Mit anderen über unsere Gefühle zu sprechen, hat einen therapeutischen Effekt

12, August 2017 en Psychologie 453 Geteilt

Hin und wieder neigen wir dazu, unsere Gefühle in Gegenwart anderer zu verbergen. Es beschämt uns, anzuerkennen, dass wir Gefühle verspüren, die wir als negativ erachten, weil wir – fälschlicherweise – glauben, dass uns das in den Augen anderer zu schwachen Menschen macht. Wir wollen emotional stark sein, uns durch nichts aus der Ruhe bringen lassen und den Eindruck vermitteln ein „reifer und rationaler Mensch“ zu sein.

Natürlich ist es wunderbar, wenn wir uns darin üben, rational zu denken und zu versuchen, jeden Tag ein bisschen reifer zu werden. Das ist zunächst großartig für uns selbst, weil wir so in der Lage sein werden, uns von vielem Unnötigen zu verabschieden. Es ist auch eine Tatsache, dass sich unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen verbessern, denn wenn wir Ereignisse nicht dramatisieren, wissen, auf angemessene Weise mit unseren Gefühlen umzugehen und besonnen zu handeln, hat das mit Sicherheit Auswirkungen auf unser Umfeld.

Das soll aber nicht heißen, dass mit unseren Gefühlen nicht menschlich sind. Im Laufe unseres Lebens fühlen wir uns unvermeidbar öfter unglücklich, ängstlich oder jähzornig als uns das lieb ist. Da das natürlich ist, ist das Beste, das wir tun können, das auch als normal anzusehen, uns nicht zu verstecken und uns in Selbstakzeptanz zu üben. Doch auch das sollten wir immer in einem angemessenen Maß tun. Auch wenn es einen therapeutischen Effekt hat, mit anderen über unsere Gefühle zu reden, sollten wir das nicht übermäßig tun, da das genau den gegenteiligen Effekt haben kann.

Wieso ist es gut für uns, über unsere Gefühle zu reden?

Egal, ob es um negative oder positive Gefühle geht, es tut uns immer gut, wenn wir sie mit anderen teilen.

  • Im Falle der positiven Gefühle, weil sie sich so noch verstärken, gefeiert werden können und eine schöne Zeit schaffen. Jeder erzählt seinem Partner gern, dass er befördert wurde oder anderweitig erfolgreich war, nicht?
  • Auf der anderen Seite haben wir auch verschiedene Gründe, wieso wir unsere negativen Gefühle mit anderen teilen sollten. Der Hauptgrund besteht darin, dass wir so die Flucht vor dem Gefühl vermeiden und es wahrscheinlicher wird, dass wir die Verantwortung dafür übernehmen, eine Lösung für dieses negative Gefühl zu finden, wenn wir darüber sprechen. Wenn wir ein Gefühl zum Ausdruck zu bringen, hat das normalerweise zur Folge, dass es an Intensität verliert. Sobald wir über es sprechen, können wir die Situation, die dieses Gefühl hervorgerufen hat, aus einer anderen, häufig weniger schwarzmalerischen Perspektive betrachten.

Wenn wir versuchen, das Gefühl auszuradieren, als wäre es mit einem Bleistift auf Papier geschrieben, erreichen wir dadurch nur, dass sich dieses Gefühl noch verstärkt. Wir sagen zu uns selbst, dass „wir uns nicht so fühlen sollten“ und diese Anforderung an uns selbst erhöht den Druck. Die Konsequenz daraus ist, dass unsere Angst und unser Unbehagen größer werden, was wiederum dazu führt, dass das Gefühl noch intensiver wird.

Sobald wir unsere Gefühle mit jemandem teilen, akzeptieren wir dieses Gefühl und geben ihm einen Raum in unserem Körper. Auf diese Weise verringern wir die Intensität dieser Emotion.

Wenn wir über unsere Gefühle sprechen, verbessert das dazu noch unsere Beziehungen. Zu erlauben, jemand anderen an unseren Emotionen teilhaben zu lassen, zeigt unsere Wertschätzung und Zuneigung zu dieser Person und gibt ihr das Gefühl, dass sie bedacht wird.

Zwei Köpfe denken immer besser als einer, was heißen soll, dass sich zu zweit wahrscheinlich leichter eine Lösung für das Problem finden lässt. Manchmal fühlen wir uns so niedergeschlagen, dass wir nicht sehen können, was unsere Mitmenschen mühelos in der Lage sind, zu erkennen.

Wann soll ich mit anderen über meine Gefühle reden?

Jedes Mal, wenn du in deinem Inneren eine Last verspürst, eine dunkle Wolke über dir schwebt, die es dir unmöglich macht, klar zu denken, geschweige denn effektiv zu handeln, ist es angebracht, dich mitzuteilen. Du kannst dich deinem besten Freund, deinen Eltern oder einem Psychologen anvertrauen. Ganz gleich, für wen du dich entscheidest, du solltest größere Probleme auf keinen Fall allein mit dir ausmachen.

Es gibt Situationen, in denen es sehr schwerfällt, über seine Gefühle zu sprechen. Aber wir sollten mutig sein, unsere Scham hinter uns lassen und die Entscheidung treffen, es einfach zu tun.

Wenn unser Partner beispielsweise etwas tut, das uns missfällt, wäre es angebrachter, ihm zu sagen, wie wir uns fühlen, anstatt Stillschweigen zu bewahren und es herunterzuschlucken. Falls wir das nicht tun, wird das Fass irgendwann überlaufen und unsere Art, uns mitzuteilen, wird nicht angemessen sein.

Du solltest immer damit beginnen, die Verantwortung für deine Gefühle zu übernehmen. Aus diesem Grund sollte dein erster Satz lauten: „Ich fühle mich…“,  gefolgt von deinen Gründen für diese Gefühle, und beenden solltest du das Gespräch stets auf einer positiven Note und mit gegenseitiger Akzeptanz.

Wir können unsere Emotionen auch mit Menschen teilen, die nichts mit dem Problem zu tun haben, so wie mit einem Freund. Er wird uns seine Meinung dazu nennen und uns dabei helfen, eine Lösung zu finden. Du solltest aber auf keinen Fall andere kritisieren, weil du sonst genau das Gegenteil von dem erreichst, was du willst: Deine Negativität wird noch größer werden.

Bringe deine Gefühle immer zum Ausdruck, wenn du kannst. Du bist ein Mensch und es ist normal, Gefühle zu verspüren. Das tun wir alle. Es macht dich nicht zu einem stärkeren Menschen, wenn du vermeidest, über sie zu reden, sondern genau das Gegenteil ist der Fall, da du wegen einer möglichen Zurückweisung nur noch ängstlicher wirst.

Denke immer daran, dass es nicht nur für dich gut ist, über deine Probleme und Emotionen zu sprechen, sondern auch für dein Umfeld, weil du deinen Mitmenschen damit das Gefühl gibst, ihnen zu vertrauen, und das stärkt die Bindung zu ihnen.

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