Die Wunde eines schweren Verlustes heilen

· 2. Juli 2017

Das Leben bereitet uns häufig Schmerz: Nach und nach müssen wir uns vom gewohnten Umfeld, von Freunden, Kollegen, Verwandten, und Partnern trennen – Beziehungen gehen zu Bruch, wir müssen Orte verlassen, an denen wir uns wohlgefühlt haben, Lebensabschnitte gehen zu Ende. Manche dieser Erfahrungen können sehr schmerzhaft sein, aber der Tod eines geliebten Menschen ist mit Abstand die schmerzhafteste. Ein solcher Verlust zählt zu den schwierigsten Momente in unserem Leben. Er kann so schmerzhaft sein, dass wir nicht wissen, ob wir dieser Spirale des Schmerzes jemals wieder entkommen werden.

Verlange dir in einer solchen Situation nicht zu viel ab, stresse dich nicht auf der Suche nach Antworten. Es gibt keine festen Regeln, wie man mit einem derartigen Verlust richtig umgeht. Als Menschen brauchen wir Zeit, bis wir emotional heilen können.

„Willst du das Leben ertragen, musst du den Tod akzeptieren.“

Sigmund Freud

Wo es Leid gibt, gibt es auch Schmerz

Menschen in deinem Umfeld werden dir Vorschläge dazu machen, was dir helfen könnte, um mit deinem Schmerz fertig zu werden. Aber auch du selbst kannst dich unter Druck setzen, dir Regeln aufbürden: „Betritt sein Haus nicht!“, „Quäle dich nicht damit, Fotos von ihm anzuschauen!“, „Verschenke seine Kleidung!“ – vielleicht helfen dir diese Regeln, vielleicht auch nicht.

Entscheide für dich! Versuche nicht, Momente oder Situationen zu vermeiden, von denen du denkst, dass du sie durchleben musst, um zu heilen, denn längerfristig bedeutet dies nur noch größeres Leid. Mache und sage alles, was du willst. Etwas Falsches zu sagen, tut nicht so sehr weh, wie nicht zu sagen, das raus muss. Auch wenn dich der Schmerz vollkommen einnimmt, entscheide immer für dich.

Manche Verluste treffen uns schlimmer als andere, und oft sind die Folgen von den Umständen abhängig: Wenn du glaubst, dass der Tod hätte verhindert werden können, wenn du glaubst, dass der Betroffene sehr gelitten hat, wenn dir Informationen fehlen, oder wenn dir die Nachricht nicht so zugetragen wird, wie du es dir erwünscht hättest, schmerzt der Verlust noch mehr.

 

„Wie das Meer um die Insel des Lebens, singt der Tod Tag und Nacht ununterbrochen sein Lied.“

 Rabindranath Tagore

Die Realität konfrontieren

Vielen Menschen geht es während der ersten Tage nach dem Verlust besser als in den folgenden Monaten. Das ist eine völlig normale Reaktion, ein Schutzmechanismus. Der anfängliche Schock ist ein Schutzmechanismus, der uns davor bewahrt, vom Schmerz überschwemmt zu werden. Oft folgen auf diesen Schock Angst, Panik, innerliche Unruhe, Wut und Verzweiflung, dazu die Unfähigkeit, sich zu konzentrieren und überhaupt zu begreifen, was passiert ist, und man glaubt, dass alles nur ein Albtraum sei.

Der Verstand arbeitet nun anders. Man nennt diesen Prozess Derealisation (eine Verfremdung der Realität) und Depersonalisation (eine Verfremdung der eigenen Person). Auf diese Weise verarbeitet der Körper das Leid, indem er es dosiert und über einen längeren Zeitraum an die Oberfläche kommen lässt.

Sich in solch einem Zustand zu befinden bedeutet nicht, dass man verrückt oder krank ist. Betäubung und Verwirrung sind Teil der Verarbeitung des Verlustes. Der Schmerz ist natürlich, so schädlich er dir auch erscheinen mag. Wenn ein geliebter Mensch von uns geht, ist die menschlichste Reaktion das Leid.

Wenn dieser geliebte Mensch nun nicht mehr da ist, ist das Letzte, was du in dir finden wirst, Gefühle der Euphorie und der Freude. Versuche nicht, sie zu erzwingen. Gib dir Zeit und erlaube dir deine Trauer. Es ist Zeit, mit dir selbst in Kontakt zu treten und von deiner Umgebung Mitgefühl, Zuneigung und Respekt anzunehmen.

Und was tun, mit Objekten, die uns an die verschiedene Person erinnern? Ist es besser, sie zu behalten oder sie wegzuwerfen? Vielmehr geht es darum, was man aus ihnen macht. Die Funktion solcher Objekt ist es, etwas, das dir viel bedeutet hat, zu erhalten. Sie ermöglichen dir Erinnerungen und Gefühle zu konservieren, die nach wie vor da sind. Wenn Gegenstände dir helfen, in die Realität zurückzukommen, ohne an ihr zu zerbrechen, können sie für die Bewältigung deines Leidensweges sehr nützlich sein. Wenn ihr Erhalt allerdings eine Strategie ist, den Verlust zu verdrängen oder die Wirklichkeit zu leugnen, werden sie dir nicht ermöglichen, das Geschehene zu verarbeiten.

Es ist also nicht zu empfehlen, alles so schnell wie möglich loszuwerden. Gib dir Zeit, um zu entscheiden, was mit diesem oder jenem Objekt passieren soll. Lasse außerdem nicht zu, dass jemand anderes diese Aufgabe für dich übernimmt. Es selbst zu tun, wird dir helfen, auch wenn es wehtun kann.

„Der Tod beraubt uns nicht unserer Geliebten. Ganz im Gegenteil, er erhält sie uns und macht sie in unseren Erinnerungen unsterblich. Das Leben beraubt uns ihrer jedoch häufig und für immer.“

Francoius Mauriac

Wie lange?

Bestrafe dich nicht selbst. Wirf dir niemals vor, dass du dich schon längst besser fühlen solltest. Die Zeit ist auf deiner Seite. Dein größter Feind ist es, dir nicht zu erlauben, zu trauern. Wir wachsen an jedem Verlust und lernen, was uns wirklich wichtig ist. Auch wenn unser Leben nie mehr so sein wird wie zuvor, entwickeln wir neue Strategien, um mit Schwierigkeiten fertig zu werden und mit Konflikten umzugehen.

Der Schmerz ist eine Wunde, die durch das Fehlen von Zuneigung entsteht. Dieses Fehlen veranlasst uns dazu, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Lebenskrisen dieser Art konfrontieren uns mit vielen Fragen. Als Menschen suchen wir natürlicherweise nach dem Sinn in Ereignissen, und je mehr wir nach ihm suchen, desto schwieriger gestaltet sich diese Suche. Die Sinnsuche ist keine Station im Leben und kann nicht an einer einzigen Stelle abgeschlossen werden, sondern sie prägt unseren gesamten Lebensweg. Und Verlust und Schmerz helfen uns, auf ihm voranzukommen. Dabei ist keine Eile gefordert, denn der einzige Ort, an dem du ankommen musst, bist du selbst.

„Wenn die Menschen nicht fähig sind, eine Geschichte zu schreiben, die Sinn hat, sollten sie sich zumindest so verhalten, als hätte ihre persönliche Geschichte Sinn.“

Albert Camus