Wissenschaftler erklären: Menschen verwechseln das Internetwissen mit ihrem eigenen

Unsere Handys denken für uns. Sie sind unsere externe Festplatte und ersetzen unseren internen Speicher. Doch dies hat einen Preis. Erfahre heute mehr darüber.
Wissenschaftler erklären: Menschen verwechseln das Internetwissen mit ihrem eigenen

Letzte Aktualisierung: 15. November 2021

Wir haben einen Punkt in unserer Existenz erreicht, an dem viele Menschen ihr Gehirn in der Hand und nicht im Kopf tragen. Mobiltelefone prägen ein auffälliges und besorgniserregendes Phänomen. Wie eine kürzlich in der Zeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlichte Studie zeigt, verwechseln viele das Internetwissen mit ihrem eigenen.

Wie kann das sein? Die Wahrheit ist, dass wir ohne Suchmaschinen wie Google nicht mehr leben können. Tatsächlich führen wir täglich Dutzende von Recherchen durch, was uns ein Gefühl der absoluten intellektuellen Solvenz gibt. Wir finden auf alles eine Antwort und trennen nicht mehr zwischen dem, was wir wissen, und dem, was das Internet uns sagt.

Während das im Alltag ein Vorteil sein mag, hat es für unsere Intelligenz einige Nachteile. Wir strengen uns immer weniger an, zu denken, uns zu erinnern, zu schlussfolgern und uns räumlich zu orientieren. Jetzt gibt es sogar Apps, die uns daran erinnern, wo wir unser Auto geparkt haben.

Die Technik denkt für uns mit, aber das hat seinen Preis.

Wenn wir alle Informationen, die wir wollen, auf Knopfdruck zur Verfügung haben, besteht die voreingenommene Annahme, dass all dieses Wissen von unseren Gehirnen generiert wurde.

Das Internetwissen birgt Gefahren

Warum wir das Internetwissen mit unserem eigenen verwechseln

Die Studie, die uns über diese auffällige Verzerrung informiert, ist sehr aktuell. Es war die Universität von Texas und insbesondere Adrian Ward von der McCombs School of Business an der Universität von Texas, die dieses Thema untersucht haben.

Immer mehr Menschen verwechseln das Internetwissen mit ihrem eigenen, und das ist etwas Neues im menschlichen Verhalten. Mit anderen Worten: Wir haben einen Punkt erreicht, an dem es einen schmalen Grat gibt zwischen dem, was du weißt, und dem, was du zu wissen glaubst. Die intensive und ständige Nutzung von Mobiltelefonen und Google zur Informationssuche führt dazu, dass viele die Informationen, die sie täglich lesen, als ihre eigenen interpretieren.

Bis vor nicht allzu langer Zeit waren wir ausgezeichnet darin, zwischen externen Informationen (was man konsultiert) und internen Informationen (dem eigenen Wissen) zu unterscheiden. Das ist wie bei jemandem, der sich für einen Botanik-Experten hält, aber in Wirklichkeit jedes Mal, wenn er eine Pflanze findet – auch wenn sie noch so gewöhnlich ist – sein Handy davor hält, um sie zu identifizieren.

Es gibt in diesem Zusammenhang jedoch noch weitere interessante Fakten, über die wir heute nachdenken möchten.

Google will, dass du denkst, du bist schlauer als du bist

Das entspricht tatsächlich der Wahrheit. Suchmaschinen wie Google beabsichtigen, die Voreingenommenheit des falschen Wissens zu installieren. Diejenigen, die das Internetwissen mit ihrem eigenen verwechseln, fühlen sich optimistischer und selbstbewusster. Allerdings sind sie auch zunehmend abhängig von Technologien und machen sich diese durch ein falsches Kompetenzgefühl untertan.

Handys denken für uns und geben uns ein falsches Gefühl von Kontrolle. Wir fühlen uns jeden Tag schlauer, weil wir das ganze Wissen in der Hand haben. Die Realität sieht jedoch anders aus. Die Wahrheit ist, dass wir uns immer weniger Mühe geben, Informationen zu behalten und zu lernen.

Internet projiziert den Dunning-Kruger-Effekt auf Menschen

Wenn Menschen das Internetwissen mit ihrem eigenen verwechseln, machen sie sich eine kognitive Verzerrung zunutze, die Dunning-Kruger genannt wird. Diese gängige Realität bezieht sich auf jene inkompetenten Menschen, die ihr eigenes Wissen völlig überschätzen und sich für Alleswisser halten.

Tatsächlich gibt es viele, die sich überhöhter Selbsteinschätzungen bedienen, ihre Meinung zu allem sagen und nicht in der Lage sind, ihre eigene Unwissenheit zu erkennen. Der Dunning-Kruger-Effekt führt auch dazu, dass sie nicht erkennen, wer schlauer ist als sie, und natürlich sehen sie nicht, dass sie absolut von Google abhängig sind, wenn es darum geht, bestimmte Dinge zu wissen.

Internetwissen hat negative Seiten

Internetwissen und die fluide Intelligenz

Wozu soll ich mir die längsten Flüsse der Welt merken, wenn es das Internet gibt? Wozu soll ich mir merken, wie ich von meinem Haus zum Haus meines besten Freundes in einer anderen Stadt komme, wenn ich das GPS benutzen kann? Es ist wahr: Neue Technologien erleichtern unser Leben, aber das hat seinen Preis.

Wir verzichten nicht nur auf den Einsatz exekutiver Funktionen wie Gedächtnis oder räumliche Orientierung. Wir versäumen es, die fluide Intelligenz zu stärken und zu fördern. Mit anderen Worten: Wir nutzen nicht die Art von Denkvermögen, die es uns ermöglicht, neue Probleme zu lösen und uns an verschiedene Situationen anzupassen.

Kognitives Training durch Aufgaben wie Gedächtnisübungen, Aufmerksamkeit, Kreativität oder Deduktion sind Prozesse, die die fluide Intelligenz stärken und beweglich halten. Diejenigen, die weiterhin das Handy für sich denken lassen, werden jedoch irgendwann etwas sehr Konkretes erfahren.

Google wird ihnen nicht sagen, wie sie mit einer Krise, einem Verlust oder einer sehr schwierigen persönlichen Herausforderung umgehen können. Alexa oder Siri werden ihre Probleme nicht lösen, denn wir selbst müssen uns mit unseren eigenen Mitteln den täglichen Widrigkeiten stellen. Und wir müssen darauf vorbereitet sein.

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  • Justin Kruger and David Dunning. “Unskilled and Unaware of It: How Difficulties in Recognizing One’s Own Incompetence Lead to Inflated Self-Assessments.” Journal of Personality and Social Psychology (Fist published: December 1999) DOI: 10.1037//0022-3514.77.6.1121
  • Ward AF. People mistake the internet’s knowledge for their own. Proc Natl Acad Sci U S A. 2021 Oct 26;118(43):e2105061118. doi: 10.1073/pnas.2105061118. PMID: 34686595.