Überdiagnose im Bereich der psychischen Gesundheit

16 Juni, 2020
Laut einigen Statistiken ist die Zahl der Menschen mit psychischen Störungen in den letzten Jahren alarmierend gestiegen. Viele Menschen glauben jedoch, dass der Grund dafür nicht der ist, dass mehr Patienten an psychischen Problemen leiden, sondern dass immer mehr Menschen mit psychischen Störungen diagnostiziert werden. Die Folge davon ist die, dass mehr und mehr Menschen Medikamente gegen Erkrankungen erhalten, die klinisch nicht signifikant sind.
 

Das Phänomen der Überdiagnose im Bereich der psychischen Gesundheit beruht auf der Tendenz, bestimmte Verhaltensweisen als pathologisch zu bezeichnen, auch wenn dies nicht der Fall ist.

Die Überdiagnose ist in der Psychatrie keine Seltenheit. Allerdings führt dies nicht nur zu falschen Diagnosen, sondern auch dazu, dass viele Menschen Medikamente einnehmen, die sie nicht wirklich benötigen.

Die subjektive Natur des diagnostischen Prozesses ist seit langem ein Problem in der Psychiatrie. Der Psychiater soll anhand seiner Beobachtungen und ungenauen diagnostischen Instrumenten feststellen, ob ein Patient eine psychische Störung hat. Unter diesen Umständen ist es leicht, Fehler zu machen, die wiederum zu einer Überdiagnose führen.

Die am weitesten verbreitete diagnostische Referenz ist das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM; englisch für „diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen“). Eine Gruppe von Psychiatern (hauptsächlich aus den USA) gibt das Handbuch heraus.

Sie stimmen ab, um Entscheidungen über die Definition und Aufnahme von Störungen in den Leitfaden zu treffen. Die erste Version des Handbuchs identifizierte 60 Störungen. Die neueste Version identifiziert dagegen mehr als 500.

„Wer nur über Medizin Bescheid weiß, weiß nicht einmal über Medizin Bescheid.“

-Abel Salazar-

Besteht ein Problem der Überdiagnose im Bereich der psychischen Gesundheit?

Die Daten zeigen, dass eine Überdiagnose im Bereich der psychischen Gesundheit ein Problem darstellt. Wenn wir uns an die strengen Definitionen der neuesten Version des DSM halten, geben Experten an, dass 70 % der Bevölkerung an einer psychischen Erkrankung leiden. Doch das ist noch nicht alles, denn diese Personen wären auch alle Kandidaten für verschreibungspflichtige Medikamente.

 

Das DSM-5 enthält einige Störungen, die selbst psychiatrische Fachkräfte ernsthaft infrage stellen. Zum Beispiel gibt es im DSM eine Störung namens „Psychose-Risiko-Syndrom“, die aus Merkmalen besteht, die auf eine hohe Wahrscheinlichkeit hinweisen, in Zukunft eine Psychose zu entwickeln. Diese Diagnose ist ausreichend, um ein Medikament mit Antipsychotika zu verschreiben.

Wenn wir jedoch innehalten und darüber nachdenken, könnte fast jeder irgendwann in seinem Leben mit diesem Syndrom diagnostiziert werden. Hattest du noch nie das Gefühl, „verrückt zu werden“, aber bist es nicht geworden? Es ist absurd, eine Störung zu behandeln, die in Zukunft auftreten könnte. Es ist so, als würde man einem Kind mit einem hypertensiven Elternteil ein Medikament gegen Bluthochdruck verschreiben, weil das Risiko besteht, dass das Kind irgendwann ebenfalls Bluthochdruck entwickeln wird.

Ein weiteres Beispiel ist die „dysfunktionale Persönlichkeitsstörung mit Dysphorie“. Diese „Störung“ beschreibt im Grunde eine nicht gesellige, selbstsüchtige und unmoralische Person. Laut DSM ist jemand mit dieser „Erkrankung“ ebenfalls ein guter Kandidat, der mit Medikamenten behandelt werden sollte.

In Wirklichkeit haben diese Personen aber nur eine unangenehme Persönlichkeit. Im DSM-V reicht es aus, sich nach dem Tod eines geliebten Menschen mehr als einen Monat lang extrem traurig zu fühlen, um die Diagnose Depression zu erhalten.

Die Überdiagnose im Bereich der psychischen Gesundheit
 

Der Unterschied zwischen einer Störung und Unwohlsein

Die Grenzen zwischen Wohlsein und Krankheit im Bereich der psychischen Gesundheit sind schwer zu definieren. Schließlich ist „normal“ ein sehr subjektives Konzept und hängt mit dem spezifischen Kontext eines Individuums zusammen. Es ist auch wichtig darauf hinzuweisen, dass das Menschsein immer ein gewisses Maß an Leiden mit sich bringt. Leben ist gleichbedeutend mit dem Umgang ständiger Unsicherheit.

Wir werden nie all das haben, was wir uns wünschen, und wir werden auch kein perfekt ausgeglichenes Leben führen. Jeder befasst sich mit Leiden, weil es den Tod gibt und er eine brutale Auferlegung ist. Niemand kann die Frustration vermeiden, die durch Umstände entsteht, die außerhalb unserer Kontrolle liegen. Außerdem ist jeder bis zu einem gewissen Grad egoistisch oder „schlecht“.

Es ergibt Sinn, dass wir Zeiten in unserem Leben haben, in denen wir traurig sind, und andere, in denen wir mit Angst zu kämpfen haben. Einige Psychoanalytiker glauben, dass es völlig normal ist, im Laufe unseres Lebens drei Episoden von Psychosen zu haben. Es hängt alles davon ab, was um uns herum los ist. Wie oben bereits erwähnt, werden Probleme, die völlig normal sind, als Störungen definiert, die dann wiederum zu einer Überdiagnose führen.

Ein anderer Ansatz für Störungen und Leiden

Bis vor kurzem wurde die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen in der Geborgenheit der unmittelbaren Gemeinschaft des Einzelnen behandelt. Jedes Mitglied dieser Gemeinschaft versteht, dass ein gewisses Maß an Leiden normal und notwendig ist. Heutzutage werden diese Unterstützungsnetzwerke jedoch schwächer.

 

In der heutigen Zeit ist es schwieriger, emotionalen Schmerz auszudrücken, weshalb sich leidende Menschen allein fühlen. Die Idee, dass wir die ganze Zeit glücklich sein sollen, übt großen Druck auf alle aus. Viele Menschen gewähren sich selbst nicht einmal, zu leiden. Daher ist ihr Weg, um mit diesen Gefühlen umzugehen, eine von einem Psychiater verschriebene Pille.

Ob gut oder schlecht, Medikamente sind ein Weg, um mit individuellem und kollektivem Unwohlsein umzugehen. Die Überdiagnose ist eine zweigleisige Realität. Einerseits gibt es orthodoxe Psychiater, die in einem sehr engen Bereich der Diagnose und Intervention arbeiten. Andererseits gibt es Menschen, die leiden, sich aber weigern, ihren Schmerz zu verstehen. Stattdessen bitten sie um eine chemische Substanz, die ihnen hilft, diesen zu unterdrücken.

 

Bianco, A., & Figueroa, P. (2008). Sobrediagnóstico, derechos vulnerados y efectos subjetivos. Ethos educativo, 43, 64-79.