Selbstdiagnose in der psychischen Gesundheit, eine wachsende Realität

Die Selbstdiagnose ist ein Phänomen, das in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Warum passiert das, was sind die Folgen und welche Maßnahmen können wir ergreifen, um zu verhindern, dass sich immer mehr Menschen selbst diagnostizieren, anstatt fachärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen?
Selbstdiagnose in der psychischen Gesundheit, eine wachsende Realität
Sara González Juárez

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Sara González Juárez.

Letzte Aktualisierung: 24. September 2022

Wir alle wissen, dass bei körperlichen oder psychischen Symptomen der erste Schritt zum Arzt führen sollte. Die Selbstdiagnose im Bereich der psychischen Gesundheit ist jedoch eine zunehmend verbreitete Realität. Immer mehr Menschen verzichten auf eine fachärztliche Diagnose.

Ein Großteil dieses Phänomens findet im virtuellen Raum der sozialen Medien statt. TikTok und Instagram haben die meisten Zugriffe, aber auch auf allen anderen sozialen Plattformen gibt es eine große Menge an Posts zur psychischen Gesundheit. Es ist einfach, sich über Symptome und Behandlungen zu informieren und sich von verantwortungslosen Menschen beeinflussen zu lassen.

Wir sprechen heute über die psychosozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Faktoren, die vermehrt zur Selbstdiagnose führen.

Frau entscheidet sich für Selbstdiagnose
Nicht alles, was in sozialen Netzwerken über psychische Gesundheit veröffentlicht wird, ist wahr. Es handelt sich in den meisten Fällen nicht um Expertenwissen.

Selbstdiagnose im Bereich der psychischen Gesundheit

Wie bereits erwähnt, wird diese Tendenz vorwiegend von sozialen Netzwerken genährt. Seit Jahren setzen sich viele für die Entstigmatisierung und Normalisierung psychischer Erkrankungen ein. Dabei leistet die Verfügbarkeit von Informationen in einer verständlichen Sprache einen wichtigen Beitrag. Auch das Engagement der Fachkräfte ist grundlegend, um den Betroffenen dabei zu helfen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und neu zu gestalten.

In sozialen Netzwerken wird eine Vielzahl von Informationen verbreitet. Die Quellen, die Zuverlässigkeit und die scheinbare Zufälligkeit in den Suchergebnissen sind jedoch fraglich und irreführend. Dies führt uns zu Influencern, YouTubern und der Verantwortung über die verbreitete Botschaft. In diesem Zusammenhang dürfen wir nicht vergessen, dass vorwiegend Jugendliche die Tendenz zur Selbstdiagnose zeigen.

Wir sprechen also von Personen in einer verletzlichen Phase, denen es an Erfahrung mangelt. Die scheinbare Einfachheit der verbreiteten Inhalte lädt dazu ein, sich mit verschiedenen Krankheitsbildern zu identifizieren, ohne eine fachärztliche Diagnose in Anspruch zu nehmen. Viele (nicht nur Jugendliche) verwechseln professionelle Autorität mit Beliebtheit. Wenn ein TikToker Tausende von Followern hat, “muss es dafür einen Grund geben”. Erfolg bedeutet in sozialen Netzwerken allerdings, aufmerksamkeitsstarke Inhalte zu verbreiten. Es geht nicht darum, ob diese tatsächlich wahrheitsgetreu sind oder nicht.

Soziale Netzwerke und Selbstbestätigung

Ein Teil des Kampfes gegen die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen besteht darin, die Neurodivergenz in die Identität der Person zu integrieren, damit kein Schmerz, keine Scham oder Diskriminierung verursacht wird. Dabei geht es darum, Unterschiede mit Stolz zu tragen und Informationen zu verbreiten, um das Zusammenleben mit neurotypischen Menschen zu verbessern.

Die Schattenseite ist, dass Menschen anhand der verbreiteten Informationen Krankheiten wie ADHS, Autismus oder sogar Bipolarität selbst diagnostizieren. Sie nehmen diese psychischen Krankheiten an und beanspruchen sie als persönliche Titel, ohne sich einer offiziellen Diagnose und Behandlung zu unterziehen.

Die Unbestimmtheit der in den Netzwerken beschriebenen Symptome bedeutet, dass sich viele Menschen mit diesen identifizieren können, was die Selbstdiagnose begünstigt.

Die zwei Seiten der Medaille im Kampf um die psychische Gesundheit

Die zunehmende Tendenz zur Selbstdiagnose in der psychischen Gesundheit ist besorgniserregend und muss korrigiert werden. Dieser Trend basiert auf mangelnder Selbstverantwortung, Entfremdung und Fehlinformationen. Gleichzeitig macht dieser Trend jedoch auf die andere Seite der Medaille aufmerksam: die Vernachlässigung der psychischen Gesundheit durch Institutionen und Regierungen.

In den Vereinigten Staaten, wo die Gesundheit von den persönlichen Finanzen und der Versicherung abhängt, ist die Selbstdiagnose sogar noch weiter verbreitet. Aufgrund der enormen Schwierigkeiten, sich Behandlung und Tests zu leisten, haben sich viele Menschen zusammengeschlossen, um auf diese Weise zu überleben. Erfahrungen werden ausgetauscht, ebenso wie wissenschaftliche Informationen und Strategien zur Verbesserung der Lebensqualität. Die fachärztliche Diagnose geht dabei verloren.

Dieser Trend gewinnt in vielen anderen Teilen der Welt an Fahrt, in denen es keinen universellen Zugang zu qualitativ hochwertiger psychologischer Behandlung gibt.

Frau mit Problemen entscheidet sich zur Selbstdiagnose
Die Selbstdiagnose im Bereich der psychischen Gesundheit nimmt zu und damit auch ihre Folgen.

Wie verlässlich sind die Informationen im Internet?

Die Verbreitung von Informationen über psychische Gesundheit ist Teil des Kampfes und der Forderung nach einer angemessenen psychischen Gesundheitsversorgung. Wenn du es gewohnt bist, diese Art von Inhalten zu konsumieren, solltest du jedoch darauf achten, dass du dich für Multiplikatoren entscheidest, die wissenschaftliche Quellen zitieren, welche du auch lesen solltest.

Viele Menschen profitieren von sozialen Netzwerken. Daher ist es wichtig, eine gute Wahl zu treffen und Quellen zu verwenden, die zuverlässige Informationen mit sozialen Zielen veröffentlichen.

Bevor du eine Selbstdiagnose stellst, solltest du in einen Besuch bei einem Spezialisten investieren. Wenn deine Ressourcen begrenzt sind, suche nach Verbänden und gemeinnützigen Organisationen, die dir kostenlos oder günstig helfen können. Was im Internet veröffentlicht wird, kann in der Tat auf das Vorhandensein einer Störung oder eines Leidens hinweisen. Die Diagnose sollte jedoch immer von einer Fachkraft gestellt werden.

Wenn du dich am Kampf gegen die Stigmatisierung beteiligst, indem du Informationen verbreitest, sei verantwortungsbewusst. Egal, ob du 10 oder eine Million Follower hast – deine Autorität kann die Entscheidung anderer beeinflussen.


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