Mobbing: Das Schlimmste ist, eigentlich hätten sie es besser wissen müssen

4. Januar 2019

Netflix hat kürzlich eine Serie veröffentlicht, die große Kontroversen auslöste, und zwar die Serie Tote Mädchen lügen nicht Diese Serie basiert auf einem Buch von Jay Asher, das sich mit Mobbing beschäftigt. Wir wissen jedoch alle, dass Literatur nur selten dieselbe Leidenschaft weckt, wie es bei audiovisuellen Inhalten der Fall ist. Daher hat erst diese Serie die Menschen dazu gebracht, sich für die ursprüngliche Geschichte zu interessieren.

Diese Geschichte spielt in den Vereinigten Staaten, hauptsächlich in einer High School. Sie beginnt damit, dass ein Teenager einen Schuhkarton mit 7 bespielten Audiokassetten findet. Was dann jedoch geschieht, passt auch gut zum Titel unseres Artikels: Eigentlich hätten sie es besser wissen müssen.

„Du weißt nicht, was in irgendeinem Leben vorgeht, außer in deinem eigenen.“

Hannah Baker in: Tote Mädchen lügen nicht

Auf jedem dieser Bänder befinden sich Aufnahmen, aus denen die Gründe für den Selbstmord einer Schülerin hervorgehen. Insgesamt dreizehn Gründe werden erläutert, daher auch der englische Originaltitel 13 Reasons WhyDiese Geschichte erspart uns nichts, wenn es um die Darstellung dieser Person geht, die völlig in Ordnung zu sein scheint und doch so viel Leid in ihrem Inneren trägt. Die dies auch vor den Leuten verbirgt, die ihr helfen könnten.

Eine Zeichnung eines traurigen Mädchengesichts

Selbstbewusst werden

Es ist in der heutigen Welt leider nichts Ungewöhnliches mehr, selbst in Schulen auf Tragödien zu stoßen. Ein Teenager begeht Selbstmord, weil er mit seinem Leiden nicht mehr fertig wird. Das ist eigentlich das Letzte, was man von einem jungen Menschen erwartet. Denn ein Teenager, der das Leben so jung aufgibt, der hätte doch eigentlich noch alles tun können, was er wollte, noch so viele Erfahrungen machen können …

Nicht nur diejenigen verschleiern ihre Handlungen, die Menschen leiden lassen, sondern auch die Personen, die zu Opfern dieses Handelns werden. Sie wollen ihr Umfeld nicht beunruhigen, sie wollen nicht schwach wirken, also entscheiden sie sich für Stillschweigen. Sie haben Angst davor, dass jemand ihnen auf die Schliche kommen könnte, womit sie die Situation – ihrer Meinung nach – noch verschlimmern würden. Aus irgendeinem Grund macht es ihnen Angst, etwas zu sagen. Und genau das ist es, was Mobbing zu einem langfristigen Problem macht.

„Tyrannen sind immer dort zu finden, wo es auch Feiglinge gibt.“

Mahatma Ghandi

In vielen anderen Fällen, in denen Kinder und Jugendliche sich Erwachsenen anvertrauen und über die Ereignisse sprechen, erhalten sie nur solche Antworten, die versuchen, das Erlebte zu „normalisieren“. Erwachsene sagen dann beispielsweise „Es gibt andere Probleme, die schlimmer sind als Mobbing“  oder „Ich bin sicher, dass du etwas angestellt hast, bevor es dazu kam“  oder fragen sogar „Weißt du etwa nicht, wie du dich selbst verteidigen sollst?“.

Manche Eltern versuchen, das Problem zu lösen, indem sie ihre Kinder auf eine andere Schule schicken. Sie denken, wenn sie den Mobbern aus dem Weg gingen, wären auch die Konflikte gelöst. Was sie dabei jedoch nicht erkennen, ist, dass sie die schlechten Erfahrungen ihrer Kinder dabei ignorieren. Es ist ein viel zu einfacher Ausweg, der das Problem als solches gar nicht berührt. Denn es könnte nur der Anfang sein von diesem eigentlich hätten sie es besser wissen müssen.

Manchmal ist es nicht die direkte Wirkung von Mobbing, Missbrauch oder Aggression, sondern die Narben, welche diese Angriffe hinterlassen, die zu langfristigem Leid führen. Die Opfer fühlen sich, als wäre die Welt unkontrollierbar. Als gäbe es überall Bedrohungen, gegen die sie nichts unternehmen könnten. Sie schätzen sich oft schlechter ein, wenn sie sich mit anderen Menschen ihres Alters vergleichen. Das Gefühl, dass sie ein Witz seien und dass niemand sie ernst nehme, ist für die Opfer von Mobbing alltäglich. Die Rolle der Eltern im Leben eines betroffenen Teenagers wird umso wichtiger, damit er sich zumindest nicht auch noch in der eigenen Familie allein fühlt.

Ein ausgegrenzter und gemobbter Junge sitzt mutlos auf einer Schaukel.

Mobber rechtfertigen ihre Handlungen mit der Behauptung, sie wüssten es nicht besser, aber der Knackpunkt ist, dass sie es tun sollten

Die Eltern von jenen Kindern, die anderen Schaden zufügen, wissen oft auch nicht, was los ist. Die meisten dieser Eltern würden nicht glauben, dass ihr so sehr geliebtes Kind jemand anderen verletzen könnte. In ihren Augen handelt es sich noch immer um das unschuldige kleine Kind, das es einst war. Sie ignorieren dabei jedoch etwas sehr Wichtiges: Manche Kinder können sogar grausamer sein als manch ein Erwachsener.

Vielleicht spüren sie es aber auch im Unterbewusstsein, vielleicht haben sie das geänderte Verhalten ihres Kindes bemerkt oder sie haben gehört, wie einer der Klassenkameraden über ihren Nachwuchs gesprochen hat. Andere Eltern wissen vielleicht sogar, was ihr Kind getan hat, aber sie tun nichts dagegen. Sie denken, dass ihr Kind vielleicht kein gutes Vorbild sei, aber das allein bedeute ja nicht, dass es ein schlechter Mensch wäre. Was sie machen, ist, die Handlungen des Kindes zu rechtfertigen, indem sie sagen, dass es sich ja um Kinder handele. Dass diese einfach nur Spaß machen, dass die gemobbten Kinder es falsch aufgenommen hätten und dass sie das ja auch selbst getan hätten, als sie noch jung gewesen wären.

Menschen, die so denken, fragen ihre ehemaligen Opfer eher selten, wie sie mit dem Missbrauch und der Erniedrigung umgegangen sind. Dazu kommen diejenigen, die andere zwar nicht verletzen, stattdessen aber über die Opfer lachen, und nicht einmal merken, dass sie ihnen damit ebenso wehtun. Am Ende ist es so, als ob das, was in der Kindheit passiert, in der Kindheit bleiben würde. Die Täter erkennen nicht, dass ihre Taten das Leben der Opfer zerstören. Einige von ihnen bekommen auch Jahre später noch Schweißausbrüche, wenn sie sich an diese schrecklichen Momente erinnern. Die Wirkung hält bis zum Erwachsenenalter an: Die Opfer warten vielleicht immer noch auf Entschuldigungen, darauf, dass die Täter von einst erklären, warum sie das getan haben, was sie getan haben.

Nur in dem Fall, in dem die Eltern von Mobbern selbst auch Mobber waren, ist die Wahrscheinlichkeit etwas höher, dass das Verhalten der Kinder kontrolliert wird. Denn als Erwachsene lernen wir aus unseren Erfahrungen. Wir fangen an, unsere Fehler zu erkennen, und wir möchten nicht, dass unsere Kinder dieselben begehen. Wenn Eltern feststellen, dass ihr Kind begonnen hat, andere Menschen zu schikanieren, werden sie sich in ihnen wiedererkennen und das Gefühl haben, als Elternteil versagt zu haben. Das ist es, was sie zum Handeln bringt. Sie werden dann Maßnahmen ergreifen, nötigenfalls auch strenge Maßnahmen.

Mobber erkennen nicht, wie sehr ihr Mobbing jemanden beeinflussen kann, sodass er sich schließlich das Leben nehmen möchte. Leider kommt dies häufiger vor, als wir denken. Und wenn es passiert, sagen die Aggressoren einfach: „Nun, ich wusste nicht, dass das passieren könnte.“  Als ob diese Aussage ihre Verantwortung schwinden lassen würde. Die Wahrheit ist, es ist immer noch ihre Verantwortung. Zu sagen, dass sie nichts wussten, ändert nichts, denn am Ende des Tages hätten sie es besser wissen müssen.

Ich wurde ziemlich oft gemobbt, als ich im Internat der Opernschule in Peking aufwuchs. Ich ließ mich schikanieren, weil ich Angst hatte und nicht wusste, wie ich mich verteidigen sollte. Sie mobbten mich, bis ich einen neuen Schüler davon abgehalten hatte, selbst gemobbt zu werden. Indem ich mich für ihn einsetzte, lernte ich, für mich selbst aufzustehen.“

Jackie Chan