Selbstzerstörerische Anpassung und die Normalisierung von Schmerz

Wie viele Menschen üben jahrelang einen Job aus, in dem ihre Rechte mit Füßen getreten werden? Vielleicht werden sie sogar gemobbt, doch trotzdem machen sie weiter. Woran liegt das?
Selbstzerstörerische Anpassung und die Normalisierung von Schmerz

Letzte Aktualisierung: 22. Juli 2021

Wenn du dich an einem Dorn stichst, verspürst du Schmerzen. Doch was passiert, wenn du ihn nicht entfernst? Du weißt, dass er noch da ist, doch die Schmerzen sind jetzt anders. Es macht dir nichts aus, noch zu warten, bevor du den Dorn entfernst. Dieses Beispiel erklärt, was selbstzerstörerische Anpassung bedeutet.

Wir Menschen sind fähig, Schmerz und Leid zu normalisieren, was unter anderem auch im beruflichen Umfeld immer wieder deutlich wird: Wie viele Menschen üben jahrelang einen Job aus, in dem ihre Rechte mit Füßen getreten werden? Vielleicht werden sie sogar gemobbt, doch trotzdem kündigen sie nicht.

Die selbstzerstörerische Anpassung geht jedoch oft noch viel weiter. Betroffene akzeptieren, dass es “so ist, wie es ist”, auch wenn die Situation unerträglich wird. Sie passen sich an, ohne die psychologischen Auswirkungen zu erkennen. Es lohnt sich, über dieses Phänomen Bescheid zu wissen, um solche Situationen bei sich selbst oder anderen zu verhindern.

Wir finden Tröstungen, wir finden Betäubungen, wir lernen Kunstfertigkeiten, mit denen wir uns täuschen. Das Wesentliche aber, den Weg der Wege finden wir nicht.

Hermann Hesse, Siddhartha

Selbstzerstörerische Anpassung bedeutet, das zu normalisieren, was einem weh tut

Selbstzerstörerische Anpassung und die Normalisierung von Schmerz

Die Psychologie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesem Phänomen. Aus der Sicht eines Außenstehenden ist es in den meisten Fällen unerklärlich, doch die betroffene Person erhält durch ihr Verhalten auch etwas zurück. Es ist ähnlich wie bei einer Droge: Obwohl alle wissen, dass Alkohol oder andere Drogen schädlich sind, erzielen sie eine spezifische Wirkung, die in diesem Augenblick wohltuend erscheint. In Wahrheit sind Suchtmittel jedoch selbstzerstörerisch. Dies ist auch bei Selbstverletzungen der Fall, die körperlichen Schmerz als Ventil für emotionale Schwierigkeiten verwenden.

Von außen ist es unerklärlich, warum eine Person in einer unglücklichen Beziehung verweilt. Warum lässt sie sich betrügen und ausnutzen? Warum arbeitet jemand jahrelang in einem Job, den er hasst?

Die selbstzerstörerische Persönlichkeit

Um diese Situation zu verstehen, müssen wir die menschliche Persönlichkeit betrachten. Theodore Millon, ein wegweisender Psychologe der Persönlichkeitsforschung, hat sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt und kam zu folgenden Schlüssen:

  • Die selbstzerstörerische Persönlichkeit sucht immer wieder die gleiche Art schädlicher Beziehungen.
  • Sie fühlt sich zu Menschen hingezogen, die sie täuschen und enttäuschen. Dies geschieht auf einer freiwilligen Basis.
  • Außerdem normalisiert sie den Missbrauch, da ihre Beziehungen in eine absolute Abhängigkeit führen.

Für Theodore Millon war die selbstzerstörerische Anpassung oft ein Merkmal einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Die masochistische Persönlichkeit

Neben der selbstzerstörerischen Persönlichkeit gibt es noch eine weitere Art: die masochistische Persönlichkeit. In einer Studie, die von Dr. Otto Kernberg durchgeführt wurde, definierte er einige ihrer Merkmale:

  • Diese Menschen werten sich ständig ab.
  • Sie nehmen selten Rücksicht auf ihre Bedürfnisse.
  • Sie suchen keine Beteiligung an angenehmen Aktivitäten.
  • Außerdem opfern sie sich bis zum Äußersten auf, um anderen zu helfen.
  • Sie neigen dazu, Schmerz- und Leidenserfahrungen zu normalisieren (und suchen diese).
  • Schließlich lehnen sie auch die Hilfe anderer ab. Sie ziehen sich zurück, wenn sie respektvoll behandelt werden. 

Wenn eine Person nur Schmerz kennt

Zu sehen, wie jemand Schmerzen bis zu ungeahnten Grenzen erträgt, bringt viele Menschen in ihrer Umgebung immer wieder aus der Fassung. Allerdings müssen sie die Situation verstehen, bevor sie ein Urteil fällen.

Stelle dir eine Person vor, die in ihrer Kindheit physisch und psychisch missbraucht wurde. Sie hat bereits in früher Kindheit gelernt, dass Liebe mit Demütigung einhergeht. Sie denkt daher, dass jeder, der sie liebt, sie verletzen wird. Dies erklärt, warum manche Menschen Schmerz ertragen und nicht davor zurückschrecken.

Die selbstzerstörerische Persönlichkeit sucht immer wieder die gleichen Arten von schädlichen Beziehungen

Selbstzerstörerische Anpassung und die Angst vor Veränderungen

„Wer wird mich jemals lieben, wenn ich diese Beziehung verlasse?“ „Was mache ich, wenn ich meinen Job kündige? Da draußen gibt es keine Möglichkeiten für mich“. Der Widerstand gegen Veränderungen kann pathologisch verwurzelt sein. Veränderungen erzeugen Angst und außerdem normalisiert die selbstzerstörerische Anpassung Demütigung und Schmerz. Es gibt keine andere Möglichkeit im Leben der betroffenen Menschen. In dieser Situation ist deshalb ein unterstützendes Netzwerk besonders wichtig.

Es ist nicht einfach, diese Situation zurückzulassen, denn dies erfordert ein gesundes Selbstwertgefühl. Es ist nötig, Distanz aufzubauen, um sich selbst von außen zu betrachten und sich über die Situation bewusst zu werden. Betroffene benötigen Hilfe, auch wenn sie selbst Entscheidungen treffen müssen. Sie müssen sich darüber klar werden, dass sie das Unerträgliche nicht tolerieren müssen, dass sie Besseres verdient haben.

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  • Millon, T. (1995) Disorders of personality: DSM-IV and beyond. Nueva York: Wiley.
  • Ghent, E. (1990) Masochism, submission, surrender – Masochism as a perversion of surrender. Contemporary Psychoanalysis; 26: 108-136