Reversibles Denken: Kognitive Faulheit bekämpfen

· 29. Dezember 2018

Wenn wir von etwas überzeugt sind und jemand uns einen Beweis liefert, der uns an unserer Überzeugung zweifeln lässt, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Die erste wäre, dass wir möglicherweise falsch liegen. Dann sollten wir das akzeptieren, und unsere Meinung ändern. Das nennt sich reversibles Denken.

Die zweite Möglichkeit ist das genaue Gegenteil zu der ersten Option und ist auch die, die die meistens von uns wählen. Wir bleiben bei unserer Überzeugung, die somit unwiderruflich wird. Wir verschließen unsere Augen vor jeder anderen Möglichkeit, während wir auf unserem Standpunkt beharren. Aber keine Sorge, das ist alles Teil der wunderbaren Komplexität und Unvollkommenheit des menschlichen Gehirns.

Warum ist reversibles Denken so wichtig?

Reversibles Denken ist die Fähigkeit der Menschen, eine Reihe von Schritten zu durchdenken und dann die Gedankenfolge umzukehren. Diese Art von Denken bedingt daher die Fähigkeit, die Dinge aus einer Perspektive zu sehen, aber auch aus dem entgegengesetzten Blickwinkel zu betrachten. Das hilft uns, komplexe Probleme zu lösen und mehrere Positionen im Spektrum zwischen den beiden Gedankengängen einzunehmen. Diese Art des Denkens erweitert unseren Blickwinkel und erleichtert das Lösen von persönlichen und beruflichen Konflikten. Dank der Fähigkeit, in zwei Richtungen zu denken, können wir Probleme logischer angehen und aus dem Weg räumen.

Auf der anderen Seite gibt es das polarisierende Denken. Das ist eigentlich sehr anstrengend, da es hier nur ein Entweder-Oder gibt. Es gibt keinen Mittelweg und keine Debatten. Die Polarität wird uns in ihrem Griff halten und uns lähmen. Wenn wir es schaffen, einen Mittelweg zwischen diesen Polen zu finden, eröffnen sich hingegen neue Möglichkeiten – und das reversible Denken.

Ein Mann steht an einem Scheideweg und fragt sich, welche Richtung er einschlagen soll.

Blind für Beweise

Stellen wir uns jetzt vor, dass wir stundenlang durch einen Wald gelaufen und nun wirklich hungrig seien. In der Ferne können wir auf einem Berg einen Apfelbaum sehen. Wir rennen darauf zu. Das Einzige, worauf wir uns konzentrieren können, ist der Apfelbaum und wie gut seine Früchte uns schmecken werden.

Auf dem Berg angekommen, sehen wir, dass der Baum faule Früchte trägt. Wir können sie nicht essen. Auf dem Weg, den wir gelaufen sind, standen weitere Obstbäume aller Art … Ach, wenn wir nur angehalten und uns umgesehen hätten, dann hätten wir diese auch gesehen!

So funktioniert das menschliche Gehirn. Deshalb handeln wir manchmal so: Wir schauen nur geradeaus, ohne uns umzudrehen und den Blickwinkel zu verändern. Wir gehen mit Scheuklappen auf den Augen durch das Leben. Das hat allerdings nicht mit Starrköpfigkeit zu tun, da dies eine Charaktereigenschaft ist, die tatsächlich auf anderen Persönlichkeitsmerkmalen beruht.

8 Möglichkeiten, wie wir auf Informationen reagieren, die nicht unserer Meinung entsprechen

Es gibt 8 mögliche Reaktionen, auf Informationen zu reagieren, die nicht dem entsprechen, was wir glauben. Die ersten drei Reaktionen fallen in die Kategorie „irreversibles Denken“: die Tatsachen zu ignorieren, sie zu leugnen oder sie wegfallen zu lassen.

Die anderen fünf Reaktionen fallen stellen reversibles Denken dar: Vorurteile werden nicht berücksichtigt, die Tatsachen neu interpretiert, akzeptiert und geringfügige Änderungen an unserer Idee vorgenommen oder die Tatsachen werden akzeptiert und wir definieren unsere Überzeugung neu.

Eine Frau denkt nach, während sie vor einer Tafel steht, auf der Pfeile aufgemalt sind.

Warum denken wir nicht reversibel?

Unsere Gehirne sind nicht so perfekt, wie wir glauben. Wir sehen das Gehirn als perfekte Maschine, die rational analysiert und (fast) fehlerfrei arbeitet. Aber wenn wir versuchen, in eine andere Richtung zu denken, werden wir feststellen, dass das menschliche Gehirn alles andere als perfekt ist. Es ist träge.

Wir bemühen uns, Fakten, Beweise und Theorien zu finden, die uns in unserem Glauben bestätigen. Tatsächlich ändern wir unsere Meinung nicht oft. Wenn wir ständig nach Beweisen suchen wollten, die nicht unserer Meinung entsprechen, würde unser Gehirn das als Selbstsabotage betrachten und versuchen, uns diese Idee aus dem Kopf zu schlagen.

„Reversibilität ist das sicherste Zeichen von Intelligenz.“

Jean Piaget

Alles, was unser Gehirn braucht, ist, nur einen kleinen Beweis zu finden, dass wir recht haben. Dann fühlen wir uns in unserem Denken bestätigt. Zum Beispiel, wenn jemand überzeugt ist, dass Rauchen der Gesundheit nicht schaden würde, dann wird er so lange im Internet suchen, bis er dort eine Webseite findet, die verkündet, dass Rauchen unsere Lebensdauer verlängern könnte. Und auch wenn das nicht stimmt, wird er es glauben wollen, weil er das reversible Denken nicht nutzen mag. Er wird sich eben nicht von den vielen Seiten im Internet überzeugen lassen, die das Gegenteil behaupten, und will auch nichts von all den Studien wissen, die belegen, dass das Rauchen schlecht für unsere Gesundheit ist.

Zwei Spielzeugfiguren stehen auf einem Notizbuch und scheinen die Notizen zu betrachten.

Kognitive Faulheit

Sagt dir das Wort „Heuristik“ etwas? Heuristik ist die Kunst der mentalen Abkürzung, mit der unser Gehirn Energie spart. Das heißt, wenn es zwei Wege gibt, die zum gleichen Ziel führen, dann wird unser Gehirn versuchen, denjenigen zu nehmen, der den geringsten Aufwand erfordert.

Und das bedeutet, dass wir von einem mentalen Energiesparprinzip bestimmt werden. Es ist unkontrollierbar, unsichtbar und passiert unbewusst. Es erklärt auch, warum unser Gehirn nach Fakten sucht, die unsere Theorien bestätigen, obwohl wir die Beweise, die belegen, dass wir falsch liegen, kennen.

Wenn wir reversibel denken wollen, müssen wir logisch und rational denken. Das bedeutet, dass sich unser Gehirn bemühen muss, was es nicht immer will. Es macht nämlich weniger Arbeit, eine Meinung zu bestätigen und sich darin einzurichten. Unser Gehirn ist ein kognitiver Faulpelz! Es ist äußerst wichtig, alle falschen Fakten aus dem Kopf zu bekommen und daran zu denken, dass unser Gehirn alles tut, um weniger Arbeit zu haben.

In unserem täglichen Leben passiert das ständig. Das mag zwar seltsam erscheinen, aber niemand kann sich dem entziehen. Wenn uns Fakten präsentiert werden, haben wir zwei Möglichkeiten. Wir können entweder auf unserer Meinung beharren und den Rest ignorieren oder unsere Perspektive erweitern und andere Ideen in Betracht ziehen.