Piaget und seine Theorie über das Lernen

28. Mai 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Lernen in der Kindheit - Mädchen denkt nach

Jean Piaget ist einer jener Namen, die im Bereich der Psychologie immer in Großbuchstaben geschrieben werden. Seine Theorie über das Lernen in der Kindheit veranlasst uns dazu, ihn als den Vater der modernen Pädagogik zu betrachten. Er entdeckte, dass die Prinzipien der Logik vor dem Erwerb der Sprache gefestigt werden. Sie stammen aus der Interaktion mit der Umwelt, aus Motorik und Sensorik, insbesondere was den Umgang mit der sozio-kulturellen Umgebung betrifft. Schauen wir uns an, was Piaget zum Lernen in der Kindheit gesagt hat.

Die psychische Entwicklung, die schon vor der Geburt beginnt und auch im Erwachsenenalter nicht endet, ist vergleichbar mit organischem Wachstum. Sie ist ein ständiges Bestreben in Richtung eines Gleichgewichtszustandes. Unser Körper entwickelt sich auf ein relativ stabiles Niveau, das durch das Ende des Längenwachstums und die Reife der Organe gekennzeichnet ist. Genauso kann unsere geistige Entwicklung auch als Weg hin zu einem Zustand des Gleichgewichts verstanden werden, der im Erwachsenenalter erreicht wird, aber nicht unerschütterlich ist.

John Lennon sagte einmal, dass das Leben sei, was uns geschehe, während wir andere Pläne machen, und er hatte wohl recht. Menschen brauchen eine gewisse Sicherheit, um in Frieden zu leben, und deshalb erschaffen wir die Illusion von Permanenz. Wir stellen uns vor, dass alles statisch sei und sich nichts ändere, aber das ist niemals wirklich der Fall. Alles verändert sich ständig, einschließlich uns. Wir sind uns dessen oft nicht bewusst, bis die Veränderung so einschneidend ist, dass wir keine andere Wahl haben, als uns dem Wandel zu stellen – und zu lernen.

Piaget und das Lernen

„Das Hauptziel der Bildung sollte die Schaffung von Männern und Frauen sein, die in der Lage sind, neue Dinge zu tun, und die nicht einfach wiederholen, was andere Generationen bereits gesagt und getan haben. Männer und Frauen, die kreativ, erfinderisch und Entdecker sind, die kritisch sein können und nicht unbedingt alles akzeptieren, was ihnen angeboten wird.“

Jean Piaget

Piagets Theorien über die Psychologie des Lernens handeln von mentaler Entwicklung, Sprache, Spiel und Verständnis. Deshalb besteht die erste Aufgabe des Erziehers darin, Interesse zu erzeugen. Dieses Interesse ist ein Instrument, das sie den Schüler verstehen und mit ihm interagieren lässt.

Mutter hilft Tochter beim Lernen

Piagets Hauptanliegen war, die Herausbildung der mentalen Mechanismen des Kindes zu verstehen, um ihr Wesen und ihre Funktionsweise beim Erwachsenen nachvollziehen zu können. Seine Theorie basiert dabei auf Biologie, Logik und Psychologie. Sie spiegelt sich darin wider, wie er das Denken definiert, wobei diese Definition bei den genetischen Voraussetzungen beginnt und bei sozio-kulturellen Reizen endet. Das Denken ist immer ein aktiver Prozess, auch wenn er uns manchmal ganz und gar unbewusst und passiv erscheint.

Laut Piagets Theorie zum Lernen ist das Lernen ein Prozess, der nur in Situationen des Wandels Sinn macht. Daher bedeutet lernen, Wissen darüber zu erwerben, wie man sich an Veränderungen anpasst. Diese Theorie erklärt die Dynamik der Anpassung durch die Prozesse der Assimilation und Akkommodation. Hier bezieht sich Assimilation auf die Art und Weise, wie wir auf gesellschaftlicher Ebene Reize aus der Umwelt erhalten. Die Akkommodation hingegen impliziert eine Veränderung der gegenwärtigen Gesellschaft als Antwort auf die Anforderungen der Umwelt. Sie ist der Prozess, während dessen wir unsere kognitiven Strukturen und Pläne modifizieren, sodass ein neuer Stimulus und das zugehörige Verhalten integriert werden können. Durch Assimilation und Akkommodation strukturieren wir unser Lernen im Laufe der Entwicklung. Der dafür verwendete Begriff ist kognitive Umstrukturierung.

Assimilation und Akkommodation sind parallele, konstante Prozesse in der kognitiven Entwicklung. Nach Piaget bedingen sich Assimilation und Akkommodation gegenseitig, suchen ein Gleichgewicht. Das kann als ein Regulierungsprozess auf höherer Ebene betrachtet werden, der die Intensität von Assimilation und Akkommodation steuert.

Wir sozialisieren durch Sprache und steuern unsere Entwicklung durch Verhalten

„Gute Pädagogik muss das Kind in Situationen versetzen, in denen es reale Lebenserfahrungen machen kann. Die Sprache hilft uns, diese Situation
vorherzusehen.“

Jean Piaget

In der frühen Kindheit erleben wir eine Transformation unserer Welt, wie wir sie nie wieder erfahren werden. Von grober Motorik ausgehend entwickeln wir unter dem Einfluss von Sprache und sozialen Stimuli eigene Gedanken. Sprache fungiert als Beschleuniger der Entwicklung, weil sie uns erlaubt, unsere Handlungen zu erklären. Sie erleichtert das Aufarbeiten der Vergangenheit und hilft dabei, Momente und Situationen zu erinnern, die uns genutzt haben. Sie erlaubt uns auch, noch nicht ausgeführte Handlungen vorherzusehen, sie durch Worte zu ersetzen und ihre Folgen zu erkennen. Das ist der Ausgangspunkt unserer Gedanken als kognitiver Prozess und auch der von Piagets Theorie.

Sprache kombiniert Konzepte und Begriffe, die zum Menschen gehören, und stärkt das individuelle Denken durch weitverbreitete, kollektive Denkmuster. Ein Kind hat diese Stufe der Entwicklung erreicht, wenn es sich in seiner Muttersprache uneingeschränkt ausdrücken kann. Auf einer abstrakten Ebene passiert das Gleiche auch mit Gedanken und Verhalten.

Kinder reden miteinander

Anstatt sich völlig an die neuen Realitäten anzupassen, die ein Kind entdeckt und schrittweise aufbaut, muss es langsamer gehen. Es muss diese Informationen in seinen Charakter und seine Leistungen integrieren. Diese egozentrische Assimilation charakterisiert sowohl die Anfänge des kindlichen Denkens als auch jene seiner Integration in die Gesellschaft.

„Wenn du einem Kind etwas beibringst, nimmst du ihm für immer die Chance, es für sich selbst zu entdecken.“

Jean Piaget

1976 veröffentlichte Piaget ein kleines Buch mit dem Titel Das Verhalten, die Triebkraft der Evolution.  Darin legte er seine Perspektive da, wie unser Verhalten als Trigger evolutionärer Veränderung fungiert. Er argumentierte, dass unser Verhalten kein Produkt sei, das sich unabhängig von der Wirkung des Menschen ergeben hätte.

Piaget stand dabei auf einer neodarwinistischen Position. Er glaubte, dass die Evolution nicht nur durch natürliche Selektion stattfinde, die ausschließlich das Produkt einer zufälligen genetischen Variabilität, adaptiver Vorteile und unterschiedlicher Überlebenschancen und Reproduktionsraten wäre. Wäre das der Fall, hätte das Verhalten des Menschen keinen Einfluss auf seine evolutionäre Entwicklung. Das Verhalten stellt in Piagets Augen allerdings eine Manifestation der globalen Dynamik eines offenen Systems dar, das in ständiger Interaktion mit seiner Umwelt steht. Es sei damit auch ein Faktor der evolutionären Veränderung.

Um die Mechanismen zu erklären, welche das Verhalten seine evolutionäre Funktion erfüllen ließen, stützte er sich auf das Konzept der Epigenetik und auf sein eigenes Modell der Anpassung durch Assimilation und Akkommodation. Piaget argumentierte, dass jedes Verhalten interne Faktoren beinhalte. Er wies auch darauf hin, dass das Verhalten aller Tiere und Menschen sich an die Umweltbedingungen anpasse. Das geschehe auf Basis der Assimilation, die wir als Integration früherer Verhaltensweisen verstehen können.

Ein Mädchen spielt Astronautin

Piagets Beiträge zur aktuellen Bildung

Piagets Beitrag zur modernen Bildung liegt vor allem in der Formulierung der Bildungstheorie, auf der viele neuere Arbeiten beruhen. So legte er den Grundstein für eine fortwährende Entwicklung in Theorie und Praxis der Bildung. Piaget ist nicht nur der Vater der modernen Pädagogik, sondern auch der Begründer der genetischen Psychologie. Wir wollen dabei klarstellen, dass der Begriff „genetische Psychologie“ nicht rein biologisch zu verstehen ist, da er sich nicht auf psychologische Prozesse als Ergebnis der DNA-Sequenz bezieht. Es wird von „genetisch“ gesprochen, weil Piaget am Ursprung des menschlichen Denkens gearbeitet hat.

Piaget definierte Lehrziele, wie zum Beispiel die Förderung der kognitiven Entwicklung des Kindes in den ersten Lebensjahren. Sie sollte der erste Schwerpunkt im lebenslangen Lernprozess sein. Sie ist absolut notwendig und ergänzt, was die Familie zu Hause „unterrichtet“. Frühe Erfahrungen ermöglichen es dem Kind, sich gut an die schulische Umgebung anzupassen.

Nach Piaget sei es das zweite Ziel der Bildung, den Geist dazu zu trainieren, kritisch zu sein. Dazu, alles, was er erhält, zu verifizieren und nicht notwendigerweise zu akzeptieren. In kollektiven Meinungen und vorgefertigten Tendenzen bestehe eine große Gefahr. Wir müssen deshalb in der Lage sein, diese Ideen infrage zu stellen und zwischen dem zu unterscheiden, was richtig ist und was nicht. Piaget betonte dabei auch, dass die theoretische Lehre, die ein Kind im Klassenzimmer erhält, nicht ausreiche, um das, was es über ein Thema zu wissen gebe, vollständig zu erfassen. Lernen umfasse unbedingt auch die Anwendung von Wissen, Experimentieren und Demonstrieren – und das kann nicht nur in der Schule erfolgen.

Klassenraum
Das Hauptziel der Bildung sei es, Menschen zu formen, die innovationsfähig sind und nicht einfach wiederholen, was andere Generationen schon beigetragen haben. Sie solle Menschen hervorbringen, die Schöpfer, Erfinder und Entdecker seien. Die zentrale Idee Piagets war es, dass Wissen keine Kopie der Realität, sondern das Produkt der Interaktion einer Person mit ihrer Umwelt sei. Dieses Wissen werde daher immer individuell sein und sich von jedem anderen existierenden Wissen unterscheiden.

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