Mit Zwangsstörungen leben. Wie sieht das aus?

2. Juli 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Mit Zwangsstörungen leben - Schwarzgekleidete Frau mit einem Regenschirm

Hast du jemals darüber nachgedacht, wie es wäre, von Ordnung, Sauberkeit oder anderen Regeln besessen zu sein? Bist du vielleicht selbst betroffen? Wir reden hier von Zwangsstörungen. Diese Störungen haben zwei Gesichter: Einerseits gibt es Obsessionen, die den Geist des Einzelnen besetzen und als sehr negativ empfunden werden. Andererseits entwickelt die Person offensichtliche oder verdeckte Zwänge, um das durch die Obsession verursachte Unbehagen zu verringern.

Der Kreislauf zwischen „Besessenheit tritt zutage“ und „Zwang wird ausgelöst“ bestimmt das Leben derjenigen, die mit Zwangsstörungen leben müssen. Sie leben mit einem hohen Maß an Leid und Angst, fühlen sich wenig verstanden und verbringen zudem viel Zeit damit, mittels zwanghafter Rituale ihre Obsessionen abzuwenden.

In diesem Artikel beschreiben wir, wie ein Mensch mit Zwangsstörungen seinen Alltag gestaltet und welche Gedanken, Gefühle und Ängste er hat.

Angst ist der Protagonist der Zwangsstörungen

Eine Person mit Zwangsstörungen lebt in steter Angst. Dieses Gefühl ist so etwas wie ihr Schatten. Warum? Zwangsstörungen basieren auf Angstzuständen und es ist die Notwendigkeit, ihn zu vermeiden und zu überwinden, die zu den zugehörigen Verhaltensweisen motiviert. Wenn die Besessenheit zutage tritt, beginnt die Angst, größer zu werden. Führt die Person das zwanghafte Ritual nicht aus, weicht die Angst allmählich einer unerträglichen Furcht.

So wird eine von Sauberkeit besessene Person praktisch keine Angst verspüren, solange sie sich mit dem Händewaschen beschäftigen kann. Aber wer hat schon genug Zeit, den Tag am Waschbecken zu verbringen? Welche Haut kann den ganzen Tag mit Seife in Kontakt bleiben, ohne Schaden davonzutragen?

Frau wäscht sich die Hände

Stelle dir nun vor, wie diese Person öffentliche Verkehrsmittel benutzt, den Knopf drückt, um den Aufzug in den fünften Stock zu beordern, und dann beginnt, über die Keime an ihren Fingern nachzudenken. Da sie sich in diesem Fall an einem Ort befindet, wo sie ihrem Zwang, dem Händewaschen, nicht unverzüglich nachgehen kann, empfindet sie eine Menge Angst. Jede Minute, die vergeht, ohne dass sie sich waschen kann, wird ihre Angst steigern.

Daraus lässt sich schlussfolgern, dass eine Person mit Zwangsstörungen nur sehr eingeschränkt in der Lage ist, eine normale Routine zu pflegen. Zwangsneurotiker vermeiden Situationen, die sie ihrer größten Furcht aussetzen (in diesem Fall der Kontakt zu schmutzigen Gegenständen) oder die sie daran hindern, ihrem ausgleichenden Zwang zu frönen. Daraus folgt ein Leben, das sich auf das häusliche Umfeld, kurze Wege, kleine Gruppen von Freunden und wenig bis gar keine soziale Aktivität beschränkt.

Die Angst vor den eigenen Gedanken: der Geist als unkontrollierbarer Feind

Menschen mit Zwangsstörungen haben Angst vor dem, was ihr eigener Verstand ihnen vermittelt. Sie sind der Illusion erlegen, dass das Nachdenken über einen Zustand die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass dieser eintritt. Ferner legen sie sich Regeln dazu auf, wie sie handeln und was sie denken dürfen. Denn Betroffene glauben, dass, wenn sie diesen Vorschriften nicht folgen, der schlimmste anzunehmende Unfall geschehen würde. Der strategische Fehlschluss, der ihre Angst über die Zeit aufrechterhält, ist das zwanghafte Ritual.

Es ist eine unmögliche Aufgabe, absolute Kontrolle über unsere Gedanken zu haben. Der Versuch, nicht an einen „rosa Elefanten“ zu denken, bewirkt nichts anderes, als uns an dieses Fantasiegeschöpf denken zu lassen. Das gilt auf für diejenigen, die mit Zwangsstörungen leben. Je mehr sie etwas zu vermeiden suchen, desto eher werden sie es erreichen.

Menschen mit einer Zwangsstörung fürchten sich davor, nicht kontrollieren zu können, was im Mittelpunkt ihres Bewusstseins steht. Schließlich will der Betroffene die Gedanken, die ihn erschrecken oder in Angst versetzen, radikal beseitigen. Aber er scheitert in all seinen Versuchen, weil er etwas anstrebt, was nicht zu erreichen ist.

Besorgter Mann als Ausdruck von Zwangsstörungen

Vor diesem Hintergrund können wir verstehen, dass zwanghafte Menschen nach dem suchen, was ihr Verstand ihnen diktiert. Sie versuchen, ihre Gedanken mit ungeeigneten Mitteln zu kontrollieren. Doch da sie es nicht können, verwandelt sich ihre Angst in Furcht. Nur zwanghafte Rituale scheinen sie zurück in ihre Komfortzone zu bringen. So leben sie gefangen in ihren Köpfen. Sie vermeiden es, durch Erfahrung zu bestätigen, dass „nichts passiert“, wenn sie das Ritual nicht durchführen. Tag für Tag müssen sie versuchen, das Unkontrollierbare zu kontrollieren.

Wenn du einen Betroffenen kennst, ist es sehr wichtig, dass du nicht versuchst, seine Obsessionen und Rituale zu rationalisieren. Denn eigentlich weiß er, dass es wahrscheinlich ist, dass das, was er erwartet und fürchtet, nicht passieren wird.  Das Beste, was du tun kannst, ist, ihn zu einen auf Zwangs- und Angststörungen spezialisierten Psychologen zu bringen. Hilf ihm bei der Suche und wenn ihr einander vertraut, kannst du mit ihm sogar zur ersten Sitzung gehen.

Denke daran, dass Zwangsstörungen sehr behindernd sein können. Es gibt allerdings Therapien, die sich als wirksam erwiesen haben, ihre negativen Auswirkungen auf das tägliche Leben des Betroffenen zu reduzieren.

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