Neue Studie: Achtsamkeit lindert Schmerzen

2. September 2019
Achtsamkeit lindert Schmerzen. Eine aktuelle Studie hat die neurologischen Grundlagen dieses Phänomens untersucht.

Achtsamkeit lindert Schmerzen, so die jüngste  in der Zeitschrift PAIN veröffentlichte Studie. Damit bestätigen sich die Ergebnisse anderer Studien (zum Beispiel einer in der Zeitschrift JAMA veröffentlichte Forschungsarbeit). Diese wiesen ebenfalls darauf hin, dass Achtsamkeit chronische Schmerzen; insbesondere Rückenschmerzen, noch effektiver lindern kann als Standardbehandlungen.

Eine weitere Studie, die in der Zeitschrift Frontiers In Psychology veröffentlicht wurde, ergab auch, dass Achtsamkeit verletzten Athleten hilft, die Schmerztoleranz und das Schmerzbewusstsein zu verbessern.

Eine weitere Studie ergab, dass Menschen mit chronischen Entzündungszuständen wie z. B. rheumatoider Arthritis oder entzündlichen Darmerkrankungen, wo psychischer Stress eine wichtige Rolle spielt, von Achtsamkeit sehr profitieren können.

Aber welche Gehirnmechanismen sind für diese schmerzlindernde Wirkung verantwortlich? Neue Forschungsarbeiten unter der Leitung von Fadel Zeidan, Juniorprofessor für Neurobiologie und Anatomie am Wake Forest Baptist Medical Center in Winston-Salem, North Carolina, beantworten diese Frage.

Volle Aufmerksamkeit und Schmerz

Zeidan erklärt, dass Achtsamkeit (auch als Mindfulness bezeichnet) dazu dient, sich des gegenwärtigen Moments bewusst zu werden, ohne übermäßige emotionale Reaktionen zu erfahren oder zu urteilen.

Manche sind sich dessen mehr bewusst als andere, und diese Menschen scheinen weniger Schmerzen zu empfinden. Was die Forscher testen wollten, war, ob die angeborene individuelle Veranlagung zum vollen Bewusstsein der Menschen mit einer geringeren Schmerzempfindlichkeit korrelierte und wenn ja, welche Gehirnmechanismen eine Rolle spielten.

Frau entspannt sich auf dem Boden liegenf

Dazu untersuchten die Forscher 76 Personen, die noch nie zuvor meditiert hatten. Ihre Achtsamkeit wurde anhand des Freiburger Fragebogens zur Achtsamkeit (FFA) bewertet. Dieser Test bewertet die Nicht-Identifikation mit Gedanken und Gefühlen, Akzeptanz, Offenheit, Nicht-Reaktivität, Verständnis von mentalen Prozessen und Beobachtung des gegenwärtigen Moments.

Die Forscher verabreichten den Teilnehmern dann eine schmerzhafte und eine schmerzfreie Wärmestimulation, wobei sie eine funktionelle MRT zur Untersuchung ihrer Gehirnaktivität verwendeten.

Die Forscher gingen davon aus, dass volle Aufmerksamkeit auf das Merkmal“ – oder die Veranlagung einer Person, bewusst zu sein – mit weniger Schmerzempfindlichkeit und weniger Aktivität eines Gehirnkreislaufs korrelieren würde, der als Ruhezustandsnetzwerk bezeichnet wird.

Das Ruhezustandsnetzwerk umfasst mehrere Bereiche des Gehirns, die miteinander verbunden und im Ruhezustand aktiv sind; das heißt, wenn ein Mensch nicht auf die Außenwelt achtet, die die Aufmerksamkeit anregt, sondern sich auf seine inneren Zustände konzentriert.

Einige Schlüsselbereiche des Gehirns, die dieses Netzwerk bilden, sind der hintere zinguläre Cortex, der mediale präfrontale Cortex und der Gyrus angularis.

Meditation und das Ruhezustandsnetzwerk

Es ist bekannt, dass Meditation eine unmittelbare Erfahrung darstellt. Dabei werden Ablenkungen wie selbstbezogenes Denken oder der wandernde Geist „ausgeschaltet“.

Dementsprechend wurde die Meditation mit einer relativ reduzierten Aktivität in einem Netzwerk von Gehirnregionen in Verbindung gebracht. Diese sind an der selbstreferenziellen Verarbeitung beteiligt und als das Ruhezustandsnetzwerk (DMN, für engl. Default Mode Network) bekannt. Die Studie vergleicht in der Meditation erfahrene Teilnehmer mit unexperimentierten Menschen.

Ebenso wurde der wandernde Geist mit der Aktivität im DMN in Verbindung gebracht. Die reduzierte DMN-Aktivität während der Meditation ist wohl auf eine bessere nachhaltige Aufmerksamkeit außerhalb des Scanners zurückzuführen.

Frühere Untersuchungen deuten darauf hin, dass Meditation eine wichtige Rolle bei der Reduzierung der Ruhezustandsnetzwerkprozesse spielt.

Frau übt Achtsamkeit an einem See

Warum lindert Achtsamkeit Schmerzen?

Die neue Studie ergab, dass eine bewusstere Aufmerksamkeit mit einer geringeren Aktivierung des hinteren zingulären Cortex korrelierte. Umgekehrt zeigten diejenigen, die von mehr Schmerzen berichteten, auch eine größere Aktivität in diesem Bereich.

Zeidan erklärt dies mit der Aussage, dass der Standardmodus deaktiviert ist, wenn wir eine beliebige Art von Tätigkeit ausführen, z.B. Lesen oder Schreiben.

Darüber hinaus wird das Ruhezustandsnetzwerk jedes Mal reaktiviert, wenn man damit aufhört, eine Aufgabe zu erfüllen, und zu den selbstbezogenen Gedanken, Gefühlen und Emotionen zurückkehrt.

„Die Ergebnisse unserer Studie zeigten, dass bewusste Individuen weniger in der Empfindung von Schmerzen gefangen zu sein scheinen, was mit einer geringeren Schmerzerfahrung einhergeht“, so Zeidan. Er fügt hinzu: „Wir haben jetzt neue Munition, um diese Region des Gehirns bei der Entwicklung effektiver Schmerztherapien anzugreifen.“

Die Forscher hoffen, dass die Ergebnisse dazu beitragen werden, Menschen mit chronischen Schmerzen zu helfen. „Basierend auf unseren bisherigen Forschungen wissen wir, dass wir die Aufmerksamkeit für relativ kurze Zeiträume des bewussten Meditationstrainings erhöhen können, so dass dies ein wirksames Mittel zur Schmerzlinderung für die Millionen von Menschen werden kann, die an chronischen Schmerzen leiden“, schließen sie.

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