Mögen meine schweren Zeiten meiner Heilung dienen

· 8. Juli 2018

Meine schweren Zeiten haben mich Lektionen des Lebens gelehrt und mich der persönlichen Reife nähergebracht. Sie waren Zeiten, in denen sich meine Wunden schließen konnten, auch wenn die Heilung nur langsam erfolgte. Eine hohe Dosis Eigenliebe, ein paar Tropfen Besonnenheit, eine Prise Weisheit und die tägliche Praxis der Reflexion war meine Therapie. Letztendlich ist es so, dass wenige Momente im Leben so viel von uns abverlangen wie diese, in denen uns nur zwei Optionen bleiben: Wir können in unserer momentanen Situation verharren oder den Schritt nach vorn wagen.

William Shakespeare hat in seinem Werk Der Sturm  geschrieben: „Komme, was kommen mag; Die Stund‘ und Zeit durchläuft den rausten Tag.“ Ich will nicht leugnen, dass dieses Argument einer gewissen Logik folgt, aber ein wichtiger Aspekt bleibt unbeachtet, denn es ist vor allem die Einstellung, mit der wir diesem rauen Tag begegnen, die darüber entscheidet, wie die zukünftige Zeit uns behandelt.

„Es gibt keinen Baum, der noch nie vom Wind geschüttelt wurde.“

Indisches Sprichwort

Wenn wir uns also wie besessen an dieses traumatische Ereignis klammern, an diese Enttäuschung, diesen Verlust oder unseren Frust, dann werden die Tage für uns so langsam vergehen, wie die Minuten für das Insekt, das auf klebrigem Harz gelandet ist. Wir verwandeln uns in einen Hauch von Hoffnungslosigkeit, bis es kein Entkommen mehr gibt und wir gänzlich vom Bernstein eingeschlossen sind. Es obliegt uns allein, die Füße zu heben, diese schweren Zeiten als Zeiten der Heilung zu verstehen, als Momente, aus denen wir gestärkt hervorgehen können, wenn wir lernen, Geschehenes anzunehmen und unsere Einstellung anzupassen. Dann vergeht die Zeit zu unserem Vorteil.

Es soll nicht ungesagt bleiben, dass es nicht einfach ist, einen derartigen Fokus zu setzen. Niemand ist auf diese Schicksalsschläge vorbereitet, das Leben manchmal für uns bereithält. Und wurde niemals eine Strategie gelehrt, die uns mit ihnen umgehen ließe, um unseren bisherigen Weg weiterhin verfolgen zu können.

Frau mit Violine, über der ein Fisch schwimmt

Schwere Zeiten, komplexe Kapitel

Der Mensch ist bequem, weshalb er es normalerweise vorzieht, sich leichten Aufgaben zu widmen. Und von Punkt zu Punkt zu kommen, wählen wir in der Regel die Gerade – die kürzeste Verbindung. Unsere Toleranz gegenüber Ungewissheit ist nur gering ausgeprägt und anstatt uns über die Probleme der Gesellschaft den Kopf zu zerbrechen, wollen wir doch lieber Spaß haben und unser Leben genießen. Damit das maximal möglich ist, sollen die Dinge doch bitte so passieren, wie wir das in unserem Terminplan vorgesehen haben.

Es ist ganz bestimmt nichts falsch daran, Spaß zu haben und das Leben zu genießen. Das bestätigen nicht nur Psychologen, sondern auch unser eigenes Gehirn, das immer darauf aus ist, uns in unserer Komfortzone verweilen zu lassen, wo wir unsere Energiereserven schonen und Risiken vermeiden. Hier ist unsere Chance, zu überleben, am größten. Wir haben alles unter Kontrolle. Und zwar genau bis zu jenem Moment, in dem uns das Schicksal einen Strich durch die Rechnung macht, was meistens genau dann passiert, wenn wir am wenigsten damit rechnen: Unser langjähriger Partner spricht plötzlich von Trennung, wir werden von Freunden hintergangen oder verlieren unseren Job.

So unterschiedlich die Herausforderungen auch sind, solch schwere Zeiten haben einige Gemeinsamkeiten. Sie bedeuten, dass wir die Kontrolle über unsere Realität verlieren, was uns mit einem Gefühl der Verletzlichkeit zurücklässt. Wir beginnen, an unseren Werten zu zweifeln, die uns möglicherweise in diese Situation gebracht haben, in der wir uns nicht verteidigen können und die uns Angst bereitet. Unsere Welt, die wir so sicher geglaubt haben, beginnt, auseinanderzubrechen. Unsere Rolle in dieser Welt ist es nicht länger klar und wie stehen plötzlich ohne Skript auf der Bühne des Lebens.

