Die magische Wirkung des Lesens auf unser Gehirn

· 25. November 2018

Das Lesen von Romanen, Belletristik und Essays und anderer Literatur dient als unserer Fantasie als Nahrung und damit der Vorstellung von Situationen, Szenarien und Charakteren. Während wir die Seiten umblättern, schaffen wir mentale Bilder von Gesichtern, Kleidern, Landschaften, Räumen und Entfernungen. Und genau dort beginnt die magische Wirkung des Lesens auf unser Gehirn.

Das Lesen als Aktivität ist eine perfekte Gelegenheit, unseren internen Dialog zu zerstreuen und zu entspannen. Es stoppt Vorwürfe, Anschuldigungen oder Gedankengänge zu jenen Probleme, die wir nicht lösen können. All dies trifft deshalb zu, weil das Lesen viele der Gehirnregionen aktiviert, die unsere Sinne stimulieren.

Sprache in der rechten Hemisphäre

Der Neurologe Guillermo García Ribas argumentiert, dass es zwei Aspekte gebe, die das Lesen erleichtern: die Entschlüsselung der Sprache und das symbolische Denken.

Alexander Huth ist Teil des Teams, das das semantische System des Gehirns abgebildet hat. Überraschenderweise entdeckte er, dass die Sprache nicht auf die linke Hemisphäre beschränkt ist, wie zuvor angenommen. Es scheint, dass die Produktion von Sprache in diesem Bereich zwar durchaus relevant ist, ein Großteil des Sprachverständnisses scheint jedoch in der rechten Hemisphäre zu geschehen.

„Es besteht ein Zusammenhang zwischen den Bereichen der Interpretation von Symbolen und Wörtern und anderen Bereichen, wie dem der Bewegung, die wir bisher nicht kannten.“

Guillermo García Ribas

Gehirn benutzt Buch als Hängegleiter

Wirkung des Lesens auf unser Gehirn: Aktivierung des mentalen GPS

Der Neurowissenschaftler Aidan J. Horner ist überzeugt, dass die Darstellung mentaler Bilder das kortikale und subkortikale Neuronalsystem beeinflusse. Sie aktiviere zudem ein Netzwerk aus Gitterzellen oder Gitterneuronen im entorhinalen Kortex. Diese Gitterzellen sind für die räumliche Lokalisierung zuständig. Das heißt, sie lassen das Gehirn seine Position im Raum verstehen.

Sie werden von jenen mentalen Bildern stimuliert, die beim Lesen der Beschreibung von Charakteren in einer Umgebung entstehen. Oder von Bildern, die aufkommen, wenn wir uns selbst an einem Ort vorstellen, und sie tun es auf die gleiche Weise, wie sie es als Antwort auf eine Vielzahl weiterer visueller oder auditiver Reizen tun würden.

Diese Gitterneuronen bewirken eine starke Regulierung der Thetawellen. Dabei handelt es sich um elektrische Impulse mit großer Amplitude, eine Eigenschaft, die mit der Reorganisation der Gehirnstruktur zusammenhängt. Thetawellen sind niederfrequente Wellen und manche Experten meinen, dass sie den Zugang zu unbewussten Inhalten erleichtern.

Thetawellen sind typisch für die Schlafphasen 1 und 2 bei Erwachsenen. Demgegenüber verbringen Kinder ihre Wachzeit in den ersten Lebensjahren unter vordergründigem Einfluss der Thetawellen. Wenn dies während des Wachzustandes eines Erwachsenen geschieht, tritt etwas Ähnliches wie der Bewusstseinszustand ein, der nach entsprechendem Training in Meditation oder Hypnose erreicht wird.

Das heißt, zur Wirkung des Lesens auf unser Gehirn zählt es auch, den Bewusstseinszustand herzustellen, der den Zugang zum Unbewussten ermöglicht. Gleichzeitig kommt es zu einer Reorganisation der Gehirnstrukturen und neuronalen Netze.

Spiegel, um sich selbst anzusehen

Robert Harris von der Emory University (Kanada) führte Magnetresonanzuntersuchungen an einer Gruppe von Menschen durch, während der Tage, in denen sie einen Roman gelesen haben. Die Studie lieferte erstaunliche Ergebnisse.

Die Bewegungen, die die Charaktere des Romans ausführten, aktivierten verschiedene zerebrale Bereiche der Leser. Die aktivierten Bereiche waren die gleichen, die auch aktiviert worden wären, wenn sie die Bewegungen selbst ausgeführt hätten. Darüber hinaus wurde eine signifikante Verstärkung der neuronalen Verbindungen im Sulcus centralis nachgewiesen. Diese Furche des Gehirns ist mit körperlichen Empfindungen und Empathie verbunden.

Frau liest ein Buch

Einen Abdruck im Gehirn hinterlassen

Robert Harris‘ Experimente brachten weitere Ergebnisse. Magnetresonanzuntersuchungen wurden nämlich auch Tage nach Ende der Lektüre noch durchgeführt. Harris und seine Kollegen entdeckten dabei einen neuronalen Abdruck, den das Lesen des Romans hinterlassen hatte. Es wurde festgestellt, dass eine erhöhte Konnektivität während der Leseperiode einige Tage später aufrechterhalten blieb, obwohl die Studienteilnehmer nicht mehr lasen.

Sie nannten dies den „Schatten der Aktivität“. Der Abdruck bleibt für mindestens fünf Tage lang nach Abschluss der Lektüre erhalten. Es scheint sogar, dass dieser Abdruck länger erhalten bleiben könnte, wenn uns das Buch sehr gut gefallen hat.

Dieser „Schatten der Aktivität“, den das Lesen in unserem Gehirn erzeugt, könnte die Magie von Büchern erklären. Die gleiche Magie, die es den Charakteren und Geschichten erlaubt, bei uns zu bleiben, auch wenn sie das Ende der Geschichte erreicht haben.