Prosoziales Verhalten: Hilfst du anderen aufgrund von Empathie oder aus Angst?

Wenn du jemanden in Not siehst, fühlst du dich möglicherweise schlecht. Und genau in diesem Moment entscheidest du dich dazu, diesem Menschen zu helfen. Hat dies mit Solidarität zu tun? Lies weiter und erfahre mehr über prosoziales Verhalten!
Prosoziales Verhalten: Hilfst du anderen aufgrund von Empathie oder aus Angst?

Letzte Aktualisierung: 09. Januar 2021

Wenn du prosoziales Verhalten (einem Familienmitglied, einem Freund oder einem Fremden auf der Straße helfen) zeigst, kannst du dich dadurch altruistisch und freundlich fühlen. Einem Menschen in Not eine helfende Hand zu reichen, kann dir das Gefühl geben, du wärest ein guter Mensch mit hohen Werten und Moralvorstellungen. Gleichermaßen fühlst du dich vermutlich egoistisch und selbstsüchtig, wenn du deine Hilfe verweigerst. Aber hast du dir jemals die Frage gestellt, ob dieses helfende Verhalten tatsächlich ein vollkommen selbstloser Akt ist?

Hast du dir jemals Gedanken darüber gemacht, welche Motivation sich hinter deinem Bedürfnis verbirgt, andern zu helfen und großzügig zu sein? Bist du sicher, dass all dies tatsächlich immer nur auf Verständnis und Einfühlungsvermögen zurückzuführen ist? Was ist, wenn der Wunsch, zum Wohl einer anderen Person beizutragen, gar nicht der Grund für deine Solidarität ist? Einige Untersuchungen, die diese Fragen analysierten, kamen zu interessanten Ergebnissen.

Prosoziales Verhalten: Hilfst du aufgrund von Empathie oder aus Angst?

Jahrzehntelang haben Wissenschaftler prosoziales Verhalten von Menschen erforscht. Warum helfen Menschen einander? Wird jeder Mensch mit dieser Veranlagung geboren oder ist prosoziales Verhalten kulturell erlernt? Zahlreiche Autoren haben diese und weitere Fragen diskutiert.

Wir wollen dies an einem Beispiel verdeutlichen. Es wurde Folgendes bewiesen: Wenn du einen Menschen leiden siehst, aktiviert dein Gehirn die gleichen neuronalen Netzwerke, die bei diesem Menschen zur Verarbeitung seines Leidens aktiviert werden. Anders ausgedrückt, es stimmt, dass die meisten Menschen bis zu einem gewissen Grad dazu in der Lage sind, den Schmerz eines anderen Menschen wie ihren eigenen zu empfinden. Vielleicht gehörst auch du zu diesen Menschen.

Prosoziales Verhalten - zwei Menschen halten sich die Hände

Aber was genau fühlst du in diesen Situationen? Die Hypothese, die empirisch am besten belegt zu sein scheint, ist die, dass du auf zwei verschiedene Arten reagieren kannst, wenn du jemanden in Not siehst.

  • Einerseits kannst du mit Angst, Ekel, Besorgnis oder Entsetzen darauf reagieren.
  • Andererseits kannst du Mitgefühl und Verständnis empfinden. Du kannst das Leiden dieses Menschen aufrichtig nachempfinden.

Nun kann in Abhängigkeit verschiedener Faktoren entweder das eine oder das andere Gefühl überwiegen. Zuerst einmal hängt dies vom konkreten Kontext des individuellen Leidens ab. Zweitens, von der persönlichen Disposition dessen, der es beobachtet. Angesichts des gleichen Ereignisses können Menschen verschiedene Reaktionen darauf zeigen. Darüber hinaus kann auch der gleiche Mensch in zwei unterschiedlichen Situationen auf verschiedene Weise reagieren.

Was ist deine Motivation?

Unabhängig davon, ob eine Situation nun Angst oder Mitgefühl in dir erweckt, wirst du vermutlich eher dazu neigen, jemandem in Not zu helfen. Allerdings kann deine Motivation jeweils unterschiedlich sein.

Grundsätzlich neigen Menschen zu einem egoistischen Verhaltensmuster, wenn sie alarmiert sind und Ekel oder Sorge empfinden. Mit anderen Worten, sie helfen anderen Menschen, um ihr eigenes Unwohlsein zu lindern, das aufgrund der Not entstanden ist, die sie bei anderen gesehen haben. Im Gegensatz dazu ist die Handlungsmotivation tatsächlich altruistisch, wenn Menschen wirklich berührt sind. In diesem Fall konzentrieren sie sich auf das Leiden des anderen anstatt auf das eigene.

Universitätsstudenten haben verschiedene Studien durchgeführt, die diese Realität aufgezeigt hat. In diesen Studien fanden sie heraus, dass die Art des Hilfemusters von den erlebten Gefühlen abhängt. Grundsätzlich handelten diejenigen, die sich ängstlich fühlten, mit der Motivation, diese Angst zu lindern. Demgegenüber handelten diejenigen, die Mitgefühl empfanden, mit dem Ziel, die Not des anderen zu verringern.

Du kannst also nicht einfach die Art der Reaktion wählen, die in dir aktiviert wird. Aus diesem Grund ist es auch nicht möglich zu sagen, dass die eine Gruppe auf moralischer Ebene mehr oder weniger unterstützend ist als die andere.

Darüber hinaus wurde in einer der Studien noch ein weiterer interessanter Aspekt entdeckt. Wenn der Akt der Hilfe einen hohen persönlichen Preis oder Einsatz forderte, zeigten diejenigen, die aufrichtiges Mitgefühl empfanden, ein egoistisches Handlungsmuster. Offensichtlich scheint die Tatsache, dass ein persönliches Opfer erforderlich ist, den anfänglichen altruistischen Impuls aufzuheben.

Prosoziales Verhalten - eine helfende Hand

Führt jeder prosoziale Verhaltensweisen aus?

Diese Ergebnisse bestärken die immerwährenden Zweifel, die hinsichtlich der Frage bestehen, inwiefern Menschen tatsächlich fürsorgliche, altruistische und großzügige Lebewesen sind. Vermutlich wusstest du bereits, dass das Helfen zu vielen Gelegenheiten ein Gefühl der Befriedigung vermitteln kann. Aber jetzt weißt du, dass Hilfsbereitschaft auch dazu dient, dein eigenes Unwohlsein zu vermeiden.

Wie du siehst, bestimmen die Gefühle des Helfenden seine jeweilige Vorgehensweise. Kann man also wirklich behaupten, dass es die Sorge um einen anderen Menschen ist, der Menschen zu Hilfe motiviert? In jedem Fall und unabhängig von der latenten Motivation ist prosoziales Verhalten von Vorteil. Wenn du deinen Mitmenschen hilfst, wird dies mit Sicherheit das Wohlbefinden aller steigern. Außerdem ist es wichtig, diese Verhaltensweisen weiter zu fördern, um ein friedlicheres und befriedigenderes soziales Zusammenleben zu ermöglichen.

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  • Batson, C. D., Fultz, J., & Schoenrade, P. A. (1987). Distress and empathy: Two qualitatively distinct vicarious emotions with different motivational consequences. Journal of personality55(1), 19-39.