Ahornblatt in leerem Buch

Eine interessante Strategie, die uns von Psychologen vorgeschlagen wird, ist, diesen Moment der Orientierungslosigkeit zur Reflexion zu nutzen. Schreiben wir ein neues Kapitel, das von Heilung, Wandel und neuen Zielen handelt. Dieses Kapitel im Buch unseres Lebens soll einen Übergang darstellen, der es uns erlaubt, uns wieder mit uns selbst zu verbinden, um dann selbstbewusst und authentisch in die Zukunft schreiten zu können.

Narrative Therapie, um schwere Zeiten zu bewältigen

Wenn wir noch nie etwas von narrativer Therapie gehört haben, dann ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um sie kennenzulernen. Es handelt sich um ein therapeutisches Werkzeug, das den Patienten nach und nach in einen Experten über sein eigenes Leben verwandelt. Er lernt es, Vergangenheit und Gegenwart zu reflektieren und seine Gedanken neu zu ordnen, während er seine Geschichte erzählt. So wird in die Lage versetzt, zu verstehen, was geschehen ist, und zu den bisher geschriebenen Kapiteln verschiedene Fortsetzungen zu entwickeln, die ihm schließlich helfen können, das momentane Problem zu lösen.

„Es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen man nichts tun kann. Einer von ihnen war gestern, der andere ist morgen. Heute allerdings haben wir die perfekte Gelegenheit, zu lieben, zu tun und zu leben, zu wachsen.“

Dalai Lama

Was mit dieser Art von Therapie erreicht wird, ist, dass der Patient zurück in die Hauptrolle schlüpft. Er ist der Protagonist seines Lebens und dessen muss er sich bewusst werden. Darüber hinaus muss er sich klarmachen, dass schwere Zeiten zum Leben dazugehören: Kein Buch kann ohne Spannung auskommen, wenn es lesenswert bleiben soll. Kein Leben kann ohne Herausforderungen bleiben, wenn wir das Glück genießen wollen. Das Verständnis, dass schwere Zeiten die Möglichkeit zum persönlichen Wachstum bieten, ist essenziell, um sie zu bewältigen.

Im Folgenden schauen wir uns an, worin die narrative Therapie besteht.

Frau in blauem Gewand an einer Klippe

Eigenschaften der narrativen Therapie

  • Die narrative Therapie ist vor allem ein Prozess der Reflexion, während dessen die Aufgabe des Psychologen darin besteht, die Geschichte des Patienten zu hören, genau so, wie er sie erlebt hat.
  • Der Therapeut arbeitet wie ein Katalysator. Er stellt seinem Gegenüber Fragen, die diesen dazu anregen, an kritischen Stellen genauer zu werden und bestimmte Sachverhalte zu hinterfragen. Ereignisse können auf den ersten Blick recht simpel und zusammenhangslos erscheinen, aber wenn wir sie reflektieren, erkennen wir ihre Komplexität.
  • Es ist notwendig, dass der Patient seine Geschichte erzählt und dabei die Bereitschaft aufbringt, sich Zusammenhänge bewusst zu werden, die er bislang vielleicht nicht sehen wollte. Gefühle und Emotionen, die bisher unterdrückt wurden, sollen zugelassen werden.
  • Mit dieser Therapie versucht man, Fragen zu beantworten wie: Wer bist du? Was bist du heute? Was fehlt dir, um deine Geschichte so zu schreiben, wie du sie dir vorstellst?
  • Oft schlummern im Inneren von uns Menschen vergessene Geschichten, Träume von gestern, Vorhaben, von denen wir abgelassen haben, vielleicht weil wir zu feige waren, eine Entscheidung zu treffen. Es mag notwendig sein, diese Kapitel noch einmal zu lesen, um zu verstehen, wie sich die Charaktere in unserem Buch des Lebens heute entwickeln – vor allem wir selbst.

Schwere Zeiten fordern uns mehr als alles andere dazu auf, den Kopf zu heben, aufzustehen und vorwärtszugehen. Wir sind die Protagonisten unserer Geschichten. Ja, es gibt Momente, in denen wir die Kontrolle verlieren – und es wird sie immer wieder geben – Momente, die uns eine Nebenrolle zuweisen oder gar in die Reihen der Zuschauer setzen. Heben wir das Skript wieder auf, schreiben es fort und lenken unser Schicksal in die Richtung, die wir frischen Mutes einschlagen wollen.