Nahtoderfahrungen als zeitlose Antwort

Ein Gastbeitrag von Sabine Mehne über wissenschaftliche Erkenntnisse und ihre eigene Nahtoderfahrung
Nahtoderfahrungen als zeitlose Antwort

Geschrieben von Sabine Mehne

Letzte Aktualisierung: 03. Februar 2022

Hinweise, dass das Bewusstsein unabhängig vom Körper über den Tod hinaus existiert, finden sich in Berichten über sogenannte Nahtoderfahrungen. Das sind Grenzerfahrungen an der Schwelle des Todes. Daraus leitet sich die grundlegende Frage ab: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Diese Frage ist tief mit dem menschlichen Bedürfnis verbunden sich den Tod zu erklären und zu bewältigen.

Diese tiefgreifenden Erfahrungen können auch ohne jegliche Todesnähe auftreten, beispielsweise bei Todesangst oder in tiefer Meditation. Meist jedoch zeigen sie sich während einer lebensbedrohlichen gesundheitlichen Krise, z. B. bei einem Herzstillstand, im Koma, bei einer Operation oder einem Unfall. Nahtoderlebnisse sind nicht neu, in allen Kulturen und zu allen Zeiten, in der Literatur und in allen heiligen Schriften wird bis heute davon berichtet. Aufgrund des medizinischen Fortschritts können heutzutage immer mehr Menschen zurück ins Leben geholt werden. Daher gibt es in der heutigen Zeit vermehrt Berichte über Nahtoderfahrungen.

In den 70er-Jahren wurde begonnen solche Berichte systematisch zu untersuchen. Auffällig ist, dass die Schilderungen von Betroffenen häufig einheitliche Elemente des Geschehens aufweisen. So wird über das Gefühl berichtet den eigenen Körper zu verlassen und sich schwebend über ihm zu befinden. Ähnlich in den Beschreibungen sind auch die Intensität von Gefühlen, Farben, Klängen und das Gewahrsein einer lichtvollen Dimension, die alles bisher Erlebte übersteigt. Sie alle haben keine Angst mehr vor dem Tod. Immer mehr Wissenschaftler bewerten Nahtoderlebnisse nicht als Halluzinationen, sondern versuchen dieses Phänomen unter neuen Aspekten einzuordnen.

Licht am Ende des Tunnels - Nahtoderfahrungen

Der niederländische Kardiologe und Nahtodforscher Dr. Pim van Lommel legte die weltweit erste und größte prospektive (vorausschauende) Studie vor. Seine Ergebnisse wurden 2001 in der renommierten und ältesten medizinischen Zeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht.[1]

Seine Erkenntnisse basieren auf Berichten von wiederbelebten Patienten, die einen Herzstillstand hatten, bei denen keine Gehirnaktivität mehr messbar war. 18 % dieser Patienten befanden sich zur selben Zeit in einem bewussten Zustand, um tiefgehende Erfahrungen zu machen. Pim van Lommel kam zu dem Schluss: „Ein klares Bewusstsein ist offenbar unabhängig vom Gehirn und damit unabhängig vom Körper erfahrbar.“[2]

Er stellt weitere Fragen, ob es (überhaupt) eine biologische Grundlage des Bewusstseins gibt und ob unser Bewusstsein jemals enden kann? Seine Antwort ist eindeutig: „[…] bin ich zu der festen Überzeugung gelangt, dass das Bewusstsein weder an eine bestimmte Zeit noch an einen bestimmten Ort gebunden ist.“[3] Deshalb zieht van Lommel in Erwägung, dass der Tod ebenso wie die Geburt nur einen Übergang in einen anderen Bewusstseinszustand darstellt.[4]

Die niederländische Studie ist die einzige Langzeitstudie mit statistischer Analyse, die Aussagen zu den andauernden Auswirkungen einer Nahtoderfahrung bei Überlebenden trifft.[5] Bemerkenswert ist, dass bei den befragten Patienten keine medizinische Erklärung für das Auftreten einer Nahtoderfahrung zu finden war, dennoch erweist sich das außergewöhnliche Erlebnis für ihr weiteres Leben als maßgeblich lebensverändernd. In der Zwischenzeit wurden weitere Studien, nach ähnlichem Studiendesign durchgeführt, die die Ergebnisse bestätigen und den Schluss nahelegen: 4 % der Gesamtbevölkerung der westlichen Welt haben eine Nahtoderfahrung erlebt.

Meine eigene Nahtoderfahrung empfinde ich als ein großes Geschenk, denn das, was die Wissenschaft heute beschreiben kann, durfte ich erleben. Ich fühlte mich in dieser körperlosen Form in Freiheit und Frieden, ohne Schmerz, Zeit und Raum und verschmolz mit einem hellen Licht. Ich fühlte diese Allverbundenheit und im Zustand „out-of-body“ eine Form des Allwissens, das mit Worten nicht zu vermitteln ist.

In meinem Lebensfilm[6] erlebte ich in einer Klarheit sowohl mein eigenes Handeln und Denken als auch alle Gefühle der Menschen, die in meinem Leben zu mir in Beziehung standen. Mir wurden Zusammenhänge aufgezeigt, die niemals alleine meiner Erinnerung zugeordnet werden können. Nach jahrelanger Auseinandersetzung und Erforschung meiner eigenen Erfahrung kann ich deshalb der Hypothese van Lommels zustimmen. Mein, unser Gehirn kann nicht der Ort sein, der unser Bewusstsein hervorbringt. Es fungiert als ein Empfangsorgan, das die Möglichkeit besitzt eine individuelle, für mein Überleben wichtige Auswahl an Informationen vorzunehmen.

Diese Erkenntnis, die ich auch als Lebenseinsichtserfahrung bezeichne, führte mich in eine Kraft, meine schwere Krebserkrankung 1995 zu überleben. Das Nahtoderlebnis prägt bis heute mein Leben. Es ist vor allem diese Liebe, die ich immer in mir spüren kann und die mich trägt.[7] Gewachsen ist mein feines Empfinden, so auch mein umfassendes Mitgefühl. Das Leben empfinde ich als etwas Kostbares. Es lässt sich besser sterben, wenn ich mit mehr Bewusstheit meinen Weg gehe. Ich habe keine Angst vor dem Tod, sondern Vertrauen, weil ich sicher bin, Teil eines großen Ganzen zu sein und ich eine Existenz ohne Körper für sehr wahrscheinlich halte.

Nahtoderfahrungen verändern das Leben

Pim van Lommel und ich hielten 15 Jahre lang gemeinsam Vorträge und wirkten bei unzähligen Diskussionen und Podien mit. Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse sowie meine eigene Erfahrung führten uns zu einer faktenbasierten und authentischen Sichtweise und Zusammenarbeit. Es ist uns gelungen, dem Phänomen der Nahtoderfahrung einen neuen Stellenwert in Wissenschaft und Gesellschaft zu geben und viele Menschen zu überzeugen, dass der Tod ein Übergang in eine andere Form des Seins, des Bewusstseins ist. Vor allem Trauernde wendeten sich oft an uns und fanden Trost und neue Ideen für ihre drängenden Fragen. Möglicherweise haben sie auch Antworten gefunden.

Literatur

[1] Lommel van, P., R. Van , Meyers, V., Elfferich, I. (2001): „Neart-death-experience in survivors of cardiac arrest: a protective study in the Netherlands“. The Lancet 358, 2039-2045.“

[2] Pim van Lommel, „Endloses Bewusstsein“, Patmos Verlag, 2009, S. 193

[3] Pim van Lommel, „Endloses Bewusstsein“, Patmos Verlag, 2009, S. 26/27

[4] Pim van Lommel, „Endloses Bewusstsein“, Patmos Verlag, 2009, S. 355

[5] Pim van Lommel, „Endloses Bewusstsein“, Patmos Verlag, 2009, siehe Kapitel 2 und Kapitel 4

[6] Sabine Mehne „Der große Abflug“, 2016, Patmos Verlag, S.92 ff.

[7] Siehe auch Sabine Mehne „Licht ohne Schatten“, Sabine Mehne, 2013, Heyne, S.21 ff.

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