Paranoia und Schizophrenie: erhöhtes Risiko für psychische Krankheiten in Städten

Hektik, Stress und Umweltbelastungen kennzeichnen das Leben in der Großstadt. All diese Faktoren wirken sich auch auf die psychische Gesundheit aus. Erfahre heute mehr über dieses Thema.
Paranoia und Schizophrenie: erhöhtes Risiko für psychische Krankheiten in Städten
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 14. Januar 2023

Die Schriftstellerin Kate Milford erwähnte, dass es in einer Stadt mehr verborgene Räume, verborgenes Leben und versteckte Einsamkeit gibt, mehr dunkle Fenster, durch die sich die Schatten der Menschen schlängeln. Die Wahrheit ist, dass Städte oft trostlos sind und uns das laute und hektische Leben in seiner Routine mitreißt. Dies hat Auswirkungen auf die Gesundheit: Eine Studie weist darauf hin, dass das Risiko für Paranoia und Schizophrenie in Städten höher ist.

Der Asphaltdschungel bietet uns zahlreiche berufliche, kulturelle und soziale Möglichkeiten, doch gleichzeitig raubt er uns unsere Gesundheit. Man muss sich nur die Architektur vieler Gebäude ansehen: graue Betonblocks an lauten Straßen oder Autobahnen, die kaum Sonnenlicht durchlassen und wie Gefängnisse aussehen.

Städtische Räume sind für Geist und Körper bedrückend: Sie fördern nicht nur Stress, auch die Umwelt- und Lärmbelastung ist hoch. Städte symbolisieren zwar die Essenz des Fortschritts und sind in vielen Fällen das Markenzeichen für die Entwicklung eines Landes. Beispiele dafür sind Tokio, Seoul, London, Kopenhagen und Singapur. Sie sind jedoch nicht nur globale Wirtschafts- oder Kulturzentren, sondern haben noch eine andere Realität. In städtischen Gebieten gibt es jedoch mehr schwere psychische Erkrankungen.

Warum ist das so? Was erklärt, warum es in einer Stadt im Süden Londons mehr Schizophreniefälle gibt als zum Beispiel in der walisischen Region Pembrokeshire?

Depressionen treten in städtischen und ländlichen Gebieten gleichermaßen auf. Krankheiten wie Schizophrenie sind jedoch in Großstädten häufiger anzutreffen.

Umweltverschmutzung in Städten
In Städten kommt es vermehrt zu Stress, der mit der Zeit ernste psychische Störungen verursachen kann.

Paranoia und Schizophrenie in Städten

Der Verdacht, dass psychische Störungen wie Paranoia und Schizophrenie in städtischen Gebieten häufiger auftreten als auf dem Land, besteht schon lange. Im 20. Jahrhundert spekulierten Experten, dass Städte “Wahnsinn” verursachen. Dieser Begriff ist zwar stigmatisierend, aber es gibt eine Erklärung dafür.

Schwere psychische Erkrankungen sind in Städten deutlich häufiger anzutreffen. Störungen wie Angstzustände oder Depressionen (die leichter zu bewältigen sind) sind jedoch bei Menschen, die auf dem Land, an der Küste oder im Zentrum von Delhi leben, gleichermaßen vorhanden. Es gibt also etwas Auffälliges, das schon immer die Aufmerksamkeit der Psychiatrie, Psychologie und Neurowissenschaften auf sich gezogen hat.

Wir können jetzt einige Antworten auf dieses Rätsel geben. Lies weiter, um mehr darüber zu erfahren.

Mehrere Studien weisen darauf hin, dass Grünflächen das Risiko einer Psychose durch weniger Stress und Umweltverschmutzung verringern.

Städte, Stress und genetische Veranlagung

Die Universität von London führte 2019 eine Studie durch, um diese Frage zu klären. Bislang bringen epidemiologische Studien das Stadtleben immer noch mit einem erhöhten Psychose- und Schizophrenierisiko in Verbindung. Diese Daten sind über die Jahre hinweg unverändert geblieben.

Wir wissen, dass Schizophrenie bei etwa 50 Prozent der Betroffenen genetisch bedingt ist. Personen mit direkten Verwandten, die an dieser Krankheit leiden, weisen deshalb ein zehnmal höheres Risiko auf, ebenfalls daran zu erkranken, als Menschen ohne diesen genetischen Hintergrund. Doch es gibt auch andere Faktoren, die zusätzlich eine signifikante Rolle spielen.

Stress wirkt als Auslöser und kann das Gen aktivieren, das zu Paranoia und Schizophrenie prädisponiert. Wie wir alle wissen, sind Städte und urbane Umgebungen Orte, an denen der Lebensstil einen anderen Rhythmus hat. Es gibt mehr Druck, Ängste und Unsicherheiten. Und chronischer Stress gilt als Auslöser für psychische Erkrankungen.

Einsamkeit in Städten verstärkt paranoide Ideen

Menschen mit Schizophrenie erleben das Gefühl der Abgeschiedenheit von ihrer Umwelt. Sie leiden an Einsamkeit, ganz besonders in großen Städten. Die geschäftige urbane Gesellschaft führt paradoxerweise viele Menschen in die Einsamkeit und Isolation.

Fabian Lamster von der Universität Marburg hat sich intensiv damit beschäftigt. Das Gefühl der Einsamkeit ist in Städten stärker ausgeprägt als auf dem Land, und wenn diese Situation zu einer Konstante wird, kommt ein weiteres Element hinzu: Misstrauen. Wenn Menschen sich von ihrer Umgebung isoliert fühlen, entwickeln sie mehr paranoide Ideen.

Natürlich können sich Personen, die in einem ländlichen Dorf wohnen, auch einsam fühlen. Allerdings ist die Einsamkeitsrate in Großstädten überwältigend. Dieses Gefühl ist verheerend für das Gehirn. Es kann auch ein Auslöser für Paranoia und Schizophrenie sein.

Forschungen zeigen, dass das Leben in einer Großstadt in vielen Fällen psychische Probleme verschlimmert, und zwar so sehr, dass es das gefährlichste Rezept für Paranoia oder Psychosen zu sein scheint.

gestresster Mann - das Leben in Städten produziert chronischen Stress
In Städten fühlen sich viele zunehmend einsam, was die psychische Gesundheit beeinträchtigt.

Fazit

Es stimmt zwar, dass Paranoia und Schizophrenie in Städten häufiger vorkommen, aber wir benötigen weitere Daten und Variablen, um diesen Zusammenhang zu erklären. Wie wirkt sich beispielsweise die Umweltverschmutzung auf die psychische Gesundheit aus? Wichtig ist auch zu analysieren, ob diese Krankheiten in ländlichen Gebieten unterdiagnostiziert sind oder nicht.

Eine Tatsache ist auf jeden Fall unbestreitbar: In Städten leidet die psychische Gesundheit besonders stark. Stress, Druck, Ängste und Einsamkeit zeigen zwangsläufig ihre Wirkung. Weniger Beton und mehr Pflanzen ist deshalb eine grundlegende Forderung, um das Wohlbefinden städtischer Bewohner zu fördern. Zusätzlich sind mehr Ressourcen für die psychische Gesundheit nötig, um Einsamkeit zu vermeiden und bereichernde soziale Beziehungen zu fördern.

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