Nehmen Männer und Frauen Untreue unterschiedlich wahr?

· 30. September 2018

Untreue kann zu einer großen Prüfung für die Beziehung werden. In den meisten Fällen von Untreue wird die Beziehung beendet. Oftmals ist das Problem dabei auf unterschiedliche Definitionen von Fremdgehen zurückzuführen: Es scheint, dass Männer und Frauen abweichende Vorstellung davon haben, wie Untreue eigentlich zu definieren sei.

Manchmal ist es nicht leicht, zu sagen, ob jemand untreu war oder nicht. Häufig wird jemand als untreu bezeichnet, der Sex außerhalb der eigenen Beziehung hat. Aber wie verhält es sich mit dem Versenden von SMS und Geheimniskrämerei? Wenn jemand suggestive Fotos verschickt und in sozialen Netzwerken flirtet, ist das Untreue? Und betrügt man seinen neuen Partner, wenn man immer noch freundschaftlichen Kontakt zu einem Ex-Freund hält?

Ein Mann und eine Frau umarmen sich, während die Frau misstrauisch schaut.

Dies sind wichtige Fragen in einer Beziehung. Alle Paare sollten darüber sprechen und versuchen, darüber einen Konsens zu finden, wo ihre Grenzen liegen. Dies ist besonders wichtig, wenn man den Ergebnissen einer aktuellen Studie glaubt. In dieser wurden wissenschaftliche Daten erhoben, die auf der Hypothese basieren, dass Männer und Frauen allgemein sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was Untreue bedeutet. Daher sollte man mit seinem Partner klären, was für beide Parteien Fremdgehen bedeutet. Außerdem sollte man auch eine Einigung darüber erzielen, was in einer Beziehung erlaubt ist oder nicht. Sonst kann es später zu großen Konflikten in der Beziehung kommen.

Männer und Frauen haben unterschiedliche Vorstellung davon, was Untreue ausmacht

Eine in der Zeitschrift Sexual & Relationship Therapy  veröffentlichte Studie scheint zu bestätigen, dass es dahingehend große Unterschiede gibt, wie Männer und Frauen Fremdgehen definieren. Die Autoren untersuchten, ob die Definition von Untreue abhängig vom Geschlecht, der Religionszugehörigkeit, der Angst vor Intimität und der Sensibilität gegenüber Ablehnung ist. In der Studie heißt es: „Es könnte eine Beziehung retten, wenn man weiß, was der Partner für Fremdgehen hält, und wenn beide die gleiche Perspektive teilen. Dies macht das Thema der unterschiedlichen Konzeptionen von Untreue zu einem untersuchungswürdigen Konzept.“

Um festzustellen, wie das Geschlecht die Wahrnehmung von Untreue beeinflusst, haben die Forscher 354 Studenten gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. Die Teilnehmer klassifizierten verschiedene Handlungen von 1 (definitiv nicht Untreue) bis 4 (definitiv Untreue). Dazu gehörten sexuelle Handlungen wie Küssen oder Geschlechtsverkehr; emotionale Handlungen, wie sich zu verlieben, aber nicht danach zu handeln; und Fantasien, wie in einen Stripclub gehen oder Pornografie schauen.

Der Fragebogen enthielt auch Fragen, um weitere Aspekte zu bestimmen, die eine Relevanz für die Wahrnehmung von Untreue haben könnten. Zwei solcher Aspekte sind die Furcht vor Ablehnung und Angst. In Bezug auf Angst vor Intimität bzw. Angst vor möglicher Ablehnung gab es keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Frauen jedoch betrachteten schon „Kontakt“ häufiger als Untreue, wenn man unter „Kontakt“ den Austausch von intimen Gedanken und Gefühlen versteht. Und das gilt offenbar besonders dann, wenn dieser auf emotionaler oder geistiger Ebene abläuft.

Die in der Studie befragten Frauen betrachteten Handlungen, die auf Sex und Emotionen beruhten, eher als Untreue. Auf der anderen Seite sind die meisten Männer der Meinung, dass nur Sex als Untreue gelten solle. Frauen jedoch fühlten, dass der Austausch von Gedanken und Gefühlen, besonders wenn der Austausch sehr intim ist, auch als Fremdgehen gelten müsse. Natürlich gab es bei beiden Geschlechtern auch Ausnahmen.

Ein Paar sitzt frustriert auf einer Couch.

Frauen sind empfindlicher gegenüber emotionaler Untreue

Frühere Forschung stützt die These, dass Frauen ein breiteres Spektrum von Handlungen als Untreue verstehen. Dazu haben Wissenschaftler geschrieben: „Die Daten deuten darauf hin, dass Frauen innerhalb der Grenzen einer Liebesbeziehung empfindlicher auf Untreue reagieren als Männer. Diejenigen, die eine intimere Ebene der Beziehung erreicht haben, sind besonders sensibel. Möglicherweise, um ihre Beziehung zu einem geliebten Menschen zu sichern.“

Die Studie könnte Paartherapeuten helfen, ihre Patienten besser zu unterstützen. Wenn Paare sich entscheiden, weiterhin in einer Beziehung zu verbleiben, unabhängig davon, was passiert ist, müssen beide eine klare Vereinbarung über die Grenzen ihrer Beziehung treffen. In einigen Fällen kann es durchaus sein, dass ein Partner den anderen für untreu hält, obwohl dieser diese Meinung nicht teilt. An diesem Punkt muss angesetzt werden, um gemeinsam einen Konsens zu erarbeiten, der zur Aussöhnung führen kann. 

Wenn ein Partner bestimmte Handlungen nicht als Fremdgehen einstuft, dann ist es nicht verwunderlich, dass dieser damit auch nicht aufhört. „Ein ideales Ergebnis einer therapeutischen Intervention wäre ein besseres Verständnis und eine bessere Kommunikation zwischen den Partnern, ein echtes Engagement füreinander und eine wirklich befriedigende Beziehung“, schloss die Studie.

Dies ist kein abstraktes Thema, denn individuelle Vorstellungen davon, was Untreue ausmacht, können den Verlauf einer Beziehung prägen. Es kann zu Ressentiments und Missverständnisse führen. Auch wenn es nicht leicht erscheinen mag, sich über die Definition von Untreue zu unterhalten, sollte es jedes Paar tun. Idealerweise sollte man sich am Anfang einer Beziehung verständigen, was Fremdgehen für einen selbst und das Gegenüber bedeutet. Dies wird eine glücklichere und gesündere Beziehung ermöglichen.