Nomaden des 21. Jahrhunderts

4. Mai 2019

Kannst du dir vorstellen, von einem Ort zum anderen zu wandern, ohne dich dauerhaft niederzulassen? Nomaden haben dies getan, und es gibt einige, die diesen Lebensstil immer noch pflegen, aber durch gesellschaftliche Umwälzungen wie die Industrialisierung wird das immer schwieriger. Mit den jüngsten Veränderungen hat sich aber auch eine neue Gruppe geprägt, die sich diesem Leben verschrieben fühlt: die Nomaden des 21. Jahrhunderts.

Aber was ist der Unterschied zu den Nomaden, die wir aus den Geschichtsbüchern kennen? Die „neuen Nomaden“ oder Nomaden des 21. Jahrhunderts führen diesen Lebensstil in der Regel nicht als Gemeinschaft. Es ist vielmehr eine persönliche oder familiäre Situation, die sich aus verschiedenen Faktoren ergibt.

Wer sind sie? Was tun sie? Was führt sie dazu, diesen Lebensstil zu praktizieren? Wir wollen alle diese Fragen in diesem Artikel beantworten. Darüber hinaus zeigen wir einige interessante Fakten zum Nomadentum der Moderne auf.

Arten von Nomaden im 21. Jahrhundert

Es gibt verschiedene Arten von Nomaden im 21. Jahrhundert, je nach Kontext, in dem sie sich befinden, und vor allem dem Grund, weshalb sie sich für diesen Lebensstil entschieden haben.

Mann mit Rucksack in einem fremden Land

Nomaden, die ihre Kultur pflegen, oder traditionelle Nomaden

Dies sind Gemeinschaften, die aufgrund ihrer Verhaltenskodizes, Traditionen, überlieferter Praktiken und Glaubenssysteme Nomaden sind. Sie sind die klassischen Nomaden, wenn wir sie so nennen wollen. Darüber hinaus sind innerhalb dieser Art von Nomaden die stationären Nomaden zu nennen, die je nach Jahreszeit ihren Aufenthaltsort wechseln.

Die Zahl der klassisch nomadischen Gemeinschaften ist aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen durch die Industrie, die Ausbeutung als Reaktion auf Interessen an natürlichen Ressourcen und durch Gesetze und politische Vorgaben, die sie in gewisser Weise verpflichten, an einem Ort zu bleiben, zurückgegangen. Diese nomadischen Gruppen sahen sich deshalb durch die genannten Veränderungen bedroht.

Allerdings gibt es noch immer rund 40 Millionen Nomaden dieser Art. Sie sind in Ländern wie Chile, Kolumbien, Venezuela, Mexiko, Spanien, den Philippinen, Kenia und anderen anzutreffen.

Nomaden aus persönlichem Interesse

Das sind die Menschen, die daran interessiert sind, die Welt kennenzulernen und dafür zu reisen, ohne ein definiertes Zuhause zu haben. Das heißt, sie wechseln von einem Ort zum anderen, um zu lernen, aber ohne einen festen Platz zu haben. Die Art und Weise der Bewegung mag nicht so umfassend sein wie die der klassischen Nomaden, aber zumindest vorübergehend entscheiden sie sich für die ständige Bewegung als Lebensweise.

Es kann sich dabei um Menschen handeln, die zum Vergnügen reisen, die wissen und lernen wollen … Es gibt Millionen von Gründen! Sicher ist, dass sie sich von den Fesseln des Lebens an einem festen Ort befreien wollen, und sich auf das Abenteuer des Ortswechsels einlassen.

Mit dem Fahrrad unterwegs zum Horizont

Es kann sich auch um Knowmads  oder Nomaden des Wissens handeln. Das sind Menschen, die die Fähigkeit haben, aus ihrem großen Wissen neue Konzepte zu entwickeln und mit jedem und praktisch überall zu arbeiten.

Nomaden aus Zwang

Das sind die Nomaden, die diesen Zustand aus der Not heraus gewählt haben. Ein klares Beispiel ist die Zwangsvertreibung. Nach Angaben der Weltbank bezieht sich der Begriff Zwangsvertreibung auf die Umsiedlung von Menschen, die ihre Heimat verlassen, um vor einem der folgenden Umstände zu fliehen:

  • Verletzungen der Menschenrechte
  • Konflikte
  • Verfolgungen
  • Gewalt

Sie unterscheiden sich von Migranten dadurch, dass diese sich aktiv entscheiden, ihren Aufenthaltsorts zu wechseln, um bessere Lebensbedingungen zu erreichen. Die Grenze zwischen Vertriebenen und Migranten verschwimmt jedoch oft.

Vertriebene an Maschendrahtzaun

Es gibt eine Vielzahl von Untersuchungen zu diesem Thema. Einige sprechen von Zwangsvertreibung als dem neuen Nomadentum, das auf Gewaltsituationen beruht, die Menschen aus „ihren natürlichen Nischen herausdrängt und sie in Siedler in neuen Ländern, in Slumbewohner in neuen Städten verwandelt“.  Das ist es, was Hernán Henao Delgado, Direktor des INER-Instituts für Regionalstudien, dazu sagt.

