 Millionen Abonnenten zu gewinnen und alles deutet darauf hin, dass dies tatsächlich zutreffen wird. Mit Produktionen wie “The Mandalorian” und vor allem mit dem Animationsfilm “Soul” haben wir entdeckt, dass es nicht nötig ist, ins Kino zu gehen. Inzwischen ist es selbstverständlich, dass die Unterhaltung zu Hause stattfindet. 

Netflix erzielte mit seinen Serien beispielsweise mehr als 40 Golden-Globe-Nominierungen und konnte auch einen Oscar gewinnen. Die Industrie weiß, dass der kleine Bildschirm, ob auf dem Fernseher, Computer, Tablet oder Handy, alles hat, was wir brauchen, um alleine oder in Gesellschaft eine unterhaltsame Zeit zu genießen. Kinosäle stehen nicht mehr an erster Stelle.

Seriensucht oder Binge Watching

Mehrere Stunden am Stück sind nicht selten: Der abendliche Serienmarathon oder Binge Watching, wie dieses Phänomen auch genannt wird, zählt immer häufiger zu den Freizeitbeschäftigungen vieler Menschen. Eine ganze Staffel an einem Wochenende, Glotzen bis spät in die Nacht… es fällt vielen unheimlich schwer, sich zu kontrollieren und Grenzen zu setzen. 

Eine Studie der Universität Luxemburg aus dem Jahr 2017 sowie andere Untersuchungen weisen auf die Gefahren dieses Suchtverhaltens hin. Es muss sich nicht unbedingt um eine Sucht handeln, doch um eine Gewohnheit, die aus verschiedenen Gründen einen Großteil der Freizeit vieler Menschen füllt:

  • Serien helfen vielen Menschen, Stress und Angst im Alltag abzubauen.
  • Viele bauen eine emotionale Beziehung zu den Darstellern auf und identifizieren sich mit ihnen und ihrer Geschichte.
  • Das Suchtverhalten entsteht vorwiegend durch den erhöhten Dopaminspiegel, da das Gehirn das Serienschauen als befriedigend betrachtet. Es möchte schließlich immer mehr, um diese Genugtuung zu empfinden. 
  • Außerdem wirkt dieses Verhalten ansteckend. Andere empfehlen Serien, die ihnen gefallen haben, sie werden zum Gesprächsthema und schließlich verspüren wir auch selbst das Bedürfnis uns die Serie anzusehen.
Seriensucht, eine neue (und lukrative) Lebensart

Rivalität zwischen Plattformen und Verbraucherdruck

Der Markt für audiovisuelle Unterhaltung per Streaming befindet sich derzeit in einem Krieg der Titanen. Das Ziel ist, Abonnenten zu gewinnen und sich als absoluter Marktführer zu positionieren. Das ist an sich schon ein Problem für die Konsumenten, denn inmitten dieser Schlacht der Titel und Produktionen sind sie gezwungen, sich je nach Budget für eine oder mehrere Plattformen zu entscheiden.

Wer alle Plattformen möchte, ist gezwungen, jeden Monat einen nicht unerheblichen Betrag zu zahlen. In den USA gibt es über 300 Streaming-Dienste und in den nächsten Monaten und Jahren werden vermutlich weitere dazukommen.

Vor einigen Jahrzehnten war das Radio in den meisten Haushalten der tägliche Begleiter, später wurde der Fernseher zum Hauptdarsteller. Inzwischen haben Internet, Smart-TVs und verschiedene Endgeräte wie Computer, Tablet und Handy  unseren Alltag komplett verändert. Dabei ist jedoch nicht zu vergessen, dass diese Geräte Suchtverhalten begünstigenIn vielen Fällen handelt es sich um einen Fluchtmechanismus, der uns emotionale Befriedigung ermöglicht. Selbstkontrolle ist deshalb grundlegend, denn es sollte sich um eine Unterhaltungsform, jedoch nicht um einen Lebensstil handeln.

Verbringe nicht jedes Wochenende damit, Geschichten anderer bei einem Serienmarathon zu erleben. Lebe deine eigene Realität und deine eigenen Abenteuer!

Es könnte dich interessieren ...
Green Book: ein Film über Rassismus und Freundschaft
Gedankenwelt
Lies auch diesen Artikel bei Gedankenwelt
Green Book: ein Film über Rassismus und Freundschaft

Der Oscar ging 2019 an Green Book für den besten Film. Diese Auszeichnung wurde von vielen bereits erwartet: Green Book war Sieger in der Topkatego...



  • Flayelle, M., Maurage, P., & Billieux, J. (2017). Toward a qualitative understanding of binge-watching behaviors: A focus group approach. Journal of behavioral addictions6(4), 457–471. https://doi.org/10.1556/2006.6.2017.060