Nur wer mutig ist, kann die Traurigkeit anerkennen

9. August 2017 en Psychologie 5 Geteilt

Wie oft hast du schon versucht, deine Traurigkeit zurückzuhalten oder zu beschönigen? Von Kindesbeinen an hat uns die Gesellschaft immer wieder zu verstehen gegeben, dass wir uns nicht erlauben könnten, traurig zu sein, dass wir mutig und jederzeit stark sein müssten, dass wir nicht ermüden dürften, wir nichts aus der Traurigkeit lernen würden und dass einzig und allein Freude ein wünschenswertes Gefühl sei und nur sie gut für uns wäre. Selbstverständlich sind wir auch mit unserer Freude zurückhaltend und niemals euphorisch.

Natürlich ist die Traurigkeit ein negatives Gefühl, aber was würde passieren, wenn wir aus ihr ein Gefühl machen, das uns bereichert, und wir dazu in der Lage wären, sie zu akzeptieren und aus ihr zu lernen? Was wäre, wenn wir ihr einen Raum gäben, anstatt sie einzusperren?

Traurigkeit: ein Grundgefühl

Der Verlust eines Familienmitglieds, ein Beziehungsende, eine Kündigung oder Krankheit, das Scheitern an unseren eigenen Erwartungen – das sind nur ein paar Beispiele dafür, was uns traurig macht. Oftmals ist es so, dass die Traurigkeit nicht von Anfang an da ist, denn im ersten Moment sind wir wütend wegen der Härte, mit der uns ein Verlust trifft.

Eine sehr wichtige Unterscheidung müssen wir zwischen der Traurigkeit und einer Depression machen. Letzteres ist kein Gefühl, sondern eine Krankheit, die von Dauer ist und erst dann diagnostiziert werden kann, wenn zu der andauernden, intensiven Traurigkeit weitere Symptome dazukommen. Trotz dieses Unterschieds, der von großer Bedeutung ist, wird die Traurigkeit ähnlich wie eine Depression verstanden, sodass viele Menschen ihrer Traurigkeit schleunigst ein Ende bereiten wollen.

Wenn du neben dem über einen bestimmten Zeitraum empfundenen Gefühl, traurig zu sein, noch dazu Schlafstörungen hast, keine Freude an Aktivitäten findest, die dich früher glücklich machten, du deinen alltäglichen Aktivitäten nicht mehr nachgehen willst, du Konzentrationsschwierigkeiten und Schuldgefühle hast, dann gibt es keinen Zweifel daran, dass es höchste Zeit ist, dir professionelle Hilfe zu suchen.

Aber die Traurigkeit an sich ist eine einzigartige Möglichkeit, uns selbst kennenzulernen. Im Fall von Traurigkeit bedürfen wir der Unterstützung und Hilfe geliebter Menschen, und keiner ärztlichen Behandlung.

„Manchmal geht etwas schief und daran hat niemand Schuld. Aber alle wollen wissen, warum, sie wollen den Grund erfahren. Etwas, das sie einpacken, es mit einem Band umwickeln und im Garten der Vergangenheit vergraben können. So tief vergraben, dass es so scheint, als wäre es nie passiert.“

Aus: Die geheimnisvolle Welt des Leland Fitzgerald

Tränen

Wir Menschen haben schon so viele Tränen vergossen und trotzdem kennen wir immer noch nicht das gesamte Mysterium dahinter, auch wenn zahlreiche Studien bestätigen, dass sie bei uns sozialen Wesen eine Funktion der Befreiung und Kommunikation mit anderen erfüllen, um Trost zu finden.

Hinter unseren Tränen verbirgt sich ein komplexes Netzwerk aus Emotionen und nicht nur ein einziges Gefühl. Auch die Umstände, unter denen wir weinen, können sehr unterschiedlich sein: Wir können vor Glück weinen, wegen der von unseren Mitmenschen entgegengebrachten Empathie, vor Wut oder wenn wir einen Film sehen, der uns bewegt. Jede Träne erzählt davon, was für uns wichtig ist.

Sie zurückzuhalten oder als Feinde anzusehen, macht uns daher weder zu stärkeren noch zu besseren Menschen. Dieses Verhalten ist vollkommen daran orientiert, was wir glauben, was ein anderer Mensch von uns denken könnte. Und an diesem Punkt sollten wir uns fragen: Vielleicht hat dieser Mensch noch nie geweint? Wenn dem so ist, läuft irgendetwas falsch. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass dieser andere Mensch unsere Tränen viel weniger als Schwäche interpretiert als wir selbst.

Weinen beruhigt uns, verringert unsere Angst, führt dazu, dass wir ruhiger atmen, unseren Gefühlen treu bleiben, uns mit anderen verbinden. Was soll also schlecht daran sein, zu weinen?

Weine nicht, sei stark

Wenn wir nah am Wasser gebaut sind, haben wir schon oft in unserem Leben jemanden zu uns sagen hören, dass wir nicht weinen sollen. Dass wir trotz allem stark sein müssten, dass Weinen was für Schwächlinge, es lächerlich, oder noch schlimmer, kindisch sei. Da wir das so häufig gehört haben, haben wir es schließlich verinnerlicht. Dadurch sind wir zum ersten Zensor unserer Tränen geworden.

Manchmal können wir verstehen, wieso man uns das sagt. Auch steckt meist keine böse Absicht hinter diesen Aussagen und es sind einfach nur Sätze, die wir von klein auf zu hören bekommen, etwas aus ihnen lernen und sie verinnerlichen. Wir sagen solche Sätze selbst, häufig, ohne über sie nachzudenken.

Aber wie wir bereits gesagt haben, hat das negative Folgen. Die Akzeptanz und Verbreitung dieser Nachricht ist der fruchtbare Boden, auf dem neue Generationen wachsen, die das ernten, was wir gesät haben. Kinder lernen und verinnerlichen für gewöhnlich recht schnell, was ihnen ihre Eltern verbieten, was ein wichtiger Schritt hin zum Jugend- und Erwachsenenalter ist.

Wir haben eine Verantwortung für sie und für uns: Wir haben die Verantwortung dafür, zu verstehen, welche Rolle Emotionen spielen, ganz gleich welcher Natur sie sind. Es geht darum, sie zu akzeptieren und ihnen freien Lauf zu lassen, damit sie ihre heilende oder motivierende Funktion erfüllen können.

„Lache, wenn du kannst, und weine, wenn du es brauchst.“

Chojin

Die Traurigkeit ist letztendlich nur ein weiteres unserer Gefühle und wenn wir angemessen von ihr Gebrauch machen und sie begründet ist, ist sie eine unserer stärksten Verbündeten. Deshalb solltest du sie nicht als Feind ansehen und keinen Kampf gegen sie beginnen, denn ein solcher Kampf bewirkt nur, dass du noch mehr leidest und dich das noch mehr entmutigt.

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