In seinem Artikel Los desplazados: nuevos nómadas  (spanischer Artikel, zu Deutsch: Die Vertriebenen: neue Nomaden) finden wir komprimierte Reflexionen über diese Situation. Delgado spricht über das Phänomen, das Opfer und die Destabilisierung durch äußeren Druck. Darüber hinaus bereichert er seinen Text mit eindrucksvollen Zeugnissen.

Merkmale von Nomaden des 21. Jahrhunderts

Natürlich hängen die Eigenschaften der Nomaden des 21. Jahrhunderts von den jeweiligen Hintergründen des Nomadentums ab.

Traditionelle Nomaden

Traditionelle Nomaden sind oft Jäger, Sammler, Viehzüchter oder Reisende auf der Suche nach Vorräten. Sie sind gekennzeichnet durch:

  • Mobile Gruppen. Sie sind zum Beispiel Jäger und Sammler.
  • Sie verlassen sich auf die Organisation der Gruppe, politisch, wirtschaftlich und administrativ, wenn auch manchmal weniger aufwendig als die von sesshaften Gemeinschaften.
  • Sie pflegen kulturelle Werte. Sie verfügen über Kunst, Musik, Traditionen und Bräuche. Darüber hinaus haben viele eine Neigung zur Natur, sind daran interessiert, sie zu schützen, weil sie wissen, dass sie sie in der Zukunft brauchen werden.
  • Sie verstehen ihre Umzüge als Suche nach Ressourcen. Entweder sind sie auf der Suche nach Nahrung für sich selbst, für ihre Tiere, oder um das zu einzuholen, was sie in anderen Ländern angebaut haben.

Nomaden aus persönlichem Interesse

Nomaden aus persönlichem Interesse sind in der Regel Menschen, die jeden Moment als Lernmöglichkeit sehen. Darüber hinaus zeichnen sie sich aus durch:

  • Elan. Sie sind aktive Menschen, die mit Innovation und Wille zur Transformation handeln.
  • Anpassungsfähigkeit. Die neuen Nomaden aus persönlichem Interesse haben die Fähigkeit, in jeder Umgebung zu funktionieren. Sie sind flexibel, sodass sie sich überall durchsetzungsfähig entwickeln können.
  • Kreativität. Es sind Menschen, die ständig Ideen entwickeln, sei es aus ihren Reisen oder Projekten.
  • Empathie. Sie versetzen sich in die Haut des anderen, was ihnen erlaubt, besser Beziehungen zu knüpfen.

Im Falle von Knowmads sind sie Experten, die über große Kenntnisse in ihrem Bereich verfügen, zusammen mit der Verfügbarkeit und dem unschätzbaren Wert, fast überall und mit jedem zu arbeiten. Darüber hinaus widmen sie sich mit Leidenschaft der Arbeit, der Beherrschung neuer Technologien, einschließlich der Verwaltung sozialer Netzwerke.

Nomadin mit Rechner und Wein am Meer

Nomaden aus Zwang

Die Zwangsvertreibung, von der wir sprachen, ist nach Hernán Henao Delgado gekennzeichnet durch:

  • Spontaneität. Da es sich um eine nicht geplante Situation handelt, zwingt der Druck die Menschen, ihre Häuser zu verlassen und sich zu bewegen, wenn es die Situation erfordert.
  • Dispersion. Jeder wählt den Weg, von dem er denkt, dass er sein Überleben sichern könne.
  • Semiklandestinität. Als Opfer von Terror und Bedrohung neigen solche Vertriebenen dazu, ihre Position zu verbergen.
  • Unsichtbarkeit. Viel mehr als jene Opfer versuchen, sich zu verstecken, wird das Problem an sich totgeschwiegen.

Wie kommt es zu diesem Trend?

Dieser Trend wurde durch Globalisierung und Industrialisierung ausgelöst. Dank der so eingeleiteten Veränderungen wurde dieser Lebensstil erhalten, inspiriert oder verwandelt. Auf der einen Seite mussten einige traditionelle Nomaden ihre Verhaltensweisen ändern, um sich an die neuen Bedingungen anzupassen. Andere haben es geschafft, ihre Bräuche aufrechtzuerhalten, sind aber zunehmend bedroht. Darüber hinaus können Nomaden aus persönlichem Interesse dank immer leichterer Mobilisierung und neuer Technologien verschiedene neue Arbeitsformen entwickeln, sich an unterschiedlichste Orte anpassen und ihre Arbeit von dort aus erledigen, ohne von einem bestimmten Ort abhängig zu sein. Andererseits sind zunehmend mehr Nomaden unterwegs, die vor Konflikten und Kriegen fliehen.

Die Nomaden des 21. Jahrhunderts haben eines gemeinsam, ob sie es wollen oder nicht: Sie haben sich an die Bedingungen der heutigen Welt angepasst. Werden sie weiter existieren? Werden sich neue Gruppen bilden? Jeder Kontext bringt Veränderungen mit sich, die wiederum den Lebensstil beeinflussen, den sie kennen und pflegen.

  • Henao Delgado, H. (1999). Los desplazados: nuevos nómadas. Nómadas (10), 62-76.
  • Roca, R. (2018). Knowmads: Los trabajadores del futuro. Madrid: Editorial Lid.
  • Banco Mundial. (2015) Preguntas frecuentes: Desplazamiento forzado, una ciris mundial cada vez mayor. Recuperado de: http://www.bancomundial.org/es/topic/fragilityconflictviolence/brief/forced-displacement-a-growing-global-crisis-faqs