Nach dem Urteil: Monster, die es tatsächlich gibt

6. Mai 2019

Nach dem Urteil  ist ein Drama über chauvinistische Gewalt und zudem das Erstlingswerk des Regisseurs Xavier Legrand. Es wurde am 22. Februar 2019 bei der 44. Ausgabe der César-Preise für das französische Kino als bester Film ausgezeichnet. Und das überrascht nicht. Zumindest für mich kam dieser Film ohne Vorwarnung, wie kaltes Wasser über den Kopf, indem er mich in eine Realität versetzte, der ich mir bisher nicht bewusst war, die aber von weitreichender Bedeutung ist.

Der Regisseur setzt uns als Zuschauer an den Tisch, an dem über die Details des gemeinsamen Sorgerechts entschieden wird … und wir können uns bis zum Ende nicht davon erheben. Wir sehen, dass Monster existieren und manchmal in Familien leben, nicht in dunklen, isolierten Ecken. Und dass solche Monster uns sehr nahe sein können.

Nach dem Urteil  und die Monster

Die Geschichte wird uns zunächst vom Richter erzählt, der den Scheidungsfall und das Sorgerecht für die Kinder bearbeitet. Es ist schwierig, einen vollständigen Überblick über den Fall zu bekommen, obwohl einige der bemerkenswertesten Elemente offensichtlich sind, wie die Gewalt, die der Vater gegen die Mutter ausgeübt hat.

Von da wird das Bild zunehmend diffuser und die Justiz scheint zu verfallen. Es sollte keinen Zweifel an so wichtigen Scheidewegen wie der Frage geben, ob es zweckmäßig sei oder nicht, ein Kind zu zwingen, Zeit mit dem Misshandler seiner Mutter, Miriam, zu verbringen.

Miriams Anwältin beschreibt einen besonders besitzergreifenden und gewalttätigen Mann. Das leugnet der Anwalt des Täters Antoine; er argumentiert, dass es nicht normal sei, dass Miriam verhindern wolle, dass Antoine seine Liebe zu den Kindern zeigen könne.

Die Stimme eines Minderjährigen ertönt im Raum. Er spricht von der Zeit mit seinem Vater. Währenddessen starrt der Richter beide Elternteile an, versucht, eine Anomalie oder Geste zu entdecken, die sein Urteil lenken könnte, und zweifelt an seiner eigenen Entscheidung.

Es ist schwierig für den Anwalt der Mutter, einen klaren Beweis für den wahren Charakter des Vaters zu finden. Wenn es eine Sache gibt, die einen Gewalttäter auszeichnet, dann ist es sein Vermögen, sein Verhalten seinen Interessen entsprechend der Situation anzupassen. So wird der Schleier über die wahre Persönlichkeit der Protagonisten erst spät im Film gelüftet.

Nach der richterlichen Entscheidung über die Einrichtung eines gemeinsamen Sorgerechts ahnen wir bereits, dass es eine Katastrophe geben wird. Eine quälend langsame Explosion von Gewalt, Unterdrückung und Unruhe läuft über die Leinwand und wird meisterhaft verkörpert von Thomas Gioria, der Julien spielt, dem jüngsten Mitglied der Familie.

Von der kalten Gerichtsentscheidung bis zur Hölle des gemeinsamen Sorgerechts

Vom ersten Moment an, in dem Antoine (Denis Ménochet) das Sorgerecht für das Kind übernimmt, herrscht ein Klima latenter Spannungen: eine Nahaufnahme des Gesichts eines verängstigten Kindes; ein Dialog ohne Worte, der es uns kalt den Rücken herunterlaufen lässt und ein erstickendes Gefühl vermittelt

Der Blick des Kindes und seine Mimik erzählen die Geschichte dessen, was gelebt wurde, was gefühlt wurde. Das Fehlen von Musik lässt die Geräusche des Alltags wie Bedrohungen klingen, vor allem den Schlüssel im Türschloss, dieses Geräusch, das für viele misshandelte Frauen und Kinder zum Auslöser der Angst wird.

Wir stellen fest, dass es sich nicht um einen Fall von „elterlicher Entfremdung“ handelt, einer Diagnose von zweifelhafter wissenschaftlicher Grundlage. Der narzisstische, perverse Antoine weiß, wie er sich als missverstandenes Wesen darstellen kann und dass er fast ein Opfer sein könnte, ein Opfer, dass seine Familie liebt.

Nach dem Urteil  enthüllt, dass es Monster gibt

Niemand in der Familie glaubt an diese angebliche Rolle. Sie alle wissen, dass seine Taten kein tief empfundenes Bedauern ausdrücken, sondern ein weiterer Versuch der Kontrolle sind, die er wiedererlangen will. Die große Stärke des Films liegt vor allem darin, wie der Regisseur Xavierd Legrand diese Mischung aus Angst und Hoffnung überträgt.

Wir spüren Hochspannung, als die Frustrationen des Vaters ihren Höhepunkt erreichen, die Frustrationen über seine Frau Miriam (Léa Drucker), die versteckt lebt und ihn belügt, um jegliche Art von Aggression zu vermeiden. Die Strategie des Vaters, sich ihr durch Einschüchterung des jüngsten Sohnes zu nähern, scheint gescheitert zu sein. Und wir als Zuschauer wissen bereits, dass Frustration eine Komponente ist, die als Indikator für Wut und Gewalt zu berücksichtigen ist.

Dann hören wir wieder die Türklingel, ein alltägliches Geräusch, das uns hier und heute den Atem raubt. Es führt uns zurück in den kalten Saal, wo das Sorgerecht vereinbart wurde. Wir kennen den genauen Weg der Misshandlung in diesem Fall nicht, aber wir spüren, dass es zu viele abrupte Abbrüche ohne Lösungen gegeben hat.

Julien, Miriams und Antoines jüngstes Kind

Soziale Verantwortung

Der Lauf der Geschichte antizipiert die Katastrophe. Sie verdient es nur, als verheerend bezeichnet zu werden. Die Protagonistin klammert sich an die Möglichkeit, dass der Klang der „Sprechanlage“ aufhören möge. Sie weiß, dass er unten ist, sie weiß, dass er lange klingeln wird.

Aber Antoine ist diesmal nicht bereit, aufzuhören. Die letzte Szene dieses Films ist erschreckend, ohne dass Spezialeffekte oder grimmiges Make-up benötigt werden. Der Protagonist sieht nicht mehr wie ein Mensch aus, sondern wie ein Tier, das von Stolz und Rache geblendet ist.

Die Szene ist so real, dass wir es in unserem Herzen spüren, wie unser Mitgefühl für diese Mutter und ihr Kind schmerzt. Wir sind der Nachbar, der vor dem warnt, was passieren wird, dieser Polizist, der auf diesen Anruf antwortet und versucht, zu helfen.

Wir stellen fest, dass es Monster gibt und dass sie in Familien leben, nicht in düsteren und isolierten Ecken. Diese Monster können unseren Nachnamen tragen, und das wiegt noch schwerer. Sie können auch nicht mit kognitiven Verhaltenstherapien bekämpft werden. Diese Monster sind nur mit der Kraft der Bildung, dem Schwert der Empathie unter dem Schild der Solidarität, hinter den Gittern der Gerechtigkeit zu besiegen, wenn wir uns alle am Kampf beteiligen.