Neuromythen: Gängige Missverständnisse über unser Gehirn

08 Juni, 2020
Denkst du, dass Menschen nicht ihre gesamte Gehirnkapazität nutzen? Oder dass Linkshänder kreativer sind? Dies sind beliebte Vorstellungen, die aber nicht durch wissenschaftliche Beweise gestützt werden. Aus diesem Grund haben wir uns dazu entschieden, in unserem heutigen Artikel einige der häufig vorkommenden Neuromythen zu widerlegen.
 

Da die Neurowissenschaften ständig neue Entdeckungen über das menschliche Gehirn machen, ist das Interesse an diesem Gebiet unermesslich gewachsen. Leider ist eine der Folgen dieses gestiegenen Interesses die Fehlinterpretation oder Dekontextualisierung der Forschung über das Gehirn. Dies wiederum führt zur Entstehung von „Neuromythen“.

Diese Mythen über neurowissenschaftliches Wissen scheinen in der Welt der Bildung besonders verbreitet zu sein. Infolgedessen haben Eltern, Lehrer und Schüler bestimmte falsche Vorstellungen über das Gehirn und den Lernprozess.

Diese Informationsverzerrung hat wiederum zu Methoden im Bildungswesen geführt, die nicht auf Beweisen beruhen. Dies führt auch zu falschen Urteilen und Wahrnehmungen, die sich darauf auswirken, wie Pädagogen (Eltern und Lehrer) den Lernprozess angehen.

Alle Neuromythen haben ihren Ursprung in echten wissenschaftlichen Erkenntnissen
 

Neuromythen widerlegen

Alle Neuromythen haben ihren Ursprung in echten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Aus dem einen oder anderen Grund verzerren die Menschen diese Informationen jedoch oder sie betrachten nur einen ganz bestimmten Aspekt der Forschung. Im Folgenden werden wir die drei häufigsten Neuromythen  widerlegen.

1. Menschen nutzen nur 10% ihres Gehirns

Dies ist wahrscheinlich der am weitesten verbreitete Neuromythos, der unter anderem von Pädagogen, Parapsychologen und Werbefirmen wiederholt wird. Der Mythos besagt, dass Menschen nur 10% ihres Gehirns nutzen. Gleichzeitig besagt er aber auch, dass wir diesen Prozentsatz mit bestimmten Trainings- oder Lerntechniken erhöhen können. Das bedeutet, dass die anderen 90% unseres Gehirns im Grunde genommen nicht genutzt werden.

Das Körnchen Wahrheit dieses Neuromythos ist, dass das Gehirn ein starkes Organ ist und aufgrund seiner Funktionsweise niemals zu 100% arbeitet. Das bedeutet aber nicht, dass wir unsere Fähigkeiten nicht verbessern können. Die Verbesserungen werden  durch die folgenden Dinge erreicht und es geht dabei nicht um mehr „Raum“:

 

Wenn dein Gehirn zu 100% aktiviert wäre, würde es eine enorme Menge an Energie benötigen. Es würde auch jede Art von Verhalten gleichzeitig auslösen. Das Gehirn aktiviert verschiedene Zonen, die miteinander verbunden sind, um bestimmte Verhaltensweisen oder kognitive Prozesse auszulösen.

Wissenschaftler haben auch gesehen, dass unser Gehirn im Schlaf immer noch ein gewisses Maß an Aktivität aufzeigt. Wir nutzen also 100% unseres Gehirns, aber nicht zur gleichen Zeit.

2. Wir können besser lernen, wenn wir unserem „Lernstil“ folgen

Eine andere weit verbreitete Überzeugung ist die, dass Schüler besser lernen, wenn die Präsentation der Informationen mit ihrem Lernstil übereinstimmt. Menschen identifizieren normalerweise drei verschiedene Stile:

  • auditorisch
  • kinästhetisch
  • visuell

Nach dieser Überzeugung sollten wir jeden Schüler anders unterrichten, um seinem Lernstil gerecht zu werden. Einige Schulen sind sogar so weit gegangen, Kinder mit dem Anfangsbuchstaben oder ihrem Lernstil zu kennzeichnen.

 

Angesichts der Verbreitung dieses Glaubens bist du wahrscheinlich überrascht zu hören, dass es keine wissenschaftlichen Beweise dafür gibt. Studien haben auch nicht aufgezeigt, dass Menschen besser lernen, wenn sie Informationen über einen bestimmten Kanal erhalten. Im Gegenteil, die Forschung, die zu diesem Thema betrieben wurde, ist besonders mangelhaft.

Dennoch ist es richtig, dass jedes einzelne Gehirn das Ergebnis unterschiedlicher Erfahrungen und der Biologie ist. Daher ist es sinnvoll, dass jeder Einzelne eine Präferenz hat, wenn es um den Lernprozess geht. Aber ist dies auch besser?

Was wir mit Sicherheit wissen, ist, dass wenn unser Gehirn mehrere Reize empfängt, die nicht sensorisch integriert sind, dies zu Verwirrung führen kann. In diesem Fall muss unser Gehirn auf mehrere Ressourcen zurückgreifen, um die Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. Wenn die Informationen reichhaltig sind und mehrere sensorische Kanäle abdecken, ist die Lernerfahrung dagegen stärker.

 

3. Neuromythen: Die Gehirnhälften sind unabhängig und bestimmen unsere Persönlichkeit

Dieser populäre Mythos argumentiert, dass jede Gehirnhälfte für bestimmte Prozesse verantwortlich ist und dass sie unabhängig voneinander arbeiten. Ein weiterer Teil dieses Mythos ist, dass immer eine Seite des Gehirns dominiert und dass dies Persönlichkeitsmerkmale bestimmt.

Nach dieser Idee ist die rechte Hemisphäre für ein umfassenderes Denken verantwortlich. Diese Hirnhälfte ist künstlerischer, sensorischer und sorgloser. Die linke Gehirnhälfte hingegen ist analytisch, verantwortungsbewusst, genau, strukturiert und logisch.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Vorstellungen über die rechte und linke Gehirnhälfte offensichtlich falsch sind. Es stellt sich heraus, dass beide Hemisphären alle Arten von Informationen empfangen und verarbeiten.

Es gibt jedoch bestimmte Funktionen, die eher in Bereichen des Gehirns auftreten, die sich auf der einen oder der anderen Seite des Gehirns befinden. Trotzdem verarbeiten diese Bereiche Informationen auf vernetzte Weise, es sei denn, es liegt eine Art von Hirnstörung vor.

 

Obwohl bei Rechts- oder Linkshändern eine Hemisphäre dominiert, hat dies nichts mit der Persönlichkeit der Menschen oder der Art und Weise zu tun, wie sie Informationen verarbeiten. Egal ob Rechts- oder Linkshänder, die Fähigkeiten und Fertigkeiten jeder Person werden durch Erfahrung und erbliche Faktoren bestimmt.

 
  • Ansari, D., y Coch, D. (2006). Bridges over troubled waters: Education and cognitive neuroscience. Trends in Cognitive Sciences, 10, 146-151.
  • Coch, D., y Ansari, D. (2009). Thinking about mechanisms is crucial to connecting neuroscience and education. Cortex, 45, 546-547.