Mit ihren Augen sprechen Tiere eine einzigartige Sprache

· 9. Juni 2017

Wenn ich in die Augen meines Hundes, meiner Katze oder jedes anderen Tieres schaue, dann sehe ich kein „Tier“. Ich sehe ein Lebewesen wie mich selbst, einen Freund, eine Seele, die Zuneigung und Angst kennt und die den gleichen Respekt wie jede Person verdient.

Die Macht eines Blickes geht weit über den Sinn des Sehens hinaus. So wundervoll es scheinen mag, unsere Sehnerven sind in der Tat sehr eng mit dem Hypothalamus verbunden, einer empfindlichen und urtümlichen Struktur, in der unsere Emotionen und unser Gedächtnis sitzen. Der, der schaut, fühlt – und das ist etwas, was auch Tiere erleben.

Wenn die Augen das Fenster zur Seele sind, dann sagt mir etwas, dass auch Tiere eine besitzen. Denn nur sie wissen, wie sie in dieser Sprache kommunizieren, die keine Worte braucht: Es ist die Sprache von Zuneigung und dem ehrlichsten Respekt, den es gibt.

Wir alle haben schon einmal Folgendes erlebt: eine Katze oder einen Hund adoptiert zu haben und dann eine sehr intensive Verbindung zu ihnen aufgebaut zu haben, nur indem wir dem Tier in die Augen geschaut haben. Ohne dass wir wüssten wie, haben sie uns eingefangen und in ihren Bann gezogen. Allerdings sagen uns Wissenschaftler, dass es noch etwas Tieferes und weitaus Interessanteres als das gibt.

Die Augen von Tieren, eine sehr alte Verbindung

Zwei der Spezies, die schon seit Tausenden von Jahren mit den Menschen zusammenleben, sind Hunde und Katzen. Niemand ist mehr von der weisen Art und Weise überrascht, auf die sie mit uns umgehen. Sie schauen uns direkt in die Augen und können mit jeder Art von Geste, Schwanzbewegung und verschiedensten Blicken Bedürfnisse und Wünsche ausdrücken.

Wir haben unser Verhalten und unsere Sprache so lange angepasst, bis wir uns gegenseitig verstehen konnten. Das ist das Ergebnis einer Evolution, während der sich verschiedene Arten daran gewöhnt haben, zusammenzuleben, um voneinander zu profitieren. In diesem Kontext ging aus einer interessanten Studie vom Anthropologen Evan MacLean eine weitere Tatsache hervor, die uns demnach auch nicht überraschen sollte: Hunde und Katzen können Emotionen ziemlich gut lesen, indem sie uns in die Augen schauen. Unsere Haustiere sind weise Meister der Gefühle. Sie können grundlegende Muster in den Gesten erkennen und sie mit einer Emotion in Verbindung bringen – und nahezu niemals begehen sie dabei Fehler. Außerdem erklärt uns die Studie noch, dass Menschen dazu neigen, mit Hunden oder Katzen eine Verbindung aufzubauen, so wie sie es auch mit kleinen Kindern tun würden.

Wir ziehen sie auf, kümmern uns um sie und bilden eine so starke Verbindung zu einem weiteren Familienmitglied. Das ist etwas, was nach so vielen Jahren von Interaktion zu vielen Vorteilen für beide geführt hat.

Unsere neuronalen Netzwerke und die Chemie unserer Gehirne reagieren auf die Interaktion mit einem Tier genauso, wie auf ein Gespräch mit einem kleinen Kind oder einem Menschen, der unsere Aufmerksamkeit braucht: Wir schütten Oxytocin aus, das Hormon der Zuneigung und Fürsorge. Gleichzeitig verhalten auch sie sich auf die gleiche Art und Weise mit uns. Wir sind ihre soziale Gruppe, ihre Herde, diese Menschen, mit denen sie die Couch und ihre neun Leben teilen können.

Biophilie, die Verbindung zur Natur und den Tieren

Die Welt ist sehr viel schöner, wenn wir sie mit den Augen eines Tieres sehen. Wenn alle von uns diese außergewöhnliche Fähigkeit nutzen müssten, um uns so mit ihnen zu verbinden, dann würden wir uns an Aspekte „erinnern“, die uns eigentlich angeboren sind und die wir aufgrund der Hetze der Zivilisation vergessen haben.

Unsere Gesellschaft bedeutet Konsum und die Ausbeutung von Ressourcen und dadurch verletzen wir diesen Planeten Erde. Wir sollten die Erde an unsere Enkel mit der gleichen Schönheit weitergeben, wie auch wir sie bekommen haben, mit einem intakten Ökosystem, mit der gleichen wunderschönen Natur, vibrierend und glitzernd und nicht mit so vielen irreparablen Rissen.

Als einen Hund zu haben implizierte, dass man als Spezies besser überleben konnte

Edward Osborne Wilson ist ein amerikanischer Biologe und Entomologe, der den Begriff „Biophilie“ prägte. Dieses Wort definiert die Liebe für alles Lebende und das, was jene von uns erleben, die Tiere sehr lieben. Laut diesem Wissenschaftler liegt die Anziehung, die wir unseren Haustieren gegenüber empfinden, in den frühen Phasen der Evolution unserer Spezies.

Wenn wir in die Augen eines Tieres schauen, dann entsteht in uns ein emotionaler und genetischer Bund, ohne dass wir uns dessen überhaupt bewusst sind. Menschen haben eine sehr enge Verbindung zu bestimmten Arten wie dem Hund, einem der relevantesten Tiere in den alten Zeiten, als unsere Priorität noch das Überleben war, geschaffen. Eine von Edward Osbornes Theorien ist, dass Menschen, die in ihrer sozialen Gruppe auch mehrere Hunde hatten, bessere Überlebenschancen hatten als jene, die diese Symbiose nicht nutzten. Jene Menschen, die es schafften, ein Tier anzunehmen, es zu domestizieren und eine Verbindung von Zuneigung und gegenseitigem Respekt zu erschaffen, waren stärker an die Natur gebunden, an ihre Zyklen, an diese Geheimnisse, mit denen sie mehr Ressourcen finden konnten und so im Leben besser vorankamen: Wasser, Nahrung, Spiel.

Vielleicht können wir Hunde heute nicht mehr dazu gebrauchen, um Essen zu finden, aber trotzdem ist die Nähe und die Gesellschaft eines Hundes oder einer Katze für viele Menschen noch immer absolut notwendig, um zu „überleben“.

Tiere geben uns Zuneigung, sehr viel Gesellschaft, sie lindern Schmerzen, sie bringen uns Freude und erinnern uns jeden Tag daran, warum es so wohltuend ist, ihnen in die Augen zu schauen. Sie brauchen keine Worte, denn ihre Sprache ist sehr viel älter, fundamentaler und sogar wundervoll primitiv. Es ist die Sprache der Liebe.

Höre nicht damit auf, ihre Blicke zu genießen; schau dir dein Spiegelbild in ihren Augen an und du wirst all die großen Dinge, die in dir schlummern, entdecken.