Eigene Toxizität – wenn du dich schützen willst, arbeite an emotionaler Verantwortung

10. März 2018 en Psychologie 106 Geteilt
Eigene Toxizität? - Mädchen mit Schmetterlingen und Blumen

In den vergangenen Jahren ist das Konzept der Toxizität zunehmend in Mode kommen, insbesondere was die Bewertung zwischenmenschlicher Beziehungen betrifft. In praktisch jedem Lebensbereich treffen wir auf Personen, die an unseren Energiereserven zehren oder uns anderweitig schaden. Das gilt für die Familie, den Freundeskreis, den Arbeitsplatz und sogar den Partner in einer Liebesbeziehung.

Bernado Stamateas, Psychologe und Autor, nutzt den Begriff „toxische Personen“, um jene Menschen zu beschreiben, die Verhaltensweisen aufweisen, die uns belasten, die in uns Frust erzeugen und den Fokus derart auf unsere Schwächen setzen, dass unser Selbstwertgefühl leidet. Dabei kann es sich um einen bewussten oder unbewussten Prozess handeln. Nicht immer ist es uns möglich, uns unsere Mitmenschen auszusuchen und den Umgang mit toxischen Personen zu vermeiden. Was passiert aber, wenn wir selbst zu diesen toxischen Personen zählen?

Auch wir selbst legen zuweilen Verhaltensweisen an den Tag, mit denen wir anderen Menschen Schaden zufügen, ohne dass das notwendigerweise unsere Absicht ist. Eigene Toxizität soll deshalb das Thema dieses Artikels sein.

Anzeichen für eigene Toxizität

Niemand wird sich gern bewusst, dass er auf andere toxisch wirkt. Es ist immer einfacher, seine Mitmenschen zu beschuldigen, zu analysieren, was diese für Fehler machen, und sie wiederholt darauf hinzuweisen, was jedoch an sich ändern sollten. Tatsächlich ist es aber so, dass wir alle zu einem gegebenen Zeitpunkt in unserem Leben als toxische Person auftreten.

Beispiele für Verhaltensweisen, die eine toxische Personen zeigt, sind solche, die sie als Opfer dastehen lassen, sind manipulierende Handlungen, mit denen egoistische Ziele verfolgt werden. Toxische Menschen können nicht zum Ausdruck bringen, wie hoch sie den Erfolg eines ihrer Mitmenschen anerkennen. Sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, ihn vom eigenen Standpunkt zu überzeugen, um ihn dann als Sprungbrett in noch höhere Sphären zu nutzen. Ziele und Träume anderer werden regelmäßig kleingeredet und ihren Meinungen wird keinerlei Bedeutung beigemessen. Wenn das alles nicht hilft, bleibt ihnen immer noch die Strategie, ihrem Umfeld im Allgemeinen und einzelnen Personen im Besonderen die Schuld an ihrem Unwohlsein und ihren Misserfolgen zu geben.

Das klingt alles ganz schön drastisch und das ist es auch. Aber wenn du ehrlich zu dir selbst bist: Hast du nicht schon einmal auf deinem Standpunkt beharrt, nur weil du zu stolz warst, zuzugeben, dass du dich geirrt hast? Wer hat nicht schon einmal soviel Frust in sich angestaut, dass er schließlich wahllos verbale Hiebe gegen seine Mitmenschen ausgeteilt hat? Und tief in unserem Inneren wussten wir in all diesen Situationen, dass wir andere mit unserem Verhalten verletzen. Es sind genau diese Situationen, in denen wir selbst zu toxischen Personen werden.

Gewitterwolke um den Kopf

Es liegt nicht immer in unserer Macht, zu verhindern, dass wir in diese Spirale der Negativität hineinrutschen. In diese Spirale, deren Wände aus unseren Versuchen, andere zu kontrollieren, geformt sind, aus unserem Wunsch, sie auf unsere Ziele hinarbeiten zu lassen und gleichzeitig das Zentrum der Aufmerksamkeit zu sein. Es ist gar nicht so schwer, ein toxischer Mensch zu sein, und mitunter bekommen wir es gar nicht mit.

Niemand hat uns gesagt, dass es verschiedene Grade der Toxizität gibt und dass wir generalisieren, wenn wir lediglich von „toxischen Personen“ sprechen. Nur ganz selten ist ein Mensch wirklich toxisch. Vielmehr zeigen wir alle dann und wann toxische Verhaltensweisen. Wenn wir sie bei anderen sehen, sollten wir uns fragen, was hinter ihnen steckt.

Wer toxische Verhaltensweisen zeigt – egal ob wir das nun selbst sind oder es einen unserer Mitmenschen betrifft – projiziert nach außen, was ihm an Leeren und Konflikten in seinem Inneren zu schaffen macht. Er zeigt, dass sein Fokus auf etwas Negatives gerichtet ist. Dabei mag es sich um Lasten handeln, die wir seit langer Zeit mit uns herumtragen, um Ketten der Angst, fehlende Zuneigung oder Schuldgefühle, mit denen wir nicht angemessen umgegangen sind. Sie alle können sich in toxischem Verhalten äußern und werden dabei in aller Regel von mangelndem emotionalen Verantwortungsbewusstsein und geringer Empathie begleitet. Was wirklich toxisch ist, ist lediglich die Art, wie wir mit Situationen und den Gefühlen, die diese in uns wecken, umgehen.

Toxisches Verhalten uns selbst gegenüber

Wenn wir toxisches Verhalten zeigen, dann schaden wir damit nicht nur unserem Umfeld, sondern auch uns selbst. Nicht selten werden wir dabei zu unserem schlimmsten Feind. Unsere Einstellung, unsere Gemütslage und unser Selbstbild hängen stark davon ab, wie wir uns selbst behandeln und zu uns sprechen. Wenn wir uns zum Richter erklären und uns beständig als unnütz und nicht gut genug bezeichnen, machen wir uns auch zum Henker. Wir handeln uns selbst gegenüber toxisch und verurteilen uns zu mangelndem Selbstwertgefühl und Unwohlsein. Auf eine gewisse Weise zwingen wir uns gar dazu, unsere zwischenmenschlichen Beziehungen durch konfliktive Taten und Äußerungen zu unterwandern.

Es ist nicht notwendig, das wir unseren Selbstwert reduzieren und Schuldgefühle generieren, wenn er einen Fehler machen. Ein Irrtum rechtfertigt nicht, dass wir uns schlecht behandeln. Ganz im Gegenteil, wir können stolz darauf sein, etwas versucht zu haben, und sollten unsere Energien nun darauf fokussieren, die Ursache für die Niederlage ausfindig zu machen und alternative Strategien zu entwickeln. So beschreiten wir nicht nur den Weg zum persönlichen Erfolg, sondern auch zu erfolgreichen Beziehungen.

Die eigene Toxizität akzeptieren, um sich zu ändern

Es bedarf einer großen Portion Ehrlichkeit und eines hohen Grades an emotionaler Verantwortung, zu akzeptieren, dass wir selbst zu einer toxischen Person geworden sind. Und dennoch ist dieser Schritt essenziell, um eine Veränderung einzuleiten. Deshalb ist es wichtig, dass er darauf achten, wie wir uns verhalten. Nur so können wir toxische Verhaltensweisen erkennen, über ihre Ursachen reflektieren und sie beseitigen oder verarbeiten.

Inneres Gefängnis

Vielleicht erkennen wir in dieser Phase des Prozesses, dass unser Wunsch nach Kontrolle über die anderen auf mangelnder Selbstsicherheit beruht, dass unsere Negativität der Ausdruck einer sehr kritischen Erziehung ist und wir unseren Geist einer positiveren Sichtweise öffnen müssen, oder dass es uns an emotionaler Reife fehlt und wir deshalb versuchen, unsere Ziele über die Manipulation unserer Mitmenschen zu erreichen. Je nachdem zu welchem Schluss wir kommen, sind unterschiedliche Strategien des Ausdrucks und der Regulation unserer Emotionen zu verfolgen.

Das Wichtigste ist, dass wir akzeptieren, dass wir konfliktives Verhalten zeigen und dafür die Verantwortung übernehmen müssen. Das ist nur möglich, wenn wir verstehen, welche Auslöser zu diesem Verhalten geführt haben. Es geht dabei nicht darum, einen Sündenbock zu finden, den wir dafür verantwortlich machen, dass wir uns schlecht fühlen, sondern darum, die Verantwortung für uns selbst zu übernehmen. Mit allem, was dazugehört.

5 Schlüssel, um emotional verantwortungsbewusst zu leben

Um zu verhindern, dass die Toxizität die Kontrolle über unser Leben übernimmt, müssen wir an unserer emotionalen Verantwortung arbeiten. Ein hohes Maß an emotionaler Verantwortung bedeutet Reife, bedeutet, verstanden zu haben, dass nur wir entscheiden können, wie wir mit gegebenen Situationen umgehen und welche Gefühle wir sie in uns wecken lassen.

Aber wie können wir uns in emotionaler Verantwortung schulen?

  • Indem wir uns in emotionale Intelligenz üben. Der richtige Umgang mit unseren Gefühlen und Emotionen ist Voraussetzung dafür, dass wir die Verantwortung für das übernehmen können, was in unserem Inneren geschieht. Dazu ist es hilfreich, uns mit positiven Menschen zu umgeben, uns in Selbstkontrolle zu üben und zu lernen, Grenzen zu setzen. Es ist niemals falsch, das Positive an den Dingen zu suchen. Auch wenn uns das manchmal schwerfallen mag, so hilft es uns doch, zu vermeiden, dass die Toxizität in unsere Seele einzieht.
  • Indem wir es vermeiden, anderen die Schuld zu geben. Die Emotionen, die wir verspüren, entstehen in uns, nicht in anderen. Deshalb ist es notwendig, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf unser Inneres lenken. Wie wir bereits erwähnt haben, geht es nicht darum, einen Schuldigen zu finden, sondern darum, mit unserem Unwohlsein angemessen umzugehen.
  • Indem wir die Verantwortung dafür übernehmen, was wir fühlen. Es ist keine leichte Aufgabe, sich der Last bewusst zu werden, die unsere Emotionen zuweilen darstellen. Gehen wir deshalb kleine Schritte. Machen wir aus einem „Du regst mich auf“  oder „Du machst mich wütend“  ein „Das, was geschehen ist oder was du getan hast, lässt mich wütend werden. Ich bin derjenige, der Wut und Zorn spürt. Ich werde sie zulassen und nicht unterdrücken, um mich dann bewusst zu entscheiden, wie ich mit ihnen umgehe“.  Auf diese Weise erkennen wir an, dass auch jene Gefühle, die uns nicht angenehm sind, zu uns gehören.
  • Indem wir unsere Emotionen angemessen kanalisieren. Wenn wir Gefühle wie Wut, Trauer und Angst zulassen, wird es uns wesentlich leichter fallen, zu verstehen, welche Botschaft sie überbringen.
  • Indem wir bewusst handeln. Es gibt Dinge, die liegen einfach außerhalb unserer Kontrolle. Wir können nicht beeinflussen, wie die Menschen in unserem Umfeld handeln oder was uns der Zufall an Steinen in den Weg legt. Aber wir können bewusst entscheiden, wie wir alltäglichen und außergewöhnlichen Situationen begegnen. Dazu konzentrieren wir uns am besten auf unser Inneres, spüren, was dort geschieht, und wägen unserer Möglichkeiten ab. Wir sollten nie vergessen, dass die Entscheidung über unser Handeln allein bei uns liegt.

Frau mit geschlossenen Augen inmitten von Blumen

Wie wir gesehen haben, ist toxisches Verhalten in den meisten Fällen ein Abwehrmechanismus, mit dem wir versuchen, unsere emotionalen Wunden zu verstecken. Dieser Abwehrmechanismus lässt sich am besten ausschalten, indem wir an unserer emotionalen Verantwortung arbeiten. Das Leben ist nicht immer leicht und jeder Mensch, jede Person, ist eine bunte Ansammlung von Geschichten, Umständen und Erfahrungen, die sie gelehrt haben, sich vor Schmerz und Leid zu schützen. Nicht immer werden dazu gesunde Strategien verfolgt, aber wenn wir uns unser toxisches Verhalten bewusst machen, dann können wir es auch korrigieren und Herausforderungen als das annehmen, was sie tatsächlich sind: Chancen zu persönlichem Wachstum.

Auch interessant