Perfect Strangers: Haben wir unsere Privatsphäre verloren?

11. Dezember 2018

Was würde wohl passieren, wenn unsere Freunde und Bekannte plötzlich Zugang zu unseren sozialen Netzwerken hätten? Was verstecken wir in unseren Smartphones? Perfect Strangers  (2017) ist ein spanischer Film, der Antworten auf diese Fragen liefert. Regie führte Álex de la Iglesia. Es handelt sich um eine Adaption des italienischen Gegenstücks Perfetti Sconosciuti  (2016) des Filmemachers Paolo Genovese. Beide Versionen zeigen uns das Gleiche: Eine Gruppe von Freunden, die sich zu einem schönen Abendessen trifft. Doch plötzlich droht die Stimmung zu kippen, als durch ein Spiel intimste Details ihres Lebens ans Licht kommen.

Perfect Strangers  ergänzt die Filmografie dieses aus Bilbao, Spanien, stammenden Regisseurs. Nach der Premiere von El Bar  (2017) im selben Jahr, und Filmen wie My Big Night  (2015) oder Allein unter Nachbarn – La comunidad  (2000), ist es eigenartig, nun diese Komödie anzuschauen, die eine mehr oder weniger realistische Kritik an unserer heutigen Gesellschaft auszuüben scheint. De la Iglesia hat uns an eine andere Art von Humor gewöhnt, an einen schwarzen, bestialischen und viel surrealistischeren Humor; an normale Situationen, die am Ende bis zum Äußersten gehen und unglaublich verrückt sind.

Vielleicht ist das der Grund, warum viele nichts mit Perfect Strangers  anfangen können. Der gewählte Ansatz ist zweifellos interessant, aber diesem Abendessen fehlt ein deftigeres Gericht, und vielleicht waren einfach auch zu viele Vorspeisen übrig. Zu viele Zutaten für ein sehr kurzes und von Anfang an zu vorhersehbares Treffen, das so manchem Zuschauer übel aufstößt, sodass sie den Nachtisch stehen lassen.

Dennoch verfolgen die Idee, der Diskurs und die Reflexionen des Films in der Tat ein Ziel, das Anerkennung verdient. In Form einer Tragikomödie dargestellt, braucht es auf engstem Raum nicht viel mehr als ein Handy, um die Tragödie zu entfesseln. Eine auf die aktuelle Realität Bezug nehmende Komödie, die uns zum Lächeln bringt, aber auch zum Nachdenken anregt: Welchen Nutzen haben wir von neuen Technologien? Kennen wir die Menschen, die uns nahestehen, wirklich? Perfect Strangers  liefert uns in verschiedenen tragikomischen Situationen Antworten auf diese Fragen.

Privatsphäre im Zeitalter der Smartphones

Soziale Netzwerke sind Teil unseres Lebens; unser Smartphone ist beinahe eine Verlängerung unseres Armes und gleichzeitig ist es auch eine Art Tagebuch. Wir tragen es immer bei uns, wir speichern Bilder, Konversationen und eine unendliche Menge an Informationen, die wir teilweise mit anderen teilen, darauf ab. Wonach wir im Internet suchen, ist Teil unserer Privatsphäre. Wir sind nie allein oder einsam, da uns das Internet stets begleitet. Und das Internet kennt einen Teil unserer intimsten Gedanken.

Freunde beim gemeinsamen Kochen

In sozialen Netzwerken zeigen wir uns so, wie wir uns der Welt zeigen wollen: die schönsten Fotos von unserer Reise oder das köstliche Essen, das wir gleich zu uns nehmen werden. Aber was ist daran echt? Wir leben in einer Welt, in der wir uns ständig dem Urteil von anderen, von Fremden aussetzen. Deshalb versuchen wir, jenes Bild zu verschönern, das wir der Welt vermitteln wollen, obwohl es manchmal nicht der Realität entspricht.

Wir können daher sagen, dass wir in einer ständigen Lüge leben, einer falschen Realität, die nichts anderes ist als eine Verzerrung unserer selbst. Oftmals glauben wir nicht einmal selbst, was wir veröffentlichen. Wir schließen uns Initiativen an, nur weil wir fürchten, was andere sonst wohl über uns sagen würden, und wir teilen Nachrichten, die wir nicht einmal gelesen haben, aber deren Schlagzeile uns aufmerksam gemacht hat. All das wird in Perfect Strangers hinterfragt, einer Komödie, die zuschaut, während eine Gruppe von Freunden einen Seelenstriptease hinlegt. Wir begleiten diese Menschen, die sich angeblich sehr gut kennen.

Die von de la Iglesia vorgestellten Situationen sind so verrückt, dass sie nach und nach an Glaubwürdigkeit verlieren. Die Rede ist nicht von wahnsinnigen Situationen, weil sie einfach unmöglich wären. Es ist schlichtweg schwer zu glauben, dass eine Gruppe von Menschen mit so vielen Geheimnissen in Versuchung geraten könnte, alles von sich preiszugeben. Das ist wirklich das Letzte, was wir tun möchten: Unsere ganz private und wertvolle Wahrheit zeigen.

Aber genau das passiert unseren Charakteren. Sie legen ihre Maske ab und lassen ihre dunkelsten Geheimnisse ans Licht kommen, auch auf die Gefahr hin, alles zu verlieren, was sie haben. Die Komödie zeichnet sich durch genau diese Tragik, durch das Elend aus. Wir müssen lachen, wenn wir den vielen Zufällen folgen, die die Handlung des Films in die Länge ziehen. Zufälle, die der Freundschaft und der gegenseitigen Zuneigung aller Beteiligten ein Ende bereiten.

Freunde beim Abendessen

Ein Großteil unserer Privatsphäre wird in einem kleinen Gerät namens Smartphone aufbewahrt. Ein Gerät, das uns immer und überallhin begleitet und jederzeit sämtliche Informationen preisgeben kann. Was würde passieren, wenn wir es eine Nacht lang vor den Augen unserer Liebsten auf einem Tisch liegen lassen würden? Obwohl wir vielleicht denken, dass es nichts zu befürchten gebe, würde sicherlich ein Geheimnis, und wenn es noch so klein sein mag, enthüllt werden. Unsere Privatsphäre gehört dann nicht mehr länger uns. Wir verwahren sie in unserem Handy und gewähren anderen Zugang dazu, egal, wie viele Passwörter es schützen mögen.

Perfect Strangers:  Ein Porträt unserer heutigen Gesellschaft

Haben wir unsere Privatsphäre verloren? Vielleicht zeichnen wir ein falsches Bild von uns. Wir zeichnen ein Bild von uns selbst, das sehr weit von der Realität entfernt ist. Die Wahrheit ist leider, dass unsere Privatsphäre teilweise nicht mehr existiert. Wir leben ein so offenes Leben, dass dieses kleine Etwas, das wir als unsere Privatsphäre betrachten und in der wir diese kleinen Geheimnisse bewahren wollen, in unserem Smartphone lebt. Perfect Strangers  stellt die Abhängigkeit von und Angst vor unserem Selbstbild, die Angst vor der Offenbarung unseres wahren Ichs gekonnt dar.

Einige Charaktere zögern etwas länger als andere, diesem Vorschlag nachzukommen. Der Druck der Gruppe, insbesondere der Druck, der von den jeweiligen Partnern auf die einzelnen Personen ausgeübt wird, ist so groß, dass er sie dazu bewegt, am Ende doch die intimste Seite ihrer selbst zu zeigen. Im Falle von zwei Charakteren sehen wir, dass die Angst das Spiel überschattet, was dennoch zu einer sehr lustigen Szene führt. Angesichts der Angst, von seiner Partnerin entlarvt zu werden, schlägt Antonio Pepe vor, die Telefone auszutauschen. Was Antonio nicht weiß, ist, dass auch Pepe sich dadurch vor einem Geheimnis schützt, das er noch keinem seiner Freunde offenbart hat.

Dieser Schutz der Privatsphäre führt dazu, dass beide nicht zugeben wollen, dass sie ihre Mobiltelefone ausgetauscht haben, auch wenn diese Situation zu extremen Spannungen führt. Sie wollen es nicht verraten, obwohl sie wissen, dass alles aufgeklärt werden könnte, wenn sie die Situation auflösen. Aber beide klammern sich an ihr Geheimnis, an ihren kleinen Raum der Privatsphäre, zu dem sie anderen keinen Zutritt gewähren wollen.

Freunde stehen zusammen auf einem Balkon

Wenn es etwas gibt, das wir heutzutage nicht ertragen können, dann ist es Langeweile. Das sehen wir anhand von Evas Charakter, die von Anfang an will, dass in dieser Nacht etwas passiert; etwas Gutes oder Schlechtes, Hauptsache etwas, das mit der Routine, mit dieser elenden Monotonie bricht.

Durch den gesamten Film zieht sich ein interessantes Phänomen, das diese Serie von Zufällen begleitet: der Blutmond. Seit der Antike weiß man um den Einfluss des Mondes auf unsere Welt, insbesondere was flüssige Elemente anbelangt. Die Gezeiten werden vom Mond bestimmt, aber auch unser Gehirn ist von einer Flüssigkeit umgeben. Deshalb sahen einige Philosophen, wie z. B. Aristoteles, eine gewisse Korrelation zwischen den Mondphasen und dem menschlichen Verhalten. Der Mond besitzt also eine enorme Macht, gegen die nicht einmal die besten Smartphones auf dem Markt ankommen können. Der Blutmond beeinflusst die Situation im Film auf beeindruckende Weise und lässt die Teilnehmer irrational werden.

Perfect Strangers  ist irgendwie verrückt, gleichzeitig aber auch urkomisch. Der Film zeigt uns die möglichen Folgen unserer heutigen Welt auf, lässt uns über Heuchelei, Lügen und falsche Erscheinungsbilder nachdenken. Kennen wir die Menschen, die uns am nächsten stehen, wirklich oder kennen wir nur das Bild, das sie von sich zeichnen wollen? Übertragen auch wir die Falschheit der sozialen Netzwerke auf unsere eigene tägliche Realität?

Álex de la Iglesia schenkt uns mit Perfect Strangers  ein Remake dieser Komödie, die am Ende doch diesen typischen Charakter von de la Iglesias Filmen hat, der uns einerseits zum Lachen und andererseits zum Nachdenken bringt.

„Vielleicht habe ich dich ja nie gekannt.“

Perfect Strangers