Du hast das Recht, deine Meinung zu ändern und zu wachsen

· 13. Juni 2018

Wenn wir zu einem bestimmten Zeitpunkt unsere Meinung ändern, bedeutet das nicht, uns selbst nicht mehr treu zu sein. Es bedeutet einfach, dass uns auffällt, dass Menschen, denen wir vertraut haben, nicht vertrauenswürdig sind, zu akzeptieren, dass ein Weg, von dem wir geglaubt haben, er sei der richtige, uns nicht ans Ziel führen wird, und vor allem, mit mehr Einsicht und Reife voranzuschreiten. Deshalb sollten wir nicht vergessen, dass wir alle dieses wertvolle Recht haben, unsere Meinung zu ändern, um wachsen zu können.

So eigenartig es uns auch vorkommen mag, treffen wir in unserem Alltag auf Menschen, die dem skeptisch gegenüberstehen, zu einem gewissen Zeitpunkt auf einmal anders zu denken oder zu handeln. Es kann zum Beispiel ein Familienmitglied überraschen, wir können bei unserem Partner anecken oder Freunde beunruhigen: Wieso gefällt dir auf einmal „grün“, wo du doch vorher so für „blau“ geschwärmt hast?

„Alle denken daran, die Welt zu verändern, aber niemand denkt daran, sich selbst zu verändern.“

Alexei Tolstoi

Im Grunde genommen ist es genau so. Jetzt mögen wir die Farbe Grün oder Rot lieber, weil uns aufgefallen ist, dass diese besser zu uns passt. Darüber hinaus haben wir nun entdeckt, dass es Töne gibt, die uns wesentlich mehr zusagen, dass es Geschmäcker gibt, die unsere Sinne beflügeln, und Gerüche, Momente und Situationen, die motivierender und bereichernder sind als die, die wir bis jetzt bevorzugt haben.

In einem bestimmten Moment unsere Meinung zu ändern, ist weder ein Sakrileg noch macht uns das zu unbeständigen oder launischen Menschen. Außerdem besitzen Menschen, die dazu in der Lage sind, ihren Geist zu öffnen, die empfänglicher für neue Anreize und darüber hinaus offen für Veränderungen sind, ein Persönlichkeitsprofil, welches das persönliche Wachstum enorm begünstigt.

Mann mit Sternen in seinem Nacken und Vogel als Begleiter

Menschen mit einem offenen Geist fürchten sich nicht davor, ihre Meinung zu ändern

Menschen, die schnell und grundlos ihre Meinung ändern, lösen bei uns Misstrauen aus. Diese Tatsache ist offensichtlich, denn es ist nicht leicht, mit jemandem zusammenzuleben, der uns heute eine Sache sagt und später eine andere, der heute eine Reihe von Werten vehement verteidigt und morgen nichts mehr für sie übrig hat und sich für komplett entgegengesetzte Ideale einsetzt.

Wir sprechen hierbei nicht von einer bestimmten Verhaltensweise. Wir beziehen uns besonders auf jene Fähigkeit, die wir alle trainieren sollten: uns auf eine Veränderung zu konzentrieren, um die menschliche Entwicklung zu fördern. Dazu imstande zu sein, seine Meinung hinsichtlich eines Themas, eines Verhaltens oder einer bestimmten Person zu ändern, ist oftmals der Weg, der uns zu größtem Fortschritt führt. Er ist zudem unsere einzige Möglichkeit, andere Sichtweisen und nützlichere Einstellungen anzunehmen.

Im Journal of Personality and Social Psychology  veröffentlichten die Sozialpsychologen Ian Handley und Dolores Albarracín vor einigen Jahren eine interessante Studie über unsere Resistenz dagegen, unsere Einstellung zu ändern. Laut dieser Forschungsarbeit haben Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl, die sich wohl in ihrer Haut fühlen, einen aufnahmefähigeren Geist und seien Veränderungen gegenüber viel offener. Außerdem haben sie keine Angst davor, zu einem bestimmten Zeitpunkt ihre Meinung zu ändern und klarzustellen, warum sie das tun.

Traurige blonde Frau sitzt vor Kakteen

Diese Schlussfolgerung steht im Zusammenhang mit dem, was andere Psychologen, wie Melissa Finucane und Paul Slovic, unter „Affektheuristiken“ verstehen. Sie sind Teil jener Persönlichkeitsprofile mit einer flexibleren und offeneren Lebenseinstellung, was Erfahrungen anbelangt. Für gewöhnlich treffen sie ihre Entscheidungen auf Grundlage „mentaler Abkürzungen“, die sich direkt aus ihren Gefühlen herleiten, oder besser gesagt, ihrem Instinkt folgend.

In Bezug auf ihre Selbstkenntnis sind sie so kompetent, dass sie über eine Art Detektor, eine innere Stimme, verfügen, die ihnen mitteilen kann, in welchem Moment sie nicht mehr mit bestimmten Sachen einverstanden sind oder zu welchem Zeitpunkt gewisse Ideale, Gesellschaften oder Konzepte der Vergangenheit angehören sollten, weil sie sie ablenken, unzufrieden oder unglücklich machen.

Menschen, die ihre Meinung oder Einstellung hingegen nur zögerlich ändern, verwenden komplexere, aber weniger emotionale Heuristiken. Nur auf diese Weise können sie Mauern errichten, um alles, was ihre vorgefassten Ideen herausfordert, zu entkräften.

„Wenn ich im Leben etwas gelernt habe, dann, keine Zeit zu vergeuden, indem ich versuche, die Art, wie meine Mitmenschen sind, zu verändern.“

Carmen Martín Gaite

Du hast das Recht, deine Meinung zu ändern

Du hast das Recht, deine Meinung zu ändern und jemanden nicht länger zu bewundern, ohne dass du deswegen ein schlechtes Gefühl haben musst. Du hast das Recht darauf, dass dir diese Disziplin, dieses Hobby oder diese Art von Wissen, das du vorher kritisiert hast, weil du dich nicht getraut hast, dich näher damit auseinanderzusetzen, jetzt gefällt.

Manchmal bedeutet seine Meinung zu ändern, zu wachsen, uns selbst zu ermöglichen, neue Türen zu öffnen, nachdem wir andere hinter uns geschlossen haben, um mit mehr Wissen und Sicherheit Fortschritte zu machen. Und daran ist nichts falsch und es macht uns auch keinesfalls zu schlechteren Menschen, ganz im Gegenteil.

Frau schiebt ihr Fahrrad über eine grüne Wiese

Bei jedem dieser Schritte begleitet uns etwas, das wir nicht außer Acht lassen sollten. Wer seine Meinung bezüglich etwas oder jemandem ändert, der tut das, weil er zuvor darüber nachgedacht hat. Weil er sich selbst Zugang zu den zuvor erwähnten Affektheuristiken verschafft hat, um sich daran zu erinnern, was sein Wesen ist und was ihm sein Instinkt sowie seine emotionalen Bedürfnisse sagen. Daher sollte niemand leichtfertig Veränderungen herbeiführen oder seine Meinung einfach so aus einer Laune heraus ändern. Das muss mit Gewissheit, mit der Gewissheit und Sicherheit geschehen, dass es Dinge gibt, die nicht mehr verteidigt werden sollten, da es bessere und bereicherndere Optionen gibt.

Wir sollten darüber nachdenken und nicht länger so viel Angst vor Veränderungen haben, seien es kleine oder große.