Psychogene Symptome: Was ist das?

Psychogene Symptome haben einen psychologischen Ursprung: Es handelt sich um nicht-organische, anfallsartige Ereignisse, die seelisches Leid zum Ausdruck bringen.
Psychogene Symptome: Was ist das?
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 31. Dezember 2022

Das Gesundheitspersonal wird oft mit sehr komplexen Situationen konfrontiert: Manche Menschen haben Epilepsie-ähnliche Anfälle, doch medizinische Untersuchungen ergeben keine neurologischen Ursachen. Andere erblinden vorübergehend, verlieren ihre Stimme oder können sich zeitweise nicht bewegen. Psychogene Symptome sind zwar selten – nur 2 von 100.000 Menschen sind davon betroffen – dürfen jedoch nicht unbeachtet bleiben.

Sie können wenige Stunden bis zu einige Wochen andauern und zu einem anderen Zeitpunkt erneut auftreten. Starker Stress ist ein häufiger Auslöser dieser Symptome. Betroffene fühlen sich unverstanden, denn viele glauben, dass sie damit nur bezwecken, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Auffällig ist beispielsweise, wenn ein Teenager am Montag seine Stimme verliert.

Psychogene Symptome sollten jedoch untersucht werden: Nicht jeder erfindet oder dramatisiert, menschliches Leid findet viele Wege, um an die Oberfläche zu kommen.

Eine umfassende neurologische Untersuchung ermöglicht es, medizinische Probleme auszuschließen und die Ursache einer psychischen Störung zu erkennen.

Trauriges Kind hat psychogene Symptome
Bei Kindern und Jugendlichen treten häufig psychogene Symptome auf.

Psychogene Symptome: Alles, was du wissen musst

Psychogene Symptome haben einen psychologischen Ursprung: Es handelt sich um nicht-organische, anfallsartige Ereignisse, die seelisches Leid zum Ausdruck bringen. In der Regel liegen psychosomatische Erkrankungen, dissoziative oder affektive Störungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Persönlichkeits- oder Angststörungen vor.

Im 19. Jahrhundert bezeichnete Sigmund Freud diese Anfälle als “Hysterie” und erklärte sie durch ungelöste innere Konflikte. Inzwischen wissen wir mehr über psychogene Symptome: Es handelt sich um unfreiwillige, unbewusste Ereignisse, die beispielsweise zu lähmenden Schmerzen in den Händen oder plötzlichen Anfällen führen. Es geht nicht darum, Aufmerksamkeit zu erregen.

Eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität in München berichtet, dass von 4.470 Patienten mit neurologischen Problemen, die in die Notaufnahme kommen, 405 (9 %) eine psychogene Störung aufweisen. Wir schauen uns diese klinische Realität anschließend etwas genauer an.

Psychogene Symptome sind das Ergebnis von gegenwärtigen Stressoren und vergangenen traumatischen Ereignissen.

Der Fall einer Frau mit Tetraplegie und Sprachproblemen

Die Universität von Melbourne und das King’s College London beschreiben in einer Studie den auffälligen Fall einer 23-jährigen Frau südasiatischer Herkunft, die in Melbourne lebt. Die psychogenen neurologischen Symptome, die sie bei ihrer Ankunft in der Notaufnahme zeigte, hätten nicht auffälliger sein können: Von einem Tag auf den anderen zeigte sie Tetraplegie und intermittierenden Mutismus.

Nach einer gründlichen neurologischen Untersuchung wurde bei ihr eine Konversionsstörung diagnostiziert. In der Psychotherapie zeigte die Patientin jedoch keine Symptome mehr. Sie berichtete nur von Verspannungen in ihrem Kiefer. Im Laufe der Therapie wurde deutlich, in welch belastender Situation sie sich befand.

Diese junge Frau konnte sich kaum an ihre Vergangenheit erinnern und ihre Gegenwart wurde von einer tiefen Identitätskrise und dem Druck der Familie und des Partners beherrscht. Die neurologisch-psychogenen Symptome waren eine Reaktion auf ein unverarbeitetes Trauma und ein Leben, das nicht mit ihren Bedürfnissen übereinstimmte.

Wie äußern psychogene Symptome?

Psychogene Symptome sind sehr vielfältig. Die offensichtlichste Besonderheit ist jedoch, dass diese Erscheinungen auffällig sind und in der Regel einen neurologischen Ursprung haben. Einige Beispiele:

  • Probleme mit Koordination und Gleichgewicht
  • Plötzliche Lähmung in einem beliebigen Körperbereich (Probleme beim Gehen, Bewegen usw.)
  • Schluckbeschwerden
  • Verlust der Stimme
  • Bewusstlosigkeit
  • Epilepsie-ähnliche Anfälle
  • Doppeltsehen
  • Hörstörungen
  • Verlust des Tastsinns
  • Harninkontinenz

Die Ursachen

Psychogene Symptome treten immer plötzlich auf und sind in der Regel von kurzer Dauer: Sie halten wenige Stunden oder maximal bis zu zwei Wochen an. Sobald eine neurologische Ursache ausgeschlossen wird, müssen die Ursachen geklärt werden:

  • In der Regel liegt ein psychisches Trauma vor. Auch ein von hohen Stressfaktoren geprägter Alltag kann psychogene Symptome auslösen
  • Persönlichkeitsstörungen wie die Vermeidungsstörung oder eine Borderline-Persönlichkeitsstörung sind weitere mögliche Auslöser.
  • Es ist anzumerken, dass diese Krankheitsbilder bei Frauen mit einer familiären Vorgeschichte von Konversionsstörungen in höherem Maße auftreten.
Frau hat psychogene Symptome
Patienten mit psychogenen Symptomen benötigen Verständnis für ihre Körpererfahrungen.

Psychogene Symptome: Behandlungsmöglichkeiten

Betroffene stoßen bei ihren Mitmenschen oft auf Unverständnis. Es gab beispielsweise Fälle, in denen Marinesoldaten Rollstühle benötigten, weil sie das Gefühl hatten, ihre Beine seien gelähmt. Sie konnten jedoch rückwärtsgehen. Die Willkürlichkeit der psychogenen neurologischen Manifestationen ist erstaunlich, weshalb viele an diesen Symptomen zweifeln.

Betroffene benötigen Verständnis, denn sie leiden und spüren reale Schmerzen und Einschränkungen. Ein multidisziplinärer therapeutischer Ansatz ist wichtig:

  • Psychotherapie (z. B. kognitive Verhaltenstherapie oder EMDR, wenn ein Trauma vorliegt)
  • Physiotherapie, um Körperfunktionen zu verbessern und die Harmonie zwischen Körper und Geist zu fördern
  • Auch Psychopharmaka können nötig sein, um die Symptome zu lindern.

Betroffene müssen wissen, dass sich hinter ihren Symptomen emotionale Auslöser verbergen, die verarbeitet werden müssen. Das Verständnis nahestehender Personen hilft ihnen auf ihrem Weg.

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  • Anderson JR, Nakhate V, Stephen CD, Perez DL. Functional (Psychogenic) Neurological Disorders: Assessment and Acute Management in the Emergency Department. Semin Neurol. 2019 Feb;39(1):102-114. doi: 10.1055/s-0038-1676844. Epub 2019 Feb 11. PMID: 30743296.
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  • Mumenthaler M. Nachweis neurologischer Symptome psychogenen Ursprungs [Diagnosis of neurological symptoms of psychogenic origin]. Schweiz Rundsch Med Prax. 1992 Nov 24;81(48):1446-51. German. PMID: 1448639.

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