Intrigen, Verrat und Machtspiele: Warum machen Serien süchtig?

Serien stehen jederzeit zur Verfügung, die "Ersatzfamilie" ist immer da. Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit wird auch dann erfüllt, wenn Freunde oder Familie nicht gegenwärtig sind.
Intrigen, Verrat und Machtspiele: Warum machen Serien süchtig?

Letzte Aktualisierung: 03. Juli 2021

Regisseure wissen, dass hinterhältige und heimtückische Machenschaften in Serien besonders beliebt sind und Zuschauer abhängig machen. In Polizeiserien, Thrillern oder romantischen Serien wecken sie mit Intrigen die Neugier des Publikums und machen viele zu Serien-Junkies. Doch warum sind Intrigen so interessant und warum machen uns Serien süchtig?

Intrigenreiche Machtspiele in Serien

Intrigen wecken bereits im ersten Kapitel der Serie das Interesse der Zuschauer. Diese haben das Bedürfnis, das Leben und die Machenschaften der Hauptdarsteller bis zum Ende zu beobachten und zu erfahren, wie die Serie endet.

Die Zuschauer tauchen in eine andere Realität ein und lassen die eigene zurück. Sie nehmen am Leben einer “Ersatzfamilie” teil, sind sich jedoch trotzdem bewusst, dass es sich um Fiktion handelt und sie selbst nur Beobachter der Sorgen anderer sind. Einsame oder deprimierte Menschen sind gefährdeter, mit endlosen Serienmarathons aus ihrer eigenen Realität zu flüchten und damit die fehlende soziale Unterstützung auszugleichen.

Eine gut in Gang gebrachte Intrige eröffnet die Möglichkeit, einen Gegner selbst dann noch zu beseitigen, nachdem alle anderen Manipulationsversuche gescheitert sind.

Gloria Beck

Intrigen, Verrat und Machtspiele: Warum machen Serien so süchtig?

Warum sind intrigenreiche Serien so beliebt?

Streaming-Portale bieten eine große Auswahl an Serien für jeden Geschmack, doch die Gefahr süchtig zu werden, ist besonders groß, da die Serien auf Abruf bereitstehen. Viele ziehen sich am Wochenende bei einem Serienmarathon von der Außenwelt zurück, was in Extremfällen als “Binge Watching” bezeichnet wird.

Sie sehen sich gleich eine ganze Serienstaffel an. Manche “opfern” ihre Zeit bis ins Morgengrauen, da sie einen unwiderstehlichen Drang empfinden, alle Kapitel bis zum Ende anzusehen. Doch warum ist das so?

  • Fernsehserien zeigen uns das intensive, abenteuerliche und intrigenreiche Leben der Hauptdarsteller, das sich sehr von unserer eigenen Realität unterscheidet. Die Zuschauer spüren den Drang, die spannende Geschichte bis zum Ende zu sehen. Sie haben meist nur eine sehr gering ausgeprägte Selbstkontrolle.
  • Die Drehbuchautoren wissen es, uns emotional mit den Hauptdarstellern zu verbinden. Wir schlüpfen in die Rolle des Detektiven oder der Polizistin und hoffen, dass alles gut zu Ende geht. Der Psychologe Daniel Goleman erklärt, dass wir uns mit dem Hauptdarsteller identifizieren und Genugtuung erfahren, wenn die Serie glücklich endet.
  • Nach einem langweiligen Tag im Büro, nach der sich ständig wiederholenden Routine, wird unser limbisches System durch Staunen, Spannung und Motivation stimuliert. Intrigen und Machtspiele lassen uns miteifern und machen uns nervös, doch wir wissen gleichzeitig, dass wir selbst sicher sind. Diese Emotionen erfahren wir jedoch auch in anderer Art in unserem täglichen Leben. Der Psychologe Rafael Bisquerra weist darauf hin, dass sie typisch für uns Menschen und immer präsent sind.
  • Am Ende der Serie empfinden wir Genugtuung und Zufriedenheit, wenn die Hauptdarsteller die Machenschaften erfolgreich meistern und das Gute über das Böse siegt. Der Regisseur spielt ständig mit der Psychologie der Charaktere und versucht, sein Publikum bis zur letzten Sekunde zu fesseln.
Intrigen, Verrat und Machtspiele: Warum machen Serien so süchtig?

Der rote Faden

Viele Serien präsentieren verschiedene Geschichten, die parallel verlaufen, bis sich die Hauptdarsteller auf ihrem Weg treffen. Ein armes und ein reiches Viertel, zwei Städte, die viele Kilometer voneinander entfernt sind, die Geschichte zweier Menschen, die sich (noch) nicht kennen… Der Zuschauer erlebt auf seiner Reise durch die verschiedenen Kapitel eine spannende Lebensgeschichte. Sie fesselt seine Aufmerksamkeit und wirft Fragen auf, auf die er Antworten sucht.

Intrigenreiche Serien beginnen in der Regel zunächst mit einem Ereignis, das das Leben der Charaktere verändert und sie auf die Probe stellt. Im Anschluss daran kommt es tendenziell zu Entscheidungen und Konsequenzen, die neue Situationen generieren. Der Betrachter empfindet unweigerlich Empathie, Traurigkeit, Wohlbefinden, Anspannung, Bitterkeit oder Freude.

Die Psychotherapeutin Ana Livier Govea bemerkt, dass Thriller das Viadukt sind, um starke Emotionen der Intrigen, des Mysteriums und der Gefahr zu provozieren, ohne die Spannung zu vergessen, die in jedem Kapitel erreicht wird und die uns so sehr beunruhigt, dass wir unbedingt das nächste Kapitel sehen möchten.

Geschickt erreichen es die Produzenten dieser Serien, unser Bedürfnis zu wecken, die gesamte Serie zu sehen, um Befriedigung zu erreichen und wieder aufatmen zu können. Manche Menschen suchen nach Zugehörigkeit, die sie durch Lebenssituationen des Hauptdarstellers erreichen, die ihren eigenen ähnlich ist. Andere wiederum empfinden ein befriedigendes Gefühl, wenn sie in Serien sehen, dass es anderen schlechter als ihnen selbst geht. In beiden Fällen fällt das Abschalten von dieser fiktiven Lebenswelt schwer.

Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit wird auch dann erfüllt, wenn Freunde oder Familie nicht gegenwärtig sind. Die Serien stehen jederzeit zur Verfügung, die “Ersatzfamilie” ist immer da. 